weather-image
14°
Vor 60 Jahren wird vor einer Fernsehkamera erstmals der Toast Hawaii zubereitet

Premiere eines Klassikers

Die Zutaten sind denkbar einfach: Ein Toast wird mit Schinken, Ananas und Käse belegt, überbacken und noch mit einer roten Cocktail-Kirsche verziert – fertig ist der Toast Hawaii, der in Deutschland in den 1950er Jahren populär wurde und das Land im Sturm eroberte, weil sich in ihm der Zustand eines Landes wie unter einem Brennglas bündelte: Die verschwenderische Kombination aus Schinken und Käse demonstrierte den neu gewonnenen Wohlstand nach dem verlorenen Krieg und einem neu aufgebauten Land, Ananas und Cocktailkirschen drückten die Sehnsucht nach der weiten Welt aus. Der 60. Geburtstags des Toast Hawaii erinnert uns Deutsche auch daran, wer wir sind und wo wir herkommen.

veröffentlicht am 21.12.2015 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:55 Uhr

270_008_7812040_rue_toast.jpg
4301_1_orggross_f-westermann

Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Die Erfindung des Toast Hawaii wird allgemein dem Fernsehkoch Clemens Wilmenrod zugeschrieben. Wobei Fernsehkoch eine nette Umschreibung ist, denn Wilmenrod heiß eigentlich Carl Clemens Hahn und war ein gelernter Schauspieler.

Wilmenrods Fernsehkarriere begann eher zufällig. Der nach dem Zweiten Weltkrieg nur sporadisch beschäftigte Schauspieler suchte Anfang der 1950er Jahre eine Anstellung beim neu entstandenen NWDR-Fernsehen in Hamburg – und fand sie als Fernsehkoch.

Seinen Künstlernamen entlieh Clemens Wilmenrod der Westerwald-Gemeinde Willmenrod, aus der er stammte.

270_008_7808851_Logo_Vergi.jpg

„Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch“ hieß die Sendung, die ab 1953 zur besten Sendezeit über den Fernseher flimmerte, unvergessen sind Wilmenrods Begrüßungen: „Ihr lieben, goldigen Menschen“, später dann „Liebe Freunde in Lucullus“ und schließlich „Verehrte Feinschmeckergemeinde“.

1955 will der gelernte Schauspieler und mittlerweile schon recht berühmte Fernsehkoch das Kochen anscheinend doch noch richtig lernen und macht einen Kurs bei Hans Karl Adam, der Wilmenrod für dessen Kochbuch ein Dutzend Rezepte für 1500 Mark verkauft. So beschreibt es das Hamburger Magazin Spiegel 1959 in einer Titelgeschichte. Irgendwann in dieser Zeit bereitet Wilmenrod erstmals vor laufender Kamera den Toast Hawaii zu, sein zweites Kochbuch ist in Arbeit. In dem will er auch die zwölf Rezepte von Adam veröffentlichen, natürlich ohne den wahren Autor zu nennen. Adam verlangt mehr Geld, Wilmenrod kündigt die Freundschaft – und schmeißt die Rezepte aus dem Buch.

Der Toast Hawaii taucht dann erstmals in einem Kochbuch von Adam auf, der trotz eigener Fernsehsendung nie die Popularität seines wenig geliebten Konkurrenten erreicht. Kunststück, würde man heute sagen: Clemens Wilmenrod, so legen es die Bilder nahe, war ein charmanter Frauenschwarm, der sich gut auf dem Bildschirm machte, mit seinem schönen Schnurrbart. Seine Sendungen waren jedes Mal Straßenfeger; wenn er ein Kabeljaurezept vorstellte, war Kabeljau für die nächsten Tage in sämtlichen Fischgeschäften ausverkauft.

Natürlich war der Toast Hawaii nur der Anfang, mancher wird sich erinnern, es folgten Schnitzel Hawaii oder Pizza Hawaii; alles wurde plötzlich mit Ananas belegt und überbacken. Auch wenn andere kulinarischen Erfindungen wie die Mett-Igel glücklicherweise wieder dem Vergessen anheimfielen, so startet der Toast Hawaii einen Siegeszug, der noch heute anhält: Er schmeckt halt zu jeder Jahres- und Tageszeit.

Und würde man den heute 55-jährigen Autor dieser Zeilen nach seinen liebsten Kindheitserinnerungen befragen, dann wären die Momente, in denen Mama in der Küche stand und im Ofen der Toast Hawaii leicht braun überbacken wurde, während das Kind auf dem Stuhle kippelte, garantiert ganz weit vorn dabei. So also gilt: Auch wenn niemand mehr sagen kann, wer ihn erfunden hat, den Toast Hawaii, so war es doch das Verdienst eines Schauspielers, ihn vor laufenden Kameras zubereitet zu haben und damit einen extravaganten Hauch der großen weiten Welt in ein ziemlich vermufftes Deutschland getragen zu haben. Denn ganz ehrlich: Schinken, Ananas und Käse auf ein Stückchen Toast legen und überbacken – das muss man erst mal bringen.

Das Leben des Fernsehkochs endete tragisch: Wilmenrod beging im Alter von 60 Jahren in einem Münchener Krankenhaus Suizid, ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Er litt vermutlich an Magenkrebs. Carl Clemens Hahn wurde in seinem Heimatort Willmenrod beigesetzt.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare