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Warum es manchmal gar nicht so schlecht ist, ein schlechtes Gewissen zu haben

Nützliche kleine Kläffer

Eine Kollegin und ich sind sehr talentiert in schlechtem Gewissen. Wir haben nun wirklich nichts Schlimmes auf dem Kerbholz, aber: ökologischer Fußabdruck, Kindererziehung, journalistischer Ethos, Gesundheit – es gibt so viele kleine Gelegenheiten, hinter eigenen Ansprüchen zurückzubleiben und sich deshalb mies zu fühlen – zumindest ein bisschen.

veröffentlicht am 10.11.2018 um 08:16 Uhr

Illustration: cn
Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Daraus können bei uns beiden wahre Gewissensbiss-Schlachten entstehen. Kürzlich habe ich eine Bemerkung der Kollegin zum Thema Sport (wir machen doch alle irgendwie zu wenig) mit dem Hinweis auf den Mikroplastikabrieb von Sportschuhsohlen gekontert. Ha! Klarer Punktsieg für mich. Kommt nun also wieder eine Kolumne der Sorte „Seht doch alles nicht so verbissen, die Welt rettet ihr eh nicht, gönnt’s euch!“? Wohl nicht. Oder wie Songwriter Tom Liwa mal dichtete: „Ich hatte nie ein schlechtes Gewissen wegen meiner schlechten Gewissen.“

Klar, so über den Tag können die diversen schlechten Gewissen schon mal lästig werden. Als wäre jedes einzelne von ihnen ein kleiner Hund. Nicht direkt bissig (obwohl es doch Gewissensbiss heißt), aber mit viel Freude am eigenen Geräusch. Ich meine so ein hohes, ins Trommelfell beißendes, kurzes Kläffen, kein gemütliches „Wuff“. Gar nicht so selten kläffen sogar mehrere Gewissensköter gleichzeitig. Zum Beispiel: Ein überstürzter mittäglicher Aufbruch von der Arbeit: Oha, ich wollte ja vorher eigentlich noch ... (WIFF!). Das Kind steht jetzt vielleicht schon vor der Tür (WIFF!). Dann gibt’s heute wohl nur Ravioli (WIFF!) aus der Dose (WIFF!). Und mit dem Hund geh ich nur ganz kurz raus (WIFF!!!). Diese blöden kleinen Kläffer.

Aber liebhaben muss man sie am Ende doch. Schauen wir sie uns genauer an: „Schlechtes Gewissen ist die Diskrepanz zwischen inneren Werten und Handlungen, zwischen dem Ich-Bild und dem Ich-Erleben, zwischen Sollen und Sein“, zitierte „Die Zeit“ mal Holger Kuntze, einen Therapeuten, der sich offenbar mit dem Thema auskennt. Aha. Ungewöhnlich seien die kleinen Gewissenskläffer natürlich nicht. Es ist halt niemand so perfekt, wie er gerne wäre. „Keiner wird all seinen Ansprüchen gerecht“, sagt der Experte. Blöd wäre es trotzdem (sage ich), wenn man gar keine Ansprüche an sich hätte. Denn – bildlich gesprochen – so ein Wochenende in der Jogginghose vor dem Fernseher – das hat vielleicht seinen Reiz, ein Leben in Jogginghose eher nicht. Ein Land, gar eine Welt in Jogginghose erst recht nicht.

Solange es die kleinen Gewissenskläffer nicht übertreiben, lasse ich sie also gerne ihren Job machen. Sie verbellen die Einwegflasche im Einkaufswagen, bis sie zurück ins Regal wandert. Sie geben Laut, wenn die Sonne scheint, und ich trotzdem nicht das Fahrrad nehme. Sie kläffen mir das Handy aus der Hand, wenn ich lieber mit dem Kind spielen sollte. Am harmonischsten lebt es sich natürlich mit jedem schlechten Gewissen, wenn man ihm keinen Grund zum Aufwachen oder gar zum Bellen und Beißen gibt. Das gilt nicht nur für die richtig fiesen großen Biester unter ihnen.

Meine diversen – meist nicht ganz so gefährlichen – schlechten Gewissen sind eine sehr persönliche Angelegenheit. Sie arbeiten in einer immer mal wieder neu ausgehandelten Hierarchie. Nicht jedes Kläffen hat dieselbe Lautstärke. Manche bellen im Chor mit den schlechten Gewissen anderer Leute. Etwa dann, wenn es um die Rettung der Welt geht. Bei Plastikmüll und CO2 zum Beispiel hören offenbar recht viele Leute ein ähnliches Bellen, reagieren dann aber – je nach Situation und Temperament – unterschiedlich. Wenn der Urlaubsflieger abhebt, sitzt eine ganze Reihe kleiner Gewissensköter mit Maulkörben stumm im Frachtraum. Meiner saß da auch schon.

„Will der uns etwa ein schlechtes Gewissen machen?“, hat mancher nun längst mich (wie auch schon viele andere) gefragt – und das mit Empörung. Denn mit den Gewisssenskötern ist es nicht anders als mit den echten Hunden: einfach nicht jedermanns Sache. Wahre Gewissensköter-Hasser sind da unterwegs. Ihr brutalstes Vorgehen: Wenn mich das schlechte Gewissen nervt, bekämpfe – nein – eliminiere ich seine Ursache: Klimawandel? Alles quatsch! Zu wenig Sport? Ist eh schlecht für die Gelenke! Miese Kindererziehung? Hat mir auch nicht geschadet! Zu viel Alkohol? Rotwein ist gesund – und Bier sowieso! Das funktioniert im politischen Rahmen nicht anders: Ist doch ewig her, Hitler und dieses ganze Nazi-Zeug – ein „Vogelschiss“! So sagen sie dann. Aber welcher Hund gibt schon Ruhe, nur weil man ihn reizt?

Wer seinen schlechten Gewissen ein bisschen Aufmerksamkeit schenkt, sie regelmäßig Gassi führt und die Richtung vorgeben lässt, hat hilfreiche Leithunde an seiner Seite. Einen moralischen „Kompass“, wie es Therapeut Kuntze lieber formuliert. Es ist eben gar nicht so schlecht, ein Gewissen zu haben.



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