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Über das Außer-acht-lassen eines Problems, das viele Hamelner betrifft

Rassismus gibt’s hier nicht – oder?

Seit mit George Floyd Ende Mai ein weiterer schwarzer Amerikaner von weißen Polizisten getötet wurde, war Rassismus für gut zwei Wochen das mediale Topthema in vielen Ländern. Es dauerte ein bisschen, aber dann schlugen deutsche Journalisten auch die Brücke nach Deutschland und fragten, wie es hierzulande um Rassismus bestellt ist. So auch die Redaktion der Dewezet, als sie sich mit Vertretern des Hamelner Vereins „Afrika United“ zusammensetzte, um sich erzählen zu lassen, welche Erfahrungen seine Mitglieder vor Ort mit Rassismus machen.

veröffentlicht am 20.06.2020 um 08:00 Uhr

Philipp Killmann

Autor

Reporter zur Autorenseite

Das Ergebnis war der Artikel „Rassismus im Alltag“, der vor einer Woche erschien. Kurz zusammengefasst: Auch in Hameln bekommen schwarze Menschen Rassismus zu spüren. In der Schule, auf dem Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche, in Form von Polizeikontrollen („Racial Profiling“) oder im Alltag. Bezeichnend waren zunächst die Reaktionen, die der Artikel auf der Facebook-Seite der Dewezet auslöste.

Deutlich mehr als vom Autor ohnehin erwartet brachen sich in der Kommentarspalte Hass und Hohn, Falschbehauptungen und schlichtes Unverständnis sowie blanker Rassismus Bahn. Der Tenor: „Schwarze können keine Deutschen sein, wenn ihnen hier also etwas missfällt, sollen sie gefälligst ,zurück‘ in ,ihre Heimat‘ gehen.“ Und: „,Die Flüchtlinge‘ sind viel schlimmer als ,die Deutschen‘, die die wahren Opfer von Rassismus sind.“ Kurzum: Es wurde mit Rassismus auf einen Artikel reagiert, in dem es um die Auseinandersetzung mit Rassismus ging. Dabei soll ebenso wenig unerwähnt bleiben, dass einige Kommentartoren mit oft stoischer Ruhe versuchten, den rassistischen und anderen hasserfüllten Äußerungen mit Vernunft, Fakten und Aufklärung Einhalt zu bieten.

Außerdem darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Empörung, die auf unserer Facebook-Seite über diesen Artikel eruptierte, sich keineswegs in den Klickzahlen des Web-Artikels widerspiegelte. Was den Rückschluss erlaubt, dass nur die wenigsten derjenigen, die über den Bericht herfielen, diesen überhaupt gelesen hatten. Was wiederum die Schlussfolgerung zulässt, dass sie sich nicht ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzten – und dies auch nicht beabsichtigen. Jetzt könnte man sagen, dies belege nur, wie wenig repräsentativ solch offener Rassismus oder die bloße Verständnislosigkeit sind, die so häufig in den sozialen Medien zutage treten. Aber das wäre ein Trugschluss. Auch an anderer Stelle findet keine Auseinandersetzung mit Rassismus statt.

Denn so sehr sich die Reaktionen auf den Artikel im Internet überschlugen, so sehr blieben sie jenseits von Facebook schlicht und ergreifend aus. Bis Redaktionsschluss gab es keinerlei Stellungnahmen aus der lokalen Politik oder den Kommunen dazu, dass auch Hameln ein Rassismusproblem hat. Weder in der Redaktion noch bei Afrika United ist auch nur ein Statement eingegangen.

Parallel dazu: In Reaktion auf die rechtsradikalen Drohbriefe von Anfang Juni an einige heimische Parteizentralen luden, wie berichtet, Grüne, SPD, Die Linke und das regionale Bündnis „Bunt statt braun“ zur Demo „Laut gegen Rechts“ in Hameln ein – ohne in der Einladung einen aktuellen Bezug zu dem zu diesem Zeitpunkt medial beherrschenden Thema „Rassismus gegenüber Schwarzen“ herzustellen. Das wurde offenkundig nicht mitgedacht.

Dieses Außer-acht-lassen sowie die ausbleibenden Reaktionen von Christdemokraten, Sozialdemokraten, Liberalen und Linken auf die Rassismuserfahrungen von Hamelnern zeugen davon, dass wenig bis gar kein Bewusstsein für Rassismus besteht. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung. Die nur zeigt, wie recht Afrika United mit seiner Bestandsaufnahme des rassistischen Status quo hat – und wie dringend nötig eine Auseinandersetzung damit ist.

Mit Afrika United hätten Politik und Kommunen einen kompetenten Ansprechpartner direkt vor Ort. Weitere sind sicher in den hiesigen Gemeinden der People of Color zu finden, die ebenfalls von Rassismus betroffen sind.



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