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Januar 1976: Ernst Albrecht wird Ministerpräsident

Politischer Paukenschlag

Ehrlich, treu, genau und blass – das schreibt die Zeit Mitte Januar 1976 über den Kandidaten und hat keinerlei Zweifel: „Der fünfte Ministerpräsident der Niedersachsen nach dem Kriege wird Helmut Kasimier heißen.“

veröffentlicht am 11.01.2016 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:53 Uhr

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Am 14. Januar 1976 soll im niedersächsischen Landtag ein neuer Ministerpräsident gewählt werden. Alfred Kubel (SPD), aus Altersgründen zurückgetreten, will sein Amt an den bisherigen Finanzminister Helmut Kasimier (SPD) übergeben. Bei der geheimen Wahl stellt die CDU den jungen Ernst Albrecht als Gegenkandidaten auf.

Zwar hat die SPD/FDP-Koalition nur eine Stimme Mehrheit, aber die Wahl gilt schon lange vorher als gelaufen, die Stimmabgabe scheint nicht mehr als eine lästige Pflichtübung. Nach zwei Jahren gemeinsamer Regierungsarbeit gibt es keinen begründeten Zweifel an der Stabilität der Koalition, Probeabstimmungen bestätigten das. Und so ziehen die 78 Abgeordneten von SPD und FDP gut gelaunt in den Plenarsaal des Landtags und stimmen ab.

Eine Stunde später ziehen sie sich in ihre Fraktionszimmer zurück, kreideweiß. Denn von den 155 geheim abgegebenen Stimmen sind drei ungültig gewesen; statt der erforderlichen 78 hat Kasimier nur 75 bekommen, die CDU aber hat alle ihre 77 Kreuze ihrem Kandidaten Albrecht gegeben.

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Gewählt war Albrecht damit nicht, ihm fehlte eine Stimme zur Mehrheit, und die Genossen trösteten sich: Nur ein Schuss vor den Bug, einen Tag später, bei der nächsten Abstimmung, werde alles gut werden.

Wird es nicht. In der geheimen Wahl am 15. Januar fällt Kasimier wieder durch und kommt nur noch auf 74 Stimmen. CDU-Bewerber Albrecht erhält eine Stimme mehr: 78. Damit muss mindestens ein Abgeordneter aus der Regierungskoalition für Albrecht gestimmt haben. Erneut sind drei Stimmen ungültig.

Albrecht holt damit die absolute Mehrheit und kann nun innerhalb von 21 Tagen dem Landtag ein Kabinett präsentieren. Er lässt die Frist jedoch verstreichen, denn er will in der notwendigen offenen Abstimmung über seine Minister keine Niederlage riskieren.

Es folgt ein dritter Wahlgang, der für den 6. Februar angesetzt wird und bei dem die einfache Mehrheit ausreicht. Die SPD wechselt ihren Ministerpräsidenten-Kandidaten aus und holt Karl Ravens nach Hannover. Doch auch er unterliegt Albrecht mit 75 zu 79 Stimmen.

Die Überraschung ist perfekt, Kommentatoren sprechen von einem politischen Paukenschlag. Die Bonner „Welt“ sieht in dem Knall-auf-Fall-Regierungschef Albrecht von der CDU den „unerwartetsten Sieger auf deutschem Boden seit Hermann dem Cherusker“. Wer aus der SPD/FDP-Koalition für Albrecht gestimmt hat, bleibt trotz vieler Spekulationen bis heute unbekannt.

Albrecht ist der erste Ministerpräsident Niedersachsens, den die CDU stellt. Eine Mehrheit im Parlament hat Albrecht allerdings nicht. Erst knapp ein Jahr später, im Januar 1977, steigt die FDP aus der Koalition mit den Sozialdemokraten aus und geht ein Bündnis mit der CDU ein. Bei der Landtagswahl 1978 kommen die Christdemokraten auf 48,7 Prozent der Stimmen und gewinnen die absolute Mehrheit der Mandate.

Albrecht gilt als bei den Bürgern beliebt. Die CDU will bundesweit von seiner Popularität profitieren: 1979 nominiert ihn der Bundesvorstand der Partei als Kanzlerkandidaten. Die Bundestagsfraktion der Union entscheidet sich dann jedoch für den CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß.

Die erfolgreiche Arbeit der Regierung Albrecht wurde Ende der 1980er Jahre durch eine Reihe von Skandalen erschüttert: 1986 wird der fingierte Sprengstoffanschlag auf das Gefängnis in Celle im Jahre 1978 bekannt; 1988 kommt es zu einer Affäre um die misslungene Privatisierung der niedersächsischen Spielbanken, die im Oktober 1988 zum Rücktritt von Innenminister Wilfried Hasselmann führt. Daraufhin versucht die Opposition aus SPD und Grünen, am 19. Dezember 1988, die Regierung Albrecht durch ein Misstrauensvotum zu stürzen. Bei der geheimen Wahl erhält Ernst Albrecht 79 Stimmen und Herausforderer Gerhard Schröder nur 76 Stimmen. Erst im Mai 1990 verlieren CDU und FDP die Landtagswahl gegen SPD und Grüne. Gerhard Schröder löst Albrecht nach 14 Jahren im Amt ab.

Am 13. Dezember 2014 stirbt Albrecht in Burgdorf-Beinhorn.



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