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Die Erweiterung des Stockhofes um die Anstaltskirche

Raumnot war notorisch

Im Jahr 1841 entstand parallel zum Hauptgebäude die Anstaltskirche. Der schlichte Bau wurde auch als Schule genutzt. Damit war die erste Bauperiode der Strafanstalt abgeschlossen. Die Anstalt hatte eine Kapazität von 320 bis 350 Häftlingen. Raumnot und Überbelegung waren freilich notorisch. Der Hamelner Stockhofneubau orientierte sich nicht am zeitgenössischen Gefängnisbau, sondern wich in zwei zentralen Merkmalen ab. Die Hamelner Anstalt besaß keinen abweisenden, festungsartigen Charakter, sondern ließ äußerlich „eher an ein Herrenhaus als an eine Strafanstalt denken“ (der Architekturhistoriker Maier).

veröffentlicht am 03.06.2013 um 06:00 Uhr

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Im Gegensatz zu den damals aufkommenden Zellengefängnissen, denen mit ihren langen, gut zu überwachenden Fluren und Einzelzellen das Prinzip der strikten Trennung der Häftlinge zugrunde lag, bestimmten in Hameln große Schlaf- und Arbeitssäle die Raumorganisation.

Das Hamelner Konzept hat sich offenbar mehr von Gedanken des gesunden Menschenverstandes leiten lassen. In einer Zeit, als die andere Anstalten Häftlinge nach Schweregraden einteilten und voneinander trennten oder sie in Einzelzellen völlig isolierten, mischte Strafanstaltsdirektor Domeier leichte und schwere Verbrecher. „Sperrten wir lauter schlechte Subjekte in einen Raum ein, so würden wir dem Komplottieren und anderen Arten von Verbrechen zu steuern nicht ferner imstande sein. Die leichten Verbrecher, die mit ihnen eingesperrt sind, müssen solches verhindern und zur Anzeige bringen.“ Domeier verlangte, dass im Stockhof „der Sträfling mit großer Strenge an das Arbeiten, wie der Vogel zum Fliegen, gewöhnt“ wird. Arbeit wurde zur Pflicht und das entscheidende Mittel zur Besserung.

Handarbeiten, die in Arbeitsräumen zu verrichten waren, gab es für Männer damals nicht viele. So war Domeier zunächst dazu gezwungen, Häftlinge im Tagelohn nach außen zu vergeben. Mitte der 1850er Jahre standen im Stockhof 33 Webstühle. Verbreitet war außerdem das Spinnen von Flachs und von Kuhhaaren. Eine große Fläche südlich des Hauptgebäudes diente als Bleichplatz für das in der Anstalt hergestellte Leinen. Mangel an Aufträgen führte aber zu häufigem Wechsel und zu Verlegenheitsarbeiten. Neben dem „Regiebetrieb“, der von der Anstalt selbst organisiert werden musste, gab es den Arbeitsbetrieb für Dritte. Nach diesem Modell lieferten Arbeitgeber Rohstoffe und stellten zum Teil auch Maschinen. Zu den großen Auftraggebern zählten die Wollwarenfabriken Marienthal aus Rohrsen. Von der Anstaltsleitung wurde diese Arbeitsform bevorzugt, weil sie weniger Risiko und Anstrengung bedeutete. Für die Häftlinge konnte sie sehr nachteilig sein, weil sie „ein Fabrikwesen in der schlimmsten Bedeutung des Wortes“ zur Folge hatte.

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Hamelner Handwerker kritisierten häufig, die Arbeit der Häftlinge nähme ihnen die Arbeit weg. Die Disziplin in der Anstalt war hart. Faulheit („Unfleiß“) galt als Vergehen und wurde disziplinarisch bestraft. Neben der Arbeit galt „Reinlichkeit“ als Vollzugsziel. Die Strafanstalt war „Schule der Sauberkeit“ im weitesten Sinne, körperlich, geistig und seelisch.

Ein strikter Tagesablauf reglementierte sogar den „Abortgang“. Kartenspiele waren verboten. Die Häftlinge sollten jene Tugenden lernen, die für die beginnende Industrialisierung wichtig waren und welche für die Landbevölkerung ganz neu waren. Die „Verhaltungsvorschriften für die Sträflinge“ enthielten viele wörtliche Übernahmen aus der Bibel. Auch die Anrede „Du“ kennzeichnete den stark moralisierenden Charakter der Anstaltsordnung. Der Gefangene sollte durch Arbeit und Besinnung auf ein christliches Leben zum Guten geführt werden. In das „einsame Gefängniß“, also die Einzelzelle, konnte der Häftling aus disziplinarischen Gründen auf maximal drei Monate verlegt werden. Er fand dort eine Bibel vor. Bis zum Bau der Anstaltskirche war der Garnisonsprediger für die Gefangenen zuständig. Die Gefangenen saßen bei den beiden sonntäglichen Gottesdiensten unter den Augen der Soldaten und ihrer Familien auf den vorderen Bänken der Garnisonkirche und mussten sich von der Kanzel geharnischte Bemerkungen anhören. Mit dem Bau der Kirche bekam die Anstalt einen eigenen Prediger.

Im Alltag der Gefangenen gab es zahlreiche verpflichtende Gottesdienstzeiten. Jeweils am Sonntag fanden zwei Gottesdienste statt. Am Mittwochvormittag gab es eine Betstunde, in zweien der großen Arbeitssäle außerdem tägliche Morgen- und Abendandachten. Sechs Stunden pro Woche dauerte der Religionsunterricht. Nur die Teilnahme an den vierteljährlich stattfindenden Abendmahlsfeiern war freiwillig. Nächste Woche lesen Sie an dieser Stelle: Die Errichtung des Zellenbaus.

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Die Luftaufnahme zeigt die Strafanstalt in den frühen 1960er Jahren. In der Bildmitte erhebt sich die 1841 gebaute Anstaltskirche. Der rechts sich anschließende langgestreckte dreistöckige Zellenbau entstand 1867.

Quelle: Stadtarchiv Hameln

Die Anstaltskirche 1980 nach der Räumung des Geländes und kurz vor ihrem Abriss (li.). Seit den 1970er Jahren diente der Bau den JA-Insassen als Turnhalle. Die Kirche wurde in den 1860er Jahren aufgestockt. Mit dem Kreisfenster nach Westen, Rundbogenfenstern und Lisenengliederung zeigt das in Backstein errichtete obere Geschoss der Kirche romanisierende Tendenzen (Quelle: Bauaufsichtsamt Hameln). Rechts: Der Standort der Anstaltskirche heute.bg



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