weather-image
10. September 1987: Karl-Heinz Köpcke liest zum letzten Mal die Tagesschau-Nachrichten

Neutrum im Sakko

Schlag 20 Uhr ist „Tagesschau“-Zeit im deutschen Fernsehen, die Mutter aller Nachrichtensendungen läutet für Millionen Deutsche noch immer den Feierabend ein. Im letzten Jahrhundert war die Sendung in erster Linie mit einem Namen verbunden: Karl-Heinz Köpcke, der vom 2. März 1959 bis 10. September 1987 ihr Sprecher war und von vielen Zuschauern für den Regierungssprecher gehalten wurde.

veröffentlicht am 11.09.2017 um 09:50 Uhr

Tagesschau“-Sprecher Karl-Heinz Köpcke im Studio Hamburg. Foto: dpa
4301_1_orggross_f-westermann

Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Köpcke wird im September 1922 als erstes Kind einer Hamburger Bürgerfamilie geboren. Gymnasium, kaufmännische Lehre, dann der Krieg. Köpcke wird zum Arbeitsdienst eingezogen. Danach Luftwaffe, Funker im Panzerspähwagen, zuerst in Italien, später an der Ostfront.

Nach kurzer Kriegsgefangenschaft kehrt er nach Hamburg zurück und spricht bei Radio Bremen vor, wo er sofort angestellt wird. Dann kommt das Angebot seines Lebens, vom damaligen NWDR Hamburg: Nachrichtensprecher.

Und von heute auf morgen kennt ganz Deutschland Köpke. Als der gebürtige Hamburger am 2. März 1959 zum ersten Mal sein Publikum mit seinem freundlich-distanzierten „Guten Abend, meine Damen und Herren“ begrüßt, ist er zugleich auch der erste Nachrichtensprecher, der auf dem Bildschirm zu sehen ist.

Das Fernseh-Volk liebt den Blonden, sein stets korrektes und seriöses Auftreten bringt ihm den Beinamen Mr. Tagesschau ein, er ist das Gesicht der täglichen Nachrichten, kühl und reglos, ein Neutrum im eleganten Sakko. Als er 1974 aus dem Sommerurlaub mit einem Bart zurückkehrt, weil er eine kleine Unfall-Schramme verdecken will, gibt es fast einen Aufstand im Land.

Bis zu 300 Fan-Briefe täglich erhält der Gentleman mit dem fein gekämmten Toupet, die meisten von einsamen Frauen, „die ihren Seelenschutt bei ihm abladen“, wie es der Spiegel in seinem Nachruf formuliert.

Ein kühler Hanseat als Nachrichtensprecher: Ohne Anflug von Individualität, ohne sichtbare Emotionen, gediegen, zuverlässig und korrekt, das verkörperte Köpcke. Kritiker prangern seinen Verlautbarungsstil, gleich dem eines Regierungssprechers, an. Und die „Taz“ spricht vom „getreuen Buchhalter des Weltgeists“.

In mehr als 5000 „Tagesschau“-Ausgaben erlangt Köpcke in 28 Jahren einen Bekanntheitsgrad, der an den des Bundeskanzlers heranreicht. Der Sendetermin der „Tagesschau“ um 20 Uhr entwickelte sich zu einer festen Institution im Lebensalltag zahlreicher Bundesbürger; wehe, man wurde in dieser Zeit angerufen. Köpcke war immer ohne Fehl und Tadel, mit wenigen Ausnahmen: Als im Februar 1978 die Tagesthemen eingeführt werden, rückt der Sprecher gegenüber dem Moderator in den Hintergrund; Köpcke protestiert in der ersten Sendung durch demonstratives Rascheln mit Papier und durch Räuspern. „Bild“ zählt mit und anderntags auf: Köpcke hat missgestimmt in die Kamera gestarrt, ungeniert gegähnt, aufsässig geraschelt und, man glaubt es kaum, nicht einmal ordentlich „Guten Abend“ gesagt. Es war, „Bild“ hat es wirklich tief getroffen, wahrhaft „ein Skandal“. Andere Medien sehen ebenfalls das Ende der Welt nahen, also fast: „Das neue Jahr“, ächzt die „Süddeutsche Zeitung“, „fängt ja gut an.“ Es fehlte nicht viel und Köpcke hätte seinen Posten als Chefredakteur verloren.

Am 10. September 1987 liest Köpcke zum letzten Mal die Nachrichten, es ist ein verbitterter Abschied vom Hochamt des deutschen Nachrichtenjournalismus, und er geht in einen Ruhestand, der von Unglücken überschattet wird: Tod der Frau, Tod der Mutter, dazu eine eigene Krebserkrankung.

Nach über zehn Operationen stirbt die TV-Ikone der Fernsehnachrichten am 27. September 1991 zwei Tage vor ihrem 69. Geburtstag in ihrer Wohnung in der Hamburger Parkallee. Er hatte den Weg bereitet, seine Nachfolger avancieren zu den prominenten Köpfen der Republik. Von den Frisuren Dagmar Berghoffs, die 1976 als erste Frau die „Männerbastion“ der „Tagesschau“-Sprecher knackte, bis hin zu den Hollywood-Plänen Susan Stahnkes – das Medieninteresse an den „Aushängeschildern“ der Sendung war stets groß; jeder kannte Tagesschau, jeder hatte eine Meinung zu den Sprechern.

Und Köpcke, der Mann der ersten Tagesschau-Stunde, bleibt auch nach seinem Tod der allgegenwärtige Übervater: Vor wenigen Jahren, mehr als 20 Jahre nach seinem Tod, war er nach wie vor der beliebteste „Tagesschau“-Sprecher aller Zeiten: 18,1 Prozent für Köpcke, dicht gefolgt von Jan Hofer (17,8 Prozent) und Dagmar Berghoff (14,8 Prozent).



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt