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Stattliches Amtshaus diente gleichzeitig als komfortables Logierhaus für hochrangige Badegäste

„Privilegiertes Schmuckstück“

Das Haus Bethesda an der Lortzingstraße zählt seit nunmehr beinahe 350 Jahren zu den ältesten und geschichtlich bedeutendsten Häusern Bad Pyrmonts. Im Jahre 1671 wurde das zweigeschossige schöne Fachwerkgebäude vom einflussreichen Pyrmonter Amtsschreiber Bernhard Judenhertzog (1630-1703) als Amtshaus, gleichzeitig aber auch als großzügiges und komfortables Logierhaus erbaut. Ein Torgiebel des ganz im Stil eines vornehmen städtischen Patrizierhauses konzipierten Gebäudes trägt die Inschrift: (ANNO SAL) „VTIS 1671 DIE 6 MENSIS IVLII“ (= im Jahre des Heils 1671 am 6. Tag des Monats Juli). Das Haus des damaligen gräflichen Verwaltungsbeamten wird an der Hauptfassade gegenüber der Oesdorfer St. Petri Kirche durch ein Zwerchhaus an der Traufseite, einem hölzernen rustikalen Balkon und einem dekorativen reichen Schnitzwerk am Eichengebälk geprägt. Besonders schön ist auch die Eingangstür gestaltet, die mit einem Blatt-Frucht- Blütendekor in den Türfüllungen ausgeschmückt worden ist.

veröffentlicht am 28.07.2014 um 06:00 Uhr

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Der Bauherr des Hauses, Bernhard Judenhertzog, wurde im Jahre 1630 in Schwalenberg geboren und bekleidete seit 1660 in Pyrmont als Amtsschreiber die zweithöchste Position neben Amtmann Henrich Ortgies in der gräflichen Verwaltung. Die herrschaftlichen Beamten waren gerade in der Zeit des Ausbaus Pyrmonts zu einem der angesehensten Kur- und Badeorte Europas in der Regierungszeit des Fürsten Georg Friedrich zu Waldeck-Pyrmont (1620-1692) mit besonders vielseitigen und verantwortungsvollen Aufgaben betraut, wie Martin Rudolph in seinem detaillierten Beitrag „Die gräflichen Beamten“ in den „Bildern aus der frühen Geschichte des Bades Pyrmont“ beschreibt. (Veröffentlicht in: Geschichtsblätter für Waldeck, Band 62, 1971/72).

Nachdem durch den Pyrmonter Hauptvergleich von 1668 mit dem Bistum Paderborn der Teil der Grafschaft Pyrmont mit den Heilquellen endgültig dem Haus Waldeck zuerkannt worden war, entstanden vom damaligen Verwaltungszentrum Oesdorf ausgehend die ersten barocken Kuranlagen. Als weitsichtige Maßnahmen konnten der Neubau eines großräumigen achteckigen Brunnentempels über dem Hylligen Born und die Anpflanzung der Hauptallee als „Spatziergang für die Kur- und Badegäste zum Brunnentrinken, aber auch zum Flanieren, Verweilen und zur Unterhaltung“ realisiert werden.

Nach 1676 erfolgte dann in westlicher Richtung zum Brunnenplatz der Bau von erstklassigen und gut ausgestatteten Logierhäusern an der heutigen Brunnenstraße, die ab 1720 als „Neustadt Pyrmont“ den anspruchsvollen Badegästen vornehme und geschmackvolle Unterkunftsmöglichkeiten in direkter Nähe zum Brunnenplatz bieten konnten.

Das Oesdorfer Amts- und Logierhaus, „zur Zierde der Dorfschaft Oesdorf und Bequemlichkeit der zu den Pyrmontischen Sauerbrunnen ankommenden Gäste“ erbaut, diente also als weitsichtige bauliche „Vorbildfunktion“ für den Ausbau der Neustadt Pyrmont mit großzügigen Hotels und Pensionshäusern. Hermann Engel hat 1998 in seinem grundlegenden Beitrag „.Bethesda: ein privilegiertes Schmuckstück im alten Oesdorf“ in der „Chronik der Stiftung Bethesda“ die geschichtlichen Zusammenhänge des Hauses Bethesda ausführlich herausgearbeitet.

Demnach erwarb der von Haus aus vermögende Bernhard Judenhertzog von seinem Dienstherrn Graf Georg Friedrich, der 1682 in den Reichsfürstenstand erhoben wurde, das Grundstück mit einem alten baufälligen Amts-Vorgängerbau für die damals enorme Summe von 500 Talern und verpflichtete sich unverzüglich, ein neues anspruchsvolles und auf den „Kurbetrieb“ ausgelegtes „städtisches“ Gebäude zu errichten.

Als Gegenleistung erhielt Bernhard Judenhertzog, der mit Margarethe Elisabeth Dreckmeyer aus Detmold verheiratet war, für seinen neuen Grundbesitz die völlige Steuerfreiheit von herrschaftlicher Seite und wurde von den üblichen bäuerlichen Abgabeleistungen und Dienstpflichten entbunden. Im Jahre 1681 logierte im Hause des Amtsschreibers Bernhard Judenhertzog Königin Sophie Amalie von Dänemark (1628-1685), geborene Prinzessin von Braunschweig-Calenberg und Gemahlin des Königs Friedrich III. von Dänemark (1609-1670) als ranghöchste Persönlichkeit des Pyrmonter Fürstensommers. Superintendent Adam Wolff (1810-1854) erwarb 1852 das geschichtsträchtige Oesdorfer Haus mit den dazugehörigen landwirtschaftlichen Gebäuden, damals als „Klappscher Hof“ bekannt, um diese für die 1848 gegründete „Anstalt Bethesda“ zur Betreuung pflegebedürftiger Menschen zu nutzen. Die zum Haus gehörende Hofstelle wurde seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in Eigenregie von Landwirten betrieben. Später wurden die Ländereien nur noch verpachtet. Da der Pflegebereich komplett in einen in den 70er Jahren entstandenen Erweiterungsneubau verlegt worden ist, ist im einstigen „Amtsschreibers logiment“ seit Ende letzten Jahres neben Büroräumen des Hospizvereins Bad Pyrmont auch das „Restaurant Café Drüge“ untergebracht. Also wiederum ein schönes und gelungenes Beispiel für die Nutzung von historischer Bausubstanz in Bad Pyrmont.

Weitere historische Fotos auf zeitreise.dewezet.de

Das Haus Bethesda in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – und heute.

Museum/jl



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