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12. Juni 1987: US-Präsident Reagan erhebt in Berlin eine Forderung

„Reißen Sie diese Mauer nieder!“

Monate vor dem Besuch des amerikanischen Präsidenten in der geteilten Stadt reist sein Redenschreiber Peter Robinson nach Berlin, um sich vor Ort ein Stimmungsbild zu machen. Einen Abend verbringt er bei Dieter und Ingeborg Elz; die beiden haben sich an der Havel zur Ruhe gesetzt, sie sind zurückgekehrt aus Washington, wo Dieter Elz bei der Weltbank gearbeitet hat. Als er sie nach der Mauer fragt, erzählt Ingeborg Elz ihm von den immer noch vorhandenen großen Problemen mit der Mauer. Robinson ist überrascht. Denn ein führender US-Diplomat hatte ihm zuvor geraten, Reagan sollte die Mauer in seiner Rede keinesfalls ansprechen, weil sie für viele Berliner mittlerweile nur noch von geringer Relevanz sei; sie sei unwichtig.

veröffentlicht am 12.06.2017 um 11:17 Uhr

US-Präsident Ronald Reagan während seiner Rede vor der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 12.6.1987, neben ihm Bundeskanzler Helmut Kohl (r.) und Bundestagspräsident Philipp Jenninger. Foto: Dieter Klar/dpa

Autor:

Louis Böhm
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Sie ist es nicht, es ist eine Fehleinschätzung. Und es ist Ingeborg Elz, die an jenem Abend daraufhin zu Robinson etwas sagt, das sich so ähnlich in der späteren Rede widerfinden soll: „Wenn Gorbatschow sein Gerede von Perestroika und Glasnost ernst meint, dann soll er das beweisen. Dann soll er diese Mauer loswerden!“

Als der Republikaner Reagan an jenem 12. Juni 1987 Berlin besucht, ist es eben genau jene Mauer, die mehr denn je zum weltweiten Symbol des seit Jahrzehnten schwelenden Ost-West-Konflikts geworden ist. Reagan ist ein politischer Hardliner, ein Falke, der in seiner Amtszeit immer wieder bewusst die Konfrontation mit der Sowjetunion unter Präsident Michail Gorbatschow gesucht hat.

Von besonders großer Brisanz ist dabei der Rüstungswettstreit mit der Sowjetunion. Reagan treibt ihn bewusst auf die Spitze, er schürt so die Angst vor einer nuklearen Auseinandersetzung von Ost und West. Und es ist gerade diese Angst, die innerhalb der Bevölkerung West-Berlins für erhebliches Unbehagen angesichts seines Besuchs anlässlich des 750. Stadtgeburtstages sorgt.

Als Reagan dann an jenem 12. Juni um 14 Uhr seine Rede vor dem abgesperrten Brandenburger Tor hält, ist d

ie Unruhe im amerikanischen Lager deutlich zu spüren. Denn führende US-Diplomaten hatten im Vorfeld erhebliche Bedenken geäußert, sie sehen in der Rede ein zu großes Konfliktpotenzial, immerhin haben sich die Beziehungen zu Gorbatschow und der Sowjetunion in letzter Zeit verbessert.

Reagan bietet in seiner Rede der Sowjetunion die Möglichkeit einer Annäherung von Ost und West, aber er fordert auch sowjetische Initiative: „Generalsekretär Gorbatschow, wenn Sie Frieden suchen, wenn Sie Wohlstand für die Sowjetunion und Osteuropa suchen, wenn Sie Liberalisierung suchen, kommen Sie hier zu diesem Tor. Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor. Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!“ Der letzte Satz entspricht fast wörtlich der Forderung, die Ingeborg Elz Wochen zuvor im Gespräch mit seinem Redenschreiber erhoben hat. „Tear down this all“, sagt Reagan, es sind die berühmtesten vier Worte der Reagan’schen Präsidentschaft.

Denn die Mauer in seinem Rücken, so Reagan, stehe stellvertretend für ein „weitläufiges System von Barrieren, welches den kompletten europäischen Kontinent“ zerteile. Jedoch werde diese Teilung besonders hier in Berlin deutlich, wo der tagtägliche Anblick der Mauer diese „brutale Zerteilung eines Kontinents auf das Antlitz der Welt gebannt“ habe.

Reagan zitiert Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der erklärt hatte, dass die Deutsche Frage so lange offen bleibe, wie das Brandenburger Tor versperrt sei.

Reagan geht aber noch einen Schritt weiter und stellt die Freiheit der gesamten Menschheit infrage, solange es diese Mauer gebe: „Solange das Tor geschlossen bleibt, solange es dieser Narbe von einer Mauer erlaubt ist zu stehen, ist es nicht die Deutsche Frage allein, die offen bleibt, sondern die Frage der Freiheit für die gesamte Menschheit.“

Rückblickend ist der Beitrag der Rede zum Mauerfall und zum Ende des Kalten Krieges umstritten: Für einige stellt sie einen Meilenstein auf dem Weg zum Mauerfall dar. Andere bezweifeln ihre Bedeutung und Auswirkung.

Vor 30 Jahren erhält Reagan für seine mehr als deutlichen Worte von den Zuhörern direkt vor Ort Beifall, selbst Bundeskanzler Helmut Kohl setzt „keine großen Erwartungen“ in die Vorschläge Reagans. Seitens der Sowjetunion und der DDR fallen die Reaktionen sogar noch drastischer aus: DDR-Politbüromitglied Günter Schabowski bezeichnet die Rede als „absurd“. Die sowjetischen Medien bezichtigen Reagan sogar, eine „offen provokative, kriegstreibende Rede“ gehalten zu haben.

Ein Fall der Mauer nur zwei Jahre später, das erschien für alle Beteiligten damals unvorstellbar.

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