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20. Oktober 1971: Der Friedensnobelpreis geht an Bundeskanzler Willy Brandt

Politik der kleinen Schritte

veröffentlicht am 17.10.2016 um 08:17 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:13 Uhr

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Es ist eine Sitzung wie alle anderen auch, der Deutsche Bundestag diskutiert am 20. Oktober 1971 über den Haushalt für das kommende Jahr. Dann wird die Sitzung plötzlich unterbrochen. Soeben ist ein Telegramm aus Norwegen eingetroffen, eine Nachricht des Nobel-Komitees. Bundestagspräsident von Hassel unterbricht die Sitzung und gibt die Verleihung des Friedensnobelpreises an Bundeskanzler Willy Brandt bekannt. Der Bundestag spendet langen Beifall, SPD und FDP sowie einige wenige Abgeordnete der CDU/CSU erheben sich von den Sitzen. In Stellungnahmen betonen Vertreter der Unionsparteien, dass sie den Friedenswillen Brandts achten und unterstützen, den von ihm beschrittenen Weg aber für falsch halten.

Es ist eine riesige Überraschung, mit Brandt hatte niemand gerechnet, am wenigsten der Preisträger selbst. Die Auszeichnung soll Brandt wegen seiner Haltung zum Thema Ostpolitik verliehen bekommen. Er habe einen wesentlichen Beitrag zur internationalen Entspannung geleistet: die berühmte „Politik der kleinen Schritte“. Brandt erhält den Friedensnobelpreis zu einem Zeitpunkt, an dem die Ostpolitik noch in vollem Gange ist. Der Grundlagenvertrag oder der Prager Vertrag müssen damals noch ausgehandelt werden. Aber das Nobelkomitee will diese neue Richtung unterstützen; der Friedensnobelpreis kann zuweilen auch politisch aufgeladen sein.

Brandt habe, wird es später in der Begründung des Nobel-Komitees heißen, „als Chef der westdeutschen Regierung und im Namen des deutschen Volkes die Hand zu einer Versöhnungspolitik zwischen alten Feindländern ausgestreckt“. Er habe im Geiste des guten Willens einen hervorragenden Einsatz geleistet, um Voraussetzungen für den Frieden in Europa zu schaffen.

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Brandt ist der vierte deutsche Friedensnobelpreisträger, in die Geschichte wird er als „Kanzler der Entspannungspolitik“ eingehen, er ist einer der frühen Architekten einer europäischen Sicherheit.

Willy Brandt bekommt den Friedensnobelpreis am 10. Dezember 1971 in Oslo verliehen. In seiner Dankesrede betont er, dass es ihm vergönnt war, „nach den unauslöschlichen Schrecken der Vergangenheit den Namen meines Landes und den Willen zum Frieden in Übereinstimmung gebracht zu sehen“.

Das aus fünf Mitgliedern bestehende Nobelpreiskomitee wählt Willy Brandt unter insgesamt 39 Kandidaten aus. Er ist der vierte Deutsche, der den Friedensnobelpreis erhält.

Der Friedensnobelpreis soll nach der Maßgabe des Stifters, Alfred Nobel, an denjenigen vergeben werden, „der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt“ und damit „im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht“ hat.

Das Komitee, das die Entscheidung trifft, ist in seiner Entscheidung unabhängig von äußeren Einflüssen. Die Sitzungen müssen nicht protokolliert und Entscheidungen nicht gerechtfertigt werden, eine Stellung zur Entscheidung wird nicht genommen.

Mit dem Kniefall von Warschau 1970 leitet Brandt symbolisch die neue Ostpolitik der sozial-liberalen Bundesregierung ein. An deren Ende stehen die sogenannten Ostverträge mit Polen und der Sowjetunion sowie die deutsch-deutschen Abkommen. Brandt war, da ist sich die Geschichte einig, ein würdiger Nobelpreisträger. Im Rückblick kaum zu glauben: Adolf Hitler war 1939 für den Friedensnobelpreis nominiert. Dahinter steckte E.G.C. Brandt, ein schwedischer Abgeordneter. Allerdings hatte er die Nominierung – ausgerechnet in dem Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg begann – satirisch gemeint, wie er später sagte. Er zog sie dann zurück.



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