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Von 55 Tagen Home-Schooling und dunklen Augenringen

OB ICH GESTRESST BIN?!

Vorstress, erinnern Sie sich? Am 14. März habe ich meinen Prä-Lockdown-Nervenzuzsammenbruch mit Ihnen geteilt, bevor die ganze Chose überhaupt richtig losging. Der Gedanke an „eventuell keine Schule“ fürs Kind verquickt mit „Home-Office“ für mich und irgendwie doch Zuhause-Schule fürs Kind – mir wird noch ganz schwindlig. Inzwischen weiß ich: sösoeutbv977%&$§4. Hoppla, eingeschlafen. Also, inzwischen weiß ich: Ich hatte recht (gutes Gefühl) und allen Grund, vorab gestresst zu sein (kein gutes Gefühl).

veröffentlicht am 01.08.2020 um 09:00 Uhr

Birte Hansen

Autor

Reporterin zur Autorenseite

Es kam zunächst getarnt als „ganz nett“, und jetzt bin ich „fick und fertig“, wie die lustige Thailänderin viele Jahre VC bei „Bauer sucht Frau“ gesagt und den Satz zum Kult gemacht hat.

Zum Verständnis: VC und NC, Vor Corona und Nach Corona. Wahlweise auf Englisch BC und AC, ohne Christus diese Kombis streitig machen zu wollen. Und dann gibt‘s noch IC, wo wir uns gerade befinden: in-the-middle-of-this-f*-corona-crisis, was freundlich übersetzt so viel heißt wie „mittendrin im Schlamassel“. Dass da ein * hinter dem f steht, zeugt davon, dass ich mich immerhin noch einigermaßen im Griff habe. OB ICH GEREIZT BIN? WIESO DENN?

Hat doch alles SUPER geklappt. Video-Konferenzen und Telefonate, Konzentration, während Kinder im selben Raum Schulaufgaben machen: „Guten Morgen…“ „Mamaaa“, Mikro aus „Pscht!“ „Oah, ich kann das aber nicht.“ „Gleich!“ Augenverdrehen beim Kind.Giftiger Blick von der Mutter.Mikro an „Ok, das Thema übernehme ich.“ „Ich geh aufs Klooohoo“ Mikro aus… „Das haben jetzt alle gehört!“ „Oh. Hihi.“ IST DOCH WITZIG? Manchmal, vor allem dann, wenn‘s die Kinder der anderen sind, die aus dem Off rufen: „Ich bin feeeertig!“

DANN lach’ ich auch. Das ist das Programm, das Millionen Eltern auf der Welt jeden Tag in der Ära IC durchgemacht haben, mit allen zusätzlichen Lernangeboten, die verrückte Zeiten frei Haus liefern. Zum Beispiel: Man kann die gesamte Morgenroutine, für die eineinhalb Stunden angesetzt sind, in 15 Minuten schaffen, wenn der Wecker zum ersten Mal in acht Jahren nicht klingelt. Den Mundschutz zu vergessen, kann für Schulkinder ähnlich schlimm sein wie Hausaufgaben zu vergessen. Nudeln – Kartoffeln – Nudeln – Kartoffeln – Nudel-mit-was-auch-immer ist SEHR WOHL eine legitime Fruchtfolge auf dem Mittags-Arbeitstisch („Kartoffeln sind doch Gemüse, Mama!“)!

Es ist möglich, Essen zu kochen, die Geschirrspülmaschine aus- und einzuräumen, sich am Topf zu verbrennen, ohne zu fluchen, während Interviews am Telefon geführt werden. OB ICH GESTRESST BIN? Entscheiden Sie selbst: Man kann nämlich auch Schinken in Geschirrschubladen statt in den Kühlschrank legen und ihn später suchen. Man kann den ganzen Vormittag in Abwesenheit die Terrassentür offenlassen, ohne, dass jemand das Haus ausräumt. O.k., die Küche wird recht warm, wenn der Herd über lange Zeit an ist… Man kann rückwärts fahren und nur im Seitenspiegel den großen Stein im Blick haben und dabei das noch größere Auto, das im Rückspiegel deutlich zu erkennen gewesen wäre, übersehen. Und weiße Handtücher kommen rosa aus der Waschmaschine, wenn, ach lassen wir das.

Am Anfang, so „vier Wochen NC“ war die Lage noch entspannt. Wir haben bei jeder noch so tiefen Temperatur draußen gesessen, sogar mit Freunden im Garten, akkurate zwei Meter voneinander entfernt, wir haben mit Nachbarn Ode an die Freude an der Straße gesungen, wie es die Internetcommunity empfohlen hatte, weil das die Gemeinschaft stärkt, wir waren uns unseres Glücks bewusst: Kurzarbeit ohne Existenznöte, Home-Office, Gesundheit vorhanden, Garten ebenso mit allen möglichen Vögeln und nach der Arbeit sogar noch Zeit, sie zu beobachten. ABER WISSEN SIE, WIE LAUT AMSELN SIND? Oder eine Taube, die dreimal in dieselbe Linde fliegt? Dieses FETTE VIEH, wie es in einen Baum scheppert und darin wie irre mit den Flügeln schlägt, um die Balance zu halten. Drei. Mal. „Geh doch rein!“, meinen Sie? Da sitzen doch die KINDER und LERNEN.

Ach, was soll’s. Es hatte auch gute Seiten. Microsoft Teams hat recht hübsche Hintergrundbildchen zur Bespaßung aller während Video-Konferenzen. An das ungeschminkte Home-Office-Gesicht mit Augenringen haben sich die Kollegen gewöhnt, über „Frisur“ müssen wir nicht mehr reden, der Begriff wird aussterben. Und graue Strähnen am Ansatz SIND DER LETZTE SCHREI! Bewegung? Wohnzimmer – Küche – Wohnzimmer – Küche, 10 000 Schritte? Völlig überbewertet. Gewicht?

DAS GEHT NIEMANDEN WAS AN! Außerdem tut es der Wirtschaft gut, wenn ich in neue Hosen investiere. Ich weiß jetzt, welche Art von Mundschutz mir am besten steht und welchen ich NICHT NÄHEN KANN! Ihnen wird’s hier zu banal? Das verstehe ich, aber mehr kann mein Gehirn nach den vergangenen Monaten nicht. Dank fürs erhöhte Stresslevel gab es allerdings, auch und der tat richtig gut: Eine Urkunde der Schule für die Eltern als Anerkennung für 55 Tage Home-Schooling.

JaHAA ich bin gleich FERTIG! Eins noch: Sollte ich noch einmal lesen oder hören, dass Eltern sich nicht so anstellen sollen, nur, weil „sie sich endlich mal selbst um ihre Kinder kümmern müssen. Meine Mutter hat das früher auch geschafft“ – DANN RASTE ICH KOMPLETT AUS. Anders gesagt: Ich brauch’ dringend Urlaub. Und den hab’ ich jetzt. *Wink* und Zzzz?%$)/&%!?



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