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Die Schande von Gijón: Vor 30 Jahren erlebt der deutsche Fußball einen GAU

„Muss mich für nichts entschuldigen“

Irgendwann, weit in der zweiten Halbzeit, stellte Fernsehmoderator Eberhard Stanjek seine Arbeit ein. Minutenlang war nicht ein kommentierendes Wort zu hören. Nicht nur ihm verschlug es die Sprache, auch die (allermeisten) Zuschauer vor dem heimischen Fernseher waren schlicht baff: Bei der Fußballweltmeisterschaft 1982 stellten zwei Mannschaften das Fußballspielen schlicht ein. Und sie hatten einen guten Grund: Wenn es beim Spiel zwischen Deutschland und Österreich beim Stand von 1:0 bleiben würde, dann wären beide Mannschaften in der nächsten Runde. Denn das Ergebnis des anderen letzten Gruppenspiels war ihnen bekannt, da Mitkonkurrent Algerien einen Tag zuvor gespielt hatte. Als der Schiedsrichter das unwürdige Spiel abpfiff, war die Welt um einen weiteren stehenden Begriff reicher: den des Nichtangriffspakts von Gijón, der gern auch als Schande von Gijón bezeichnet wird. Immerhin hatte das Spiel eine entscheidende Konsequenz: Seitdem werden die beiden letzten Vorrundenspiele einer Gruppe in großen Turnieren gleichzeitig ausgetragen.

veröffentlicht am 25.06.2012 um 00:00 Uhr

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Deutschland hatte durch Horst Hrubesch in der 10. Minute das erste Tor erzielt, anschließend spielte sich die ballbesitzende Mannschaft in der eigenen Spielhälfte den Ball so lange zu, bis ein gegnerischer Spieler in die Nähe des ballführenden Spielers kam. Dann wurde der Ball zum eigenen Torwart zurückgepasst. In 80 Spielminuten gab es keine ernst gemeinten Torschüsse mehr, auch Zweikämpfe waren rar.

2006 erklärte Spieler Paul Breitner, dass das damalige Verhalten nicht verwerflich war, schließlich würde jede Mannschaft irgendwann einmal beginnen, ein Ergebnis zu „verwalten“. Österreichs Sturmlegende Hans Krankl kommentierte das Ergebnis folgendermaßen: „Ich weiß nicht, was man will. Wir sind qualifiziert.“ Es war ein Spiel, das Deutschland die schwärzeste Stunde im Nationalmannschafts-Fußball bescherte und das zwei Länder weiterbrachte, aber zwei Fußballnationen und ihr Verhältnis zu den eigenen Fans jahrzehntelang belasten sollte. Denn mindestens so skandalös wie das Spiel war die Taktlosigkeit der Spieler. Wie sich zeigte, fehlte Breitner und Co. schlicht der altmodische Anstand der Altvorderen, der Fritz-Walter- und Uwe-Seeler-Generation: Sieger und Besiegte gratulierten und tätschelten einander minutenlang nach dem Abpfiff am Ort der Schande. Und das war vielleicht das Allerschlimmste an diesem WM-Fußball-Spiel: Die Spieler entpuppten sich als eine Ansammlung von abgebrühten Zynikern, die einfach nicht kapieren mochten, was für einen GAU zwischen Mannschaft und Fans sie verursacht hatten: gute Fußballer, die das Wesen des Spiels aber nicht begriffen hatten. Noch 25 Jahre später erklärte der damalige Mitspieler Hans-Peter Briegel: „Ich muss mich für nichts entschuldigen.“

Eine Regeländerung erfolgte 1992 und sollte Spiele wie in Gijon künftig verhindern: Rückpässe von eigenen Mitspielern, die absichtlich mit dem Fuß zum Torwart gespielt und mit der Hand aufgenommen werden, sind mit einem indirekten Freistoß zu ahnden.

Legendär wurde durch das Spiel übrigens auch ein Österreicher: Sportmoderator Robert Seeger berichtete damals live vom Spiel – und forderte die TV-Zuschauer zum Abschalten ihrer Fernsehgeräte auf.

Weltmeister wurde Italien, das im Endspiel gegen Deutschland mit 3:1 gewann. Es gab deutsche Fans, die hielten den Italienern damals die Daumen – die Folgen des Nichtangriffspakts setzten sehr frühzeitg ein. rnk



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