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Das Hamelner Hochzeitshaus und seine Geschichte / Teil 1

Name erinnert an glanzvollere Zeiten

Das Hochzeitshaus ist das hervorragendste Zeugnis der kulturell und politisch bedeutendsten Phase der Stadtgeschichte Hamelns, der Zeit der Renaissance im 16. und frühen 17. Jahrhundert. Die Hamelner Großkaufleute waren besonders durch Getreidehandel zu Reichtum gelangt. Mit dem wirtschaftlichen Aufbruch war ein kultureller Neuanfang verbunden. 1540 hatte die Stadt die Reformation eingeführt und öffnete sich auch dem Gedankengut des Humanismus und der Renaissance.

veröffentlicht am 20.01.2014 um 06:00 Uhr

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Autor:

Bernhard Gelderblom

Damals entstanden in Hameln die prächtigen Bauten der Weserrenaissance. Ihre Reihe beschloss das Hochzeitshaus, das 1610 begonnen und 1617 fertiggestellt wurde – unmittelbar vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Hier setzte sich die Bürgerschaft ein monumentales Wahrzeichen. Von einem unbekannten Baumeister ähnlich dem Schloss zu Hämelschenburg gestaltet, wollte sie mit dem Adel wetteifern und ihre Macht zur Schau stellen.

An der markantesten Stelle, welche die Stadt zu vergeben hatte – parallel zur Marktkirche und im rechten Winkel zum Rathaus – fügt sich der Bau geglückt zu den Bauten des städtischen Zentrums. Obwohl in ganz verschiedenen Stilepochen entstanden, bildeten Marktkirche, Rathaus und Hochzeitshaus eine gelungene Einheit.

Der gewaltige Block des Bauwerkes – 43 Meter lang, 15 Meter tief und 11 Meter hoch – erstreckt sich über drei Stockwerke. Horizontale Gesimse und umlaufende Quaderverzierungen betonen seine Länge. Eine vertikale Gliederung findet sich nur in den beiden Giebeln nach Westen und Osten und den drei nach Süden schauenden sogenannten Zwerchhäusern, die das mächtige Dach gliedern.

2 Bilder

So ungegliedert, wie es sich heute präsentiert, war das Gebäude früher nicht. An der Ostwand befand sich ursprünglich ein über zwei Geschosse gehender Erker, der in die Tiefe der Osterstraße schaute. Von ihm aus begrüßte der städtische Trompeter einziehende hohe Gäste. Der Erker wurde im 18. Jahrhundert beseitigt. Auf der Nordseite ragte in den Lütgen Markt eine mächtige, gewinkelte und reich mit Bildhauerarbeit geschmückte Steintreppe, welche die oberen Stockwerke erschloss.

Die Schauseiten des Bauwerkes, also die nach Süden schauende Front und die östliche Giebelseite, sind reich gestaltet. Ein über dem ersten Stockwerk verlaufender Fries zeigt über den drei Portalen Frauengestalten und Löwen, die das Stadtwappen tragen, sowie zwei Brustbilder von Kriegern. Zahlreich sind die von oben herabschauenden, aus der Fassade heraustretenden Köpfe in den Giebeln nach Süden und Osten.

Wie der Name „Neues Gebäude“ nahelegt, den das Haus fast 250 Jahre lang trug, war der Bau zur Entlastung und Erweiterung des angrenzenden Rathauses gedacht. Die Bezeichnung „Hochzeitshaus“ war eine Idee des romantischen 19. Jahrhunderts und kam erst um 1860 in Erinnerung an glanzvollere Zeiten in Gebrauch. Bis heute sorgt sie für Missverständnisse, was die Zwecksetzung des Bauwerkes angeht. Das Erdgeschoss war Funktionen gewidmet, die der Stadt bedeutende Einnahmen sicherten. Das westliche Portal, das durch seine Größe auffällt, sollte zur Ratswaage führen. Hier befand sich deswegen eine Wagendurchfahrt, die auf den Lütgen Markt mündete. Die mittlere Tür öffnete sich zur Ratsapotheke, die östliche zur Ratsweinstube.

Gereimte lateinische Sinnsprüche bezeichnen die unterschiedlichen Funktionen der Portale. So steht über dem Tor zur Weinstube:

„Hier winkt gastliches Heim dem Müden, … sonnengereifter Trunk lösche den brennenden Durst.“

Werbewirksam ließ die Stadt auch die folgende Inschrift anbringen:

„Nach Christi Geburt 1284 Jahr gingen bi den Koppen unter verwahr hundert und dreyßig Kinder in Hameln gebohren von einem Pfeiffer verfürt und verloren.“

Weil die Ratswaage im gegenüberliegenden Haus blieb, zog die Apotheke anstelle der Waage in die westliche Gebäudehälfte und teilte sich mit der Weinstube das Erdgeschoss. Die überflüssige mittlere Tür wurde zugemauert und erst 2005 für die „Erlebniswelt“ wieder geöffnet. Im ersten Stock lagen in Richtung Westen Repräsentationsräume (unter anderem die später sogenannte Tilly-Stube), im Osten der über zwei Stockwerke gehende Festsaal. Er besaß kostbare farbige Glasfenster und auf zwei Seiten Balustraden und bot für Empfänge, Hochzeiten und Festgelage einen würdigen Rahmen.

Im Dachgeschoss befand sich die städtische Rüst- oder Gewehrkammer, das Zeichen bürgerlicher Selbstverteidigung. Die Keller waren tonnengewölbt und durch einen Gang mit dem Ratsweinkeller unter dem Rathaus verbunden. Trotz seines repräsentativen Auftretens war das Gebäude in seinem Inneren also auf Funktionalität bedacht.

Weitere historische Fotos unter zeitreise.dewezet.de

Die Ausschnitte aus dem Persson-Plan von 1741 und aus einem Stadtplan von 1760 zeigen den Standort des Hochzeitshauses (hier als Neues Gebäude bezeichnet) unmittelbar neben der Marktkirche und dem Rathaus. Damals schloss die Stadt- bzw. Hauptwache den Pferdemarkt, den größten städtischen Platz, nach Osten ab. Persson-Plan: Stadtarchiv; Stadtplan nach Magister Herr, bei Spanuth, Geschichte der Stadt Hameln



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