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Von korrekter Sprache – und wer was sagen und schreiben darf

„Nu’ müssen wa was klär’n“

Gibste dem Taxifahrer ma‘ fünf Euro für die Anfahrt?! Ich fahr‘ doch nich‘ nach Hause, ich bleibe noch …“, haucht Uwe der Wirtin über den verqualmten und mit halb vollen und fast leeren Gläsern gespickten Tresen rüber. „Aber du wolltest doch unbedingt nach Hause …“, kommt es zurück. „Nee, nee, wollt’ ich, aber nu’ müssen wa noch was klär’n.“ „Okay, mache ich, ist ja dein Geld. Was ihr beiden da wohl wieder zu klären habt, na ja, euer Ding … .“

veröffentlicht am 09.02.2019 um 08:11 Uhr

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Thomas Thimm

Autor

Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

„Jede Menge“, sagt Uwe, nun wieder mir zugewandt, an einer neuen Kippe fummelnd und das fast leere Glas auf dem Bierdeckel hin und her wippend, „jede Menge.“ Doch zunächst hat Uwe sozusagen noch einen ordentlichen Antrag zur Geschäftsordnung: „Machste noch ma’ zwei Bier?“ „Geht klar.“

„Hör ma‘ …“, mit stechendem Blick fixiert Uwe den Zeitungsmann und rauft sich die ohnehin schon wild zu Berge stehenden Haare „… wie iss‘n dat denn so bei euch bei der Zeitung eigentlich mit de Sprache, Tschuldigung, mit der Sprache? Ihr müsst doch immer genau wissen, wie man was sagen und schreiben kann, so erstma‘ vonna Wortwahl und wie man dat alles Buchstabe für Buchstabe richtig schreibt. Unsereins muss dat ja nich‘ so immer genau drauf ham, aber ihr doch schon. Aber woher wisst ihr denn immer, wat denn so angesacht iss …?“

„Eure Biere, bitteschön. Striche bei dir, Uwe?“ „Jo, danke recht herzlich.“

Nun, Uwe und gerne auch die ganze Welt dort draußen, man darf – oder besser: muss – es ja als ersten Fehler bezeichnen, wenn danach gefragt wird, wie man etwas sagt und schreibt. Denn genau dort liegt ja schon der erste sprichwörtliche Hund begraben. Vieles, was im gesprochenen Deutsch durchaus üblich ist und auch als salonfähig gilt, gehört deshalb noch lange nicht ins geschriebene und schon gar nicht ins gedruckte Deutsch. „Das ist sooooo vielschichtig, lieber Uwe, da muss man auf der einen Seite ein wirklich gutes Sprachgefühl haben, das ist unbedingt so, wenn man Zeitung machen will, ohne geht es nun mal nicht“, proste ich ihm zu und versuche mit ausgebreiteten Armen zu zeigen, wie breit die Bandbreite der Sprache von mündlich bis gedruckt wohl so sein kann. Auf der anderen Seite muss man aber auch ein schönes Feeling für das Neue, das Ausgefallene, das Gewagte, das Auszuprobierende im Leben und in der Gesellschaft haben, was dann immer auch etwas mit Sprache machen kann, sie hier und dort beeinflusst, ja, am Ende auch verändert.

„Schau mal, Uwe, die Zeitung muss auch immer einen Spagat versuchen zwischen Tradition und Moderne. Ein Beispiel: Vor 15 Jahren gab es das Verb ‘facebooken’ einfach noch nicht, heute steht es im Duden. Wir können es also verwenden, weil es, je nach Sprachduktus, normal bis modern scheint. Kinder denken: ‘Das ist doch ganz normal’; Eltern fragen ‘Muss das sein?’“ Schlussendlich bleibt Sprache immer ein fließender Prozess, eine lebendige Wundertüte, auch immer ein bisschen so etwas wie eine Versuchswerkstatt. Anderes Beispiel: Es ist schon ein bisschen her, da teilte man nicht mit, dass man auf etwas nicht so viel Lust habe, sondern maulte davon, dass man „keinen Bock hat“. Mein Gott, war das revolutionär – dachten wir. Haha. Die Jugend von heute verschmäht das, was sie nicht will, ganz selbstbewusst als „übelsten Bullshit“. Sprache und Ausdrucksformen – alles und immer im Fluss. Sprache ist gerne Ausdruck von Bildung, im besten Falle von Intellekt, immer ein bisschen des Milieus, aber eben auch von Originalität, manchmal sogar Exklusivität.

„Ha …“, bricht es aus Uwe heraus, „wusste ich‘s doch, ich bin originell und exklusiv“. Lacht, strahlt, zischt sein Bier weg wie nix und steckt sich ‘ne neue Kippe an. „Machste noch ma’ zwei …“, bestelle ich in Richtung Zapfhahn. Und hole nochmal aus, denn Uwe will es ja immer ganz genau wissen: „Es gibt kein richtig oder falsch; es darf aber ein mögen oder nicht-mögen geben. Und so drucken wir Worte meist nicht so, wie man sie spricht. Außer bei dir, da mache ich das, weil es so originell ist.“ „Jo, dat hab‘ ich auch schon gelesen.“ „Du liest?“ „Ja-aaa! Übrigens: Bekomm‘ ich da gar kein Honorar für?“ „Nee. Prost, das ist dein Honorar.“

Epilog: Durch Zufall bekam ich dieser Tage eine Zeitung von 1953 in die Hände und in dieser Dewezet von damals stehen wohlformulierte Sätze wie dieser, ich zitiere: „Kraftfahrer, erhaltet Euch bei Schneewetter durch rücksichtsvolle Fahrweise das Wohlwollen Eurer zu Fuß gehenden Weggenossen!“ So würde man es heute nicht mehr ausdrücken und auch nicht schreiben. Zum Vergleich eine Überschrift, die wir – ganz anderes Thema – vor wenigen Tagen auf einer Sportseite im Blatt hatten: „Heilige Scheiße“. Sprache hat sich entwickelt, und sie wird es weiter tun. Wir Zeitungsmacher kommen nicht um alles drumherum, aber wir werden auch nicht alles mitmachen, das ist schon klar. Eine kluge Frau schrieb uns jüngst, es sei köstlich und hintergründig, uns zu lesen. Und sie ließ Uwe grüßen. Danke, ist geschehen …



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