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Über Talente, Erwartungen und Akkuschrauber

Muss ich das auch noch können?

Jérôme Boateng kann innen oder zur Not auch mal rechts in der Abwehrreihe spielen. Er schießt mit dem rechten Fuß besser als mit links und ist aktuell wohl gut 50 Millionen Euro wert. Das ist doch schon eine Menge – Geld wie Talent. Aber genug ist es nicht. Nun ist der Nationalspieler auch noch Herausgeber eines Lifestyle-Magazins.

veröffentlicht am 25.08.2018 um 11:02 Uhr

Illustration: cn
Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Musik, Mode, Sport, Zeitgeist soll sich darin wiederfinden. Was für eine vielfältige Persönlichkeit, dieser „Boa“ – so heißt auch das Magazin. Die Tennisspielerin Andrea Petkovic hingegen kann so einiges mit der rechten Spielhand (Rückhand beidhändig), was ihr bisher fast 7 Millionen US-Dollar Preisgeld eingebracht hat. Für das SZ-Magazin hat sie jüngst trotzdem noch eine Reihe durchaus unterhaltsamer Kolumnen aus dem Ärmel geschüttelt. Über Filme, ihr Sportprofidasein, das Leben an sich.

Aber ist das nicht sonderbar? Dass es Leuten, auch bei millionenschwerer Belohnung, nicht ausreicht, sich auf ihr eines großes Talent zu konzentrieren? Geradezu unverschämt, wenn’s dann auch noch funktioniert, wenn jemand nicht mit einem, sondern mit zwei (oder gar mehreren) Großbegabungen protzen kann, wie – nur so als Beispiel – der Schauspieler und Bestsellerautor Joachim Meyerhoff. Talentehäufung – eine Frechheit so was.

Doch offenbar steckt in so vielen eigentlich ein Leonardo da Vinci: Maler, Bildhauer, Architekt, Anatom, Mechaniker, Ingenieur und Naturphilosoph in einem – was für eine Visitenkarte! Überragend Schachspielen und Kitesurfen konnte der Italiener bestimmt auch noch.

Dank solcher Ideale musste sich dann zum Beispiel in meiner Studienzeit ein in seinem Fachbereich durchaus erfolgreicher Kommilitone und Mitbewohner daheim in der WG auch noch als – durchaus talentarmer – Klavierspieler betätigen, manchmal hat er sogar gemalt. Das war nicht schön. Und klar: Wer es heute ins Management eines Dax-Konzerns schafft, muss nach Möglichkeit trotzdem zu Hause die Rigipswände selber ziehen. Wäre doch gelacht!

Aber wäre es das wirklich? Ist es nicht vielleicht doch völlig in Ordnung sich einfach auf die Dinge zu konzentrieren, auf die es ankommt. Die einem – im Optimalfall – wirklich liegen? Irgendwann wird sonst schließlich auch mal alles zu viel: Job, Kinder, Heimwerken, Squash. Und wer sich beklagt, macht sich verdächtig. Du bist einfach zu müde um nach Büro, Sport und Kinder ins Bett Bringen noch ein Buch zu schreiben? Geh mal zum Arzt, das klingt nach Burnout. Der Satz: „Das muss ich nicht können“, funktioniert heute nicht mehr. Wir sind immer nur ein paar Youtube-Erklärvideos entfernt von der Universalgenialität.

Nun, gut: So in der Masse betrachtet haben wir überraschenderweise trotzdem noch Luft nach oben, was unsere Vielseitigkeit betrifft: Für den „Freizeit-Monitor“ lässt die „Stiftung für Zukunftsfragen“ regelmäßig Deutsche nach ihren liebsten Freizeitbeschäftigungen fragen: „Was machen Sie in Ihrer freien Zeit regelmäßig – mindestens einmal pro Woche?“, wird da gefragt. Die beliebtesten Hobbys der Deutschen demnach: Fernsehen, Radio hören, telefonieren. Puuuh – das ist noch deutlich langweiliger, als ich befürchtet hatte.

Langeweile und Eindimensionalität sind kein Ausweg. Nur der Job und vielleicht noch ein einzelnes wohlklingendes Hobby, um den Lebenslauf bei der Bewerbung ein bisschen menschelnd aufzuhübschen – zu wenig. Das sehe ich ein.

Aber muss dieses ganze übrige Gerümpel wirklich auch noch in die Woche? Muss ich mich Auskennen mit den Fallstricken der Steuererklärungsanlage AV? Mit dem zickigen Dimmer für die Esstischlampe? Mit den gesundheitlichen Vor- und Nachteilen von Milch? Spezialisierung war doch irgendwann mal eine gute Idee, oder etwa nicht? Vor Jahren habe ich mal den Satz eines US-Amerikaners aufgeschnappt, der meinte, wir Deutschen dürften uns wirklich nicht über Millionen Arbeitslose (damals waren es noch ein paar Millionen mehr) in unserem Land wundern, wenn an jeder Ausfallstraße Baumärkte für passionierte Selbermacher stehen.

„Was du auch machst, mach es nicht selbst, auch wenn du dir darin gefällst“, dichtete passend dazu mal die Band Tocotronic. Eine befreiende Perspektive – einfach mal andere machen lassen. Ich summe das Lied manchmal vor mich hin – gar nicht so selten habe ich dabei allerdings einen Akkuschrauber in der Hand. Weil‘s günstiger ist, weil Männer das halt so machen – „selber“ und „auch noch“.

Aber genug vom Heimwerken. Denn eigentliche Kernfrage ist doch diese: Was tun wir mit unserer Lebenszeit? Wobei kommt am meisten rum? Für uns, für den Rest der Welt.

Fraglos: Lifestyle-Experte Jérôme Boateng war auch schon mal ein besserer Fußballspieler und die wortgewandte Andrea Petkovic steht in der Weltrangliste längst nicht mehr so toll da wie früher. Also besser Schluss mit lustigen Nebenschauplätzen? Medizinball-Training für alle? Sollten wir uns lieber verbissen auf Beruf oder gar Berufung konzentrieren? Oder muss jeder alles können? Vom Einradfahren bis zum Fliesenlegen? Die Wahrheit liegt wohl im Graubereich dazwischen. Ich denke jedenfalls, ich probiere mal wieder ein paar neue Sachen aus. Ich kann dann ja ein paar von den alten weglassen. Vielleicht das Fernsehen – oder das Heimwerken.



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