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Über einen chronisch übersehenen Nachbarn und Untermieter

Muss alles bezahlen: Der kleine Mann

Er ist nicht zu beneiden. Wo auch immer die Ungerechtigkeit zuschlägt, ihn trifft sie garantiert. Niemand, wirklich niemand hört seine Klage, interessiert sich für seine Meinung, und dann muss er auch noch alles bezahlen. Den Wohlstand der anderen, den Pfusch am Berliner Flughafen, die Folgen der unkontrollierten Zuwanderung und die Feuertreppe für die Grundschule nebenan. Der kleine Mann ist immer dran. Kein Wunder, dass er chronisch schlechte Laune hat.

veröffentlicht am 07.07.2018 um 08:47 Uhr

Illustration: cn
Juni

Autor

Julia Niemeyer Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Mit dem kleinen Mann kann man’s ja machen. Er ist nicht nur klein, sondern macht- und wehrlos. Man stellt ihn sich vor, wie er irgendwo in seiner Ecke sitzt, beinahe unsichtbar, gramgebeugt vom ständigen Gedeckeltwerden, und wie er die Zähne fest zusammenbeißt, während ihm Politiker, Großkonzerne und Behörden abwechselnd in die Tasche langen. Benzin ist schon wieder teurer geworden. Die Waschmaschine streikt pünktlich nach zwei Jahren. Und von den Zinsen fürs Festgeld wollen wir gar nicht reden.

Kennen Sie den kleinen Mann? Ich meine, kennen Sie ihn wirklich? Oder kennen Sie ihn auch mehr so indirekt über Dritte, die Dinge sagen wie: „Am Ende muss das doch wieder der kleine Mann bezahlen!“. Haben Sie jemals jemanden getroffen, der von sich sagt: „Hallo, ich bin’s, der kleine Mann“? Ich nämlich nicht. Ich kenne niemanden, der sich selbst als kleinen Mann bezeichnet. Aber ich kenne viele, die über ihn reden. Mich eingeschlossen.

All diesen Leuten ist gemein, dass sie (ein bisschen von schräg oben herab) ganz genau wissen, was der kleine Mann erdulden muss, was er als Zumutung und Belastung empfindet und wofür er bezahlen muss, obwohl er das überhaupt nicht will. Sie wissen ganz genau, dass der kleine Mann den Gedenkort am Bückeberg für Geldverschwendung hält. Sie wissen auch, dass er es überhaupt nicht schätzt, für die Resozialisierung straffällig gewordener Menschen, Manager-Boni und Abgeordneten-Diäten zur Kasse gebeten zu werden. Hartz-IV-Empfänger, Rundfunkfunktionäre und Nationalspieler sollen sein Geld dem Vernehmen nach aber auch nicht bekommen. Und ob die Bushaltestelle vor Ort tatsächlich behindertengerecht umgebaut werden muss, na, da hat er doch arge Zweifel! Die er selbst aber nicht äußern kann, sondern dafür die Stimme seiner Mitmenschen benötigt.

„Der kleine Mann versteht das nicht!“

„Der kleine Mann will das nicht!“

„Der kleine Mann kann das nicht!“

Man wundert sich, dass ausgerechnet er so eine lautstarke Lobby hat. Denn so ein waschechter Sympathieträger ist er eigentlich nicht, wenn man den Erzählungen Glauben schenken darf. Er scheint nicht nur klein, sondern auch kleinmütig; nicht nur latent benachteiligt, sondern auch offen missgünstig zu sein. Außerdem ängstlich, egoistisch und konfliktscheu. Vielleicht ist er davon, dass ständig auf ihm herumgetrampelt wird, auch einfach zu klein geworden, um noch über den eigenen Tellerrand zu gucken? Ich kann das nicht beurteilen, weil ich ihn, wie gesagt, ja leider nicht persönlich kenne. Manchmal habe ich allerdings den Eindruck, dass das für so ziemlich jeden gilt – auch für diejenigen, die ihn wortwörtlich zitieren können.

Finden Sie es nicht merkwürdig, dass man so selten einem realen kleinen Mann begegnet, obwohl es ihn doch scheinbar in enorm großer Anzahl gibt? Ein einziger kleiner Mann könnte schließlich niemals alles bezahlen, was der kleine Mann bezahlen muss. Wo also versteckt sich der arme Kerl die ganze Zeit, während alle über ihn reden, ihn bemitleiden und wortgewaltig unterstützen?

Wo man ihn suchen muss, ist eigentlich klar: in der direkten Nachbarschaft, vom eigenen Standort aus betrachtet jeweils ein bis zwei Etagen tiefer. Ist er dort vom permanenten Übersehenwerden am Ende tatsächlich unsichtbar geworden?

Wenn dem so wäre, ist es gut, dass er uns hat. Wir sorgen dafür, dass er mit seinen kleinen Alltagssorgen, seiner Angst und seinem Egoismus nicht völlig in Vergessenheit gerät. Natürlich ist es sehr anstrengend, sich so für ihn und seine übersehenen Bedürfnisse einzusetzen. Trotzdem bin ich ihm ab und zu ein bisschen dankbar dafür, dass er – wenn auch nur gegenüber Dritten – all das Besorgte, Ängstliche und Egoistische ausspricht, das ich selbst nur ungern ausspreche. Es reicht ja, wenn einer so ist: Der kleine Mann halt. Der ewige Untermieter.



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