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1. Oktober 1956: Die Tagesschau sendet jetzt täglich montags bis samstags

Schlag acht

veröffentlicht am 26.09.2016 um 07:38 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:13 Uhr

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Um 20 Uhr ist die Welt bestens geregelt: Vor dem Gong müssen die Teller in der Spülmaschine sein, nach dem Wetter müssen die Kinder ins Bett. Jeden Abend schalten Millionen Deutsche Punkt acht Uhr die Tagesschau ein und erfahren hier in 15 Minuten, dass die Welt schlecht ist und traurig, dann kommt die Wettervorhersage sowie manchmal die bittere Gewissheit, auch morgen malochen zu müssen, weil wieder einmal die falschen Lottozahlen gezogen wurden.

Tagesschau, das bedeutet Kompetenz, Seriosität und Sicherheit. Sie sagt abends, was vom Tag wichtig war, schafft Ordnung in dem immer größer werdenden und immer schneller fließenden Nachrichtenwust, Schlag 20 Uhr ist „Tagesschau“-Zeit im deutschen Fernsehen. Am 26. Dezember 1952 erlebt die „Tagesschau“ in Hamburg ihre Premiere. Zunächst wird sie dreimal pro Woche gesendet und besteht aus Restmaterial der Kino-„Wochenschau“-Ausgaben.

Anfangs zeigen die Beiträge spektakuläre Unfälle, Katastrophen und Kurioses aus aller Welt. Ab 1. Oktober 1956 erscheint die „Tagesschau“ sechsmal in der Woche, ab 1961 auch sonntags. Das Programm erreicht anfangs etwa 1000 Zuschauer. Thema der ersten Tagesschau-Sendung ist die Korea-Reise Eisenhowers, die aber doch schon mehrere Wochen zurückliegt, das Richtfest für die Fernsehstudios in Hamburg-Lokstedt, eine Eisrevue und das Fußballspiel Deutschland gegen Jugoslawien. Die Tagesschau ist in jenen Tagen ein Mix aus Katastrophen, Sport und bunten Nachrichten, die Politik spielt eine untergeordnete Rolle. Die Unterhaltung steht im Vordergrund.

Auf einen sichtbaren Sprecher verzichtet man in den ersten Jahren, Cay-Dietrich Voss präsentiert die Nachrichten mit einem Redakteur aus der Sprecherkabine.

Karl-Heinz Köpcke wird der erste Tagesschau-Sprecher, er hat diese Aufgabe vom 2. März 1959 bis zum 10. September 1987 inne – und wird immer wieder für den amtlichen Regierungssprecher gehalten. Als er 1974 mit einem Schnauzbart vorliest, hagelt es Zuschauerproteste. Neben oder nach ihm folgen Sprecher, deren Namen auf eine andere Republik verweisen: Wilhelm Stöck, Werner Veigel, Wilhelm Wieben, Lothar Dombrowski, Jo Brauner, Eva Herman.

„Für Millionen deutscher Staatsbürger ist die Tagesschau des Deutschen Fernsehens zu einer selbstverständlichen Gewohnheit geworden“, schreibt bereits 1962 der damalige ARD-Vorsitzende Hans Bausch zum zehnten Jubiläum der Sendung.

Die erste Wettervorhersage läuft unter der Bezeichnung „Das Wetter von morgen“ am 1. März 1960. Die Daten werden vom Deutschen Wetterdienst bezogen. Zunächst wird auf den Wetterkarten Deutschland in den Grenzen von 1937 dargestellt. Nachdem dies geändert wurde, protestieren die Vertriebenenverbände. Seit 29. März 1970 sendet die Tagesschau in Farbe, das Design wurde verändert, Illustrationen sollten die Nachrichtenthemen verdeutlichen. Seit demselben Tag verzichtet die Redaktion bei der Wetterkarte auf die alten Reichsgrenzen. 1976 gibt es eine kleine Revolution: Als erste weibliche Tagesschau-Sprecherin tritt Dagmar Berghoff auf.

Bei ARD-aktuell – so heißt die Redaktion seit 1977 – produzieren die Redakteure die Tagesschau-Ausgaben für Das Erste und den digitalen Kanal tagesschau24, täglich eine Tagesthemen-Ausgabe, von montags bis freitags gegen 0 Uhr oder später ein Nachtmagazin und sonntags den Wochenspiegel – an einem normalen Werktag sind das 240 Minuten Programm. Das Durchschnittsalter der Zuschauer beträgt 61 Jahre und die Begrüßung wird von Claudia Urbschat-Mingues eingesprochen, der deutschen Synchronstimme von Angelina Jolie.

Die Tagesschau in 100 Sekunden wird seit dem 16. November 2015 zusätzlich in englischer und arabischer Sprache produziert.

Die Welt hat sich geändert in den letzten 60 Jahren, aber die Tagesschau definiert nach wie vor den Beginn des Hauptabendprogramms. Ende der 1990er Jahre versuchen einige Privatsender, mit dieser Gewohnheit zu brechen, indem sie ihr Abendprogramm bereits um 20 Uhr starten. Nach nur wenigen Monaten kehren die Sender wieder zur gewohnten Zeit um 20.15 Uhr zurück – zu groß ist die Gewohnheit der Zuschauer an diese Zeit.

Natürlich gibt es auch in der Tagesschau-Historie schlimme Momente; Momente, an denen man sich als Zuschauer fragt, welche Drogen die zuständigen Redakteure nun wieder genommen haben. Etwa am 24. Februar 2004, als die 20-Uhr-Ausgabe über den Unfall des ehemaligen „Deutschland-sucht-den-Superstar“-Kandidaten Daniel Küblböck mit einem Gurkenlaster berichtet. Ab und an versucht sich die Tagesschau an Boulevard-Themen, der Konkurrenzkampf mit den Nachrichtensendungen der Privaten ist härter geworden. Der ehemalige RTL-Chef Thoma hat es einmal so formuliert: „Die ,Tagesschau‘ ist keine Sendung, sondern pure Gewohnheit. Die kann man auch in Latein verlesen.“ Es war so resignierend gemeint, wie es sich auch liest.



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