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Warum alles nie so schön war und auch niemals so schlimm kommen wird

Schlitten fahren mit Scheinriesen

Erinnern Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sich noch an Herrn Tur Tur? Der Scheinriese aus dem Buch „Jim Knopf“ hatte die verblüffende Eigenschaft, umso größer auszusehen, je weiter man vom ihm entfernt war. Beim Näherkommen schrumpfte er, bis man ihm schließlich auf durchschnittlicher Augenhöhe gegenüberstand. WENN man nicht schon vorher die Flucht ergriffen hatte… Regelmäßig um den Jahreswechsel herum fällt mir diese Geschichte wieder ein, dann allerdings gleich doppelt.

veröffentlicht am 18.01.2020 um 08:00 Uhr

Juni

Autor

Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Denn regelmäßig um den Jahreswechsel herum bekomme ich es mit gleich zwei Scheinriesen oder besser: -riesinnen zu tun. Die eine heißt Zukunft, die andere Vergangenheit. Gefühlt sind beide nie weiter weg, als um Neujahr herum – und deshalb auch nie riesiger.

Ihre schiere Größe ist dann aber auch schon alles, was sie (auf den ersten Blick) gemeinsam haben. Denn während sich die Zukunft wie eine grimmig dreinblickende Amazone am Horizont aufbaut, der man nicht zwingend im Dunkeln und manchmal auch lieber gar nicht begegnen möchte, kommt die Vergangenheit als gigantische Übermutter daher, die nicht nur mit den dickeren Kartoffeln, sondern auch mit dem dickeren Busen zum Anbucken lockt.

Hach, war das schön! Damals, als es noch echte Winter gab und sich die Familie bei Kerzenschein am Esstisch versammelte, um nach dem Schlittenfahren bei einem Tässchen heißer Schokolade den Tag mit einer Runde „Mensch ärgere dich nicht“ ausklingen zu lassen. Vorm Fenster ein halber Meter Neuschnee, am klaren Nachthimmel die Sterne und um die Schultern die geerbte Karodecke von Omma, die nostalgisch nach Uralt- Lavendel duftete.

SO wird es nie wieder werden, knurrt die Zukunft aus der Ferne. Die Kinder sind zu alt für Brettspiele und schon bald aus dem Haus. Vielleicht auf Nimmerwiedersehen. Und wenn sie VIELLEICHT doch mal zu Besuch kommen, hast du garantiert gerade keinen Kakao im Haus. Vom Klimawandel hast du auch schon gehört, nicht wahr…? Schnee, pah!, den wird es vielleicht überhaupt nicht mehr geben. Es könnte regnen an so einem Tag, und an der Wolldecke könnten sich die Motten sattgefressen haben. Lavendelduft hin oder her!

Der Impuls ist verständlich, sich nun einfach eine Decke über den Kopf zu ziehen (nicht die von Omma, denn die muss jetzt erst mal gründlich auf Mottenbefall kontrolliert werden) und darauf zu hoffen, dass das Leben eines Tages ganz von selbst und ohne weitere Fortbewegung zu Ende gehen wird. Bevor es so weit kommt, riskiere ich aber vorsichtshalber doch noch einen zweiten, NÄHEREN Blick auf die beiden Riesinnen in der Ferne. Krame in meinem Langzeitgedächtnis und stelle fest: Ganz so, wie beschrieben, war es nicht.

Ja, es gab Schnee. So richtig zuletzt in 2006. Aber da lebte Omma ja noch und konnte ihre Wolldecke also noch gar nicht vererbt haben! Widerwillig streiche ich den Uralt-Lavendel-Geruch aus meinem Bild und schaue noch genauer hin. Tatsächlich erinnere ich mich jetzt daran, irgendwann einmal(!) mit meinen Kindern besagtes Brettspiel gespielt zu haben. Und zwar, weil es seit Tagen schon geREGNET hatte und an andere Unternehmungen nicht zu denken war. Von wegen Schlittenfahren… Auch an der heißen Schokolade kommen mir nun leise Zweifel.

Die Riesin hinter mir ist schon ein ganzes Stück kleiner geworden. Überhaupt scheint sie nur deshalb so riesig zu sein, weil sie mit ihren molligen Armen alles Schöne zusammenrafft, was mir jemals bei unter null Grad passiert ist. Und aus unzähligen halbperfekten Wintertagen einen einzigen, gigantisch Großen zusammenzimmert, den es so niemals gegeben hat.

Müßig zu erwähnen, dass es sich bei näherem Hinsehen mit der zweiten Scheinriesin ganz ähnlich verhält. Nur dass sie statt mit schönen Erinnerungen mit meinen Sorgen bastelt. Und aus sämtlichen Katastrophen und Eventualitäten, die VIELLEICHT irgendwann einmal einzeln eintreffen könnten, ein einziges, überlebensgroßes Horrorszenario konstruiert, das es so niemals geben wird.

Mit mehr Mottenpapier und einer eisernen Kakao-Reserve lässt sich das Risiko jedenfalls ganz erheblich minimieren.



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