weather-image
10°
Warum wir dankbar sein sollten, wenn uns die EU das Wattestäbchen verbietet

Plastik - wir wollten es so

Wissen Sie noch, das Glühbirnenverbot? Deutschland stand Kopf, in den Medien häuften sich Berichte über Hamsterkäufe. Menschen weinten, weil man ihnen das Liebste genommen hatte. Europa, ein Jammertal; die EU, eine Bande von Desilluminaten, die uns alle auf die tiefdunkle Seite der Macht ziehen wollte.

veröffentlicht am 02.06.2018 um 09:34 Uhr

270_0900_94858_kolumne_2018_plastic.jpg
Juni

Autor

Julia Niemeyer Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Ich gestehe, dass ich in meinem LED-beleuchteten Büro den Atem anhielt, als Brüssel in der vergangenen Woche über das Plastikverbot abstimmte und entschied, uns nach der Glühbirne auch noch die Kunststoffgabeln, Plastikbecher und -strohhalme zu nehmen. Was würde geschehen, wenn man nun skrupellos nicht nur in die Wohnzimmer, sondern auch in die Volksfeste, Gartenpartys und Cocktailgläser hineinregierte – und das auf dem Höhepunkt der Grillsaison? Waren Aufstände zu befürchten?

Ich war auf alles gefasst. Doch es passierte nichts. Die Revolution blieb aus. Nicht einmal eine mickrige Online-Petition wurde gestartet. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass wir den Fortbestand des inneren Friedens Europas nur einem zu verdanken haben: dem Wattestäbchen. Sie wissen natürlich, was ein Wattestäbchen ist. Vielleicht haben Sie sogar schon mal eines benutzt, obwohl Ärzte dringend davon abraten.

Auch ich habe eine circa zehn Jahre alte Packung Wattestäbchen in meinem Badezimmerschrank. Warum, weiß ich nicht. Wozu braucht man diese Dinger? Erfüllen sie über das im Badezimmerschrank Stehen hinaus eine Funktion? Das mit den Ohren haben wir bereits besprochen (lassen Sie es einfach). Man kann sie zum Schminken verwenden, beim Zeichnen einsetzen oder Fingertricks damit üben. Kann man alles, muss man aber nicht.

Und damit kehren wir zurück zum inneren europäischen Frieden: Nichts zeigt so deutlich wie das Wattestäbchen, warum das Plastikverbot Sinn macht. Denn nichts beweist eindrucksvoller, worin das eigentliche Problem von Plastik liegt: Es macht überflüssige Dinge so billig, dass wir sie trotzdem kaufen - und wegwerfen, wenn sie ihren Unsinn erfüllt haben oder schlicht zu viel Platz im Badezimmerschrank wegnehmen. Plastik verführt uns dazu, etwas zu tun, von dem wir wissen, dass es falsch oder, noch schlimmer: dumm ist.

Wir wissen, dass Kunststoffmesser keinem Steak gewachsen sind und Plastikgabeln in der Regel brechen, bevor man den ersten Happen im Mund hat. Uns ist auch völlig klar, dass wir all den billig beflockten Kunststoff-Nippes in unseren Schränken nicht brauchen. Die schwarzrotgoldenen WM-Wimpelketten aus dünner Folie, die Staubwedel in grellen Farben, die Plastik-Weihnachtsbäume, die zehnte Fleecedecke für den Garten: Alles für die Tonne, grade gut genug für die übernächste Müllabfuhr, aber so bunt und billig, dass Neinsagen schwerfällt. Obwohl Plastik stinkt, splittert, blind wird und die Weltmeere in Müllhalden verwandelt, kaufen wir täglich mehr davon.

Man wird uns zwingen, Nein zu sagen und das Richtige zu tun

Es ist beinahe fair, dass auch unser Essen nun in Teilen aus Plastik besteht. Mikroplastik, das sich über die Nahrungskette bis zur Krone der Schöpfung hinaufarbeitet und dort ein noch weitgehend unbekanntes, aber dennoch unheiliges Werk verrichten könnte. Wir wollen es so. Irgendwie jedenfalls. Wir lieben unsere bunte, billige, bequeme Plastikwelt, in der ein Pseudo-Terrakottatopf nicht mehr wiegt als man mit dem kleinen Finger heben kann. In lichten Momenten erkennen wir natürlich den Unterschied zum tönernen Original, vermissen seine ursprüngliche Würde, die echte Patina, bei Sturm sogar sein bodenständiges Gewicht. Und ahnen, dass wir uns mal wieder zum Schlechteren haben verführen lassen.

Das kann man dem Wattestäbchen und seinen Kameraden schon mal übel nehmen. Vielleicht sind wir deshalb jetzt ein klein wenig erleichtert. Man wird uns zwingen, Nein zu sagen und das Richtige zu tun. Und noch besser: Wir werden – notgedrungen - ein neues, altes Qualitätsbewusstsein entwickeln. Wer sein Partybesteck nicht mehr für 99 Cent im Supermarkt kaufen kann, denkt vielleicht darüber nach, ob er die nun nötigen Euros wirklich in die nächstbilligste Alternative aus dünnem Holz investieren will oder lieber gleich ein anständiges wiederverwendbares Besteckset kauft.

Im besten Fall könnte sich bei diesem Nachdenken sogar unseren Blick auf denjenigen Plastikschrott verändern, der noch gar nicht verboten ist. Vielleicht werden wir den haptischen Unterschied zwischen Wolle und Polyacryl wiederentdecken. Vielleicht werden wir erleben, dass viele Nahrungsmittel besser schmecken, wenn man sie nicht in billigen Plastikdosen aufbewahrt. Vielleicht werden wir eines Tages sogar todesmutig zu nicht eingeschweißten Lebensmitteln greifen, weil wir verinnerlicht haben, dass ein ordentlicher Schwall Wasser für die Hygiene mehr bringt als eine Folie.

Ein großer Versandhändler schrieb im Vorwort seines Katalogs irgendwann einmal Folgendes: „Es gibt kaum ein Produkt, das man durch den Einsatz von Plastik nicht billiger und schlechter machen könnte.“ Für Produkte, die einen echten Zweck erfüllten, wird das wohl zutreffen. Plastik kann aber noch mehr als nur Dinge schlechter und billiger machen. Es kann machen, dass sie überhaupt existieren. Jedenfalls glaube ich nicht, dass nach der endgültigen Verbannung des Kunststoff-Wattestäbchens jemand auf die Idee kommen wird, eines aus Buchsbaumholz nachzudrechseln. Ich denke vielmehr, dass wir uns kurz schütteln, blinzeln und nach wenigen Momenten erkannt haben werden, dass es niemals einen guten Grund für Wattestäbchen gab. Sie existierten nur, weil es Plastik gab. Und weil sie nun einmal existierten, standen sie auch in meinem Badezimmerschrank. Wahnsinnstrick. Plastik ist ein böser Zauberer, vor dem man uns beschützen muss. Liebe EU, vielen Dank dafür!



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt