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24. Oktober 1901: Annie Taylor befährt als erster Mensch erfolgreich die Niagarafälle in einem Holzfass

„Noch niemand hat dies geschafft“

Wer will‘s verfilmen? Annie Taylor ist schon 63 Jahre alt, als sie sich in einem Fass die Niagarafälle hinuntertreiben lässt. Das Fass ist gerade mal 1,40 Meter lang und 0,9 Meter breit. Ihr Leben klingt tatsächlich wie aus einem Drehbuch...

veröffentlicht am 23.10.2016 um 19:09 Uhr

Annie Taylor verlässt ihr Fass nach der geglückten Reise. fotos (2): wikipedia
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Ihr Leben schreit geradezu nach einer Verfilmung, und wer noch nach einem Romanstoff sucht, könnte bei Annie Taylor fündig werden. Als Annie Edson wächst sie als eines von acht Kindern eines Mühlenbesitzers im US-Bundesstaat New York auf, nach der Schule studiert sie, heiratet einen Mann, der im Amerikanischen Bürgerkrieg 1864 fällt. Annie Taylor, nunmehr eine 25-jährige Witwe, nimmt eine Stelle als Lehrerin an, kurze Zeit später versucht sie sich als Tanzlehrerin. Dann hat sie Glück: Ihren anspruchsvollen Lebensstil sichert eine Erbschaft.

Lange hält das Geld vor, aber nicht ewig. Ein Zeitungsbericht über die Weltausstellung in Buffalo und die Popularität der nahe gelegenen Niagarafälle bei den Besuchern gibt ihr im Juli 1901 eine plötzliche Eingebung: „Geh über die Niagarafälle in einem Fass – noch niemand hat dieses Kunststück geschafft.“

Annie Taylor lässt ein Fass aus ausgewählten Eichenhölzern anfertigen. Das Fass ist rund 1,40 Meter lang und 0,9 Meter breit. Es wird mit Kissen gepolstert und zur Stützung des Passagiers mit einem Lederharnisch versehen. Das „Königin des Nebels“ getaufte Fass wird in einem Probelauf mit einer Katze als Passagier am 18. Oktober 1901 getestet. Ob die Katze diese Reise überlebte, bleibt ungeklärt.

Annie Taylor posiert neben ihrem Fass.
  • Annie Taylor posiert neben ihrem Fass.
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Am 24. Oktober 1901, ihrem 63. Geburtstag, steigt Annie Taylor schließlich selbst in das Fass, das mit einem Korken versiegelt wird. Damit es während der Reise vertikal ausgerichtet blieb, wird die Unterseite mit einem Amboss beschwert. Um 16.05 Uhr wird das Fass vom Boot gelöst und sofort von der Strömung mitgerissen. Nach 18 Minuten erreicht das Fass die Horseshoe Falls auf der kanadischen Seite, wo es dann 53 Meter in die Tiefe stürzt. Nach einer Minute erscheint das Fass intakt unterhalb des Wasserfalls. Es wird geborgen, Annie Taylor kann das Fass aus eigener Kraft verlassen. Sie dankt Gott dafür, dass sie diese Reise überlebt hatte, und warnt jeden davor, dieses Wagnis zu wiederholen. Der geglückte Stunt macht Annie Taylor über Nacht bekannt, doch der Ruhm verblasst auch genauso schnell wieder. Leider wird ihr wahres Alter bekannt: Sie hatte sich zunächst als 43-Jährige ausgegeben. Ihrem Manager fällt es zunehmend schwerer, Engagements für die matronenhafte Witwe zu finden.

Im Winter 1901/02 bereist Taylor mehrere Städte im Osten der Vereinigten Staaten, wo sie in Schaufenstern zusammen mit ihrem Fass und ihrer Katze ausgestellt wird. Schließlich strandet sie zahlungsunfähig in Cleveland, Ohio. Ihr Manager setzt sich daraufhin mit dem Fass ab und versucht sein Glück ohne Annie Taylor, der nun ihre letzte Einnahmequelle fehlt. Sie entdeckt „ihr“ Fass im Sommer 1902 in einem Theater in Chicago, und nachdem sie durch ihre Autobiografie wieder flüssig ist, kauft sie das Fass zurück. Man glaubt es kaum, doch auch ihr neuer Manager verschwindet nach kurzer Zeit mit dem Fass. Taylor lässt eine Nachbildung des Fasses anfertigen, mit dem sie in dem Städtchen Niagara Falls für die Touristen posiert. Da der Verkauf von Souvenirs ihre einzige Einnahmequelle ist, überlegt Taylor 1906, ihre Fahrt zu wiederholen, setzt ihr Vorhaben aber wegen ihres fortgeschrittenen Alters nicht in die Tat um.

Und sie hat Pech, denn die Gesetze der Medien greifen: Am 25. Juli 1911 überlebt der Engländer Bobby Leach die Befahrung der Horseshoe Falls in einem Metallfass. Leach ist als 52-jähriger Draufgänger ein deutlich attraktiverer Held für die Medien.

In den letzten zehn Jahren ihres Lebens versucht sich Annie Taylor trotz verschlechternder Gesundheit als Hellseherin, Anfang des Jahres 1921 kommt sie ins Armenhauses. Am 29. April 1921 stirbt sie und wird auf dem Friedhof von Niagara Falls begraben, neben anderen Sensationsartisten.

Heute sind Befahrungsversuche eine Straftat und werden seit den 1980er Jahren mit relativ hohen Geldstrafen oder Gefängnis geahndet. Kirk Jones aus Michigan ist der erste bekannte Mensch, der einen Sturz an den Niagarafällen ohne jegliche Hilfsmittel überlebte. Er stürzte sich am 20. Oktober 2003 den Hufeisenfall hinunter und überlebt mit zwei Rippenbrüchen, Prellungen und Schürfwunden.

Am 16. Juni 2012 überquert der 33-jährige US-amerikanische Hochseilartist Nik Wallenda als erster Mensch die Niagarafälle an den Horseshoe Falls mit Hilfe eines von der amerikanischen auf die kanadische Seite gespannten Drahtseils. Die 330 Meter lange Strecke legt er in 25 Minuten zurück. Wallendas Aktion wird live von dem US-amerikanischen Fernsehsender ABC ausgestrahlt.



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