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10. August 1986: Formel 1 vor 30 Jahren erstmals im Ostblock

Monte Carlo ohne Planken

Selbst Journalisten halten es 1985 für einen PR-Gag: Formel 1 in Ungarn? Im nächsten Jahr? Da gibt es ja noch nicht mal einen Kurs.

veröffentlicht am 08.08.2016 um 16:21 Uhr

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Autor:

von frank westermann
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Doch dann wird ab Oktober 1985 in nur acht Monaten für sieben Millionen Euro im Örtchen Mogyorod 20 Kilometer außerhalb von Budapest eine 4014 Meter lange Strecke mit 16 Kurven in eine hügelige Landschaft modelliert. Die Premiere ist dann, mitten im kalten Krieg, eine Sensation: Die Formel 1 dreht erstmals in einem kommunistischen Land ihre Runden, 380 000 Menschen, davon allein 208 000 beim Rennen, wollten sehen, was als unvereinbar galt: erzkapitalistischer Sport hinter dem Eisernen Vorhang. Formel-1-Macher Bernie Eccle-stone hatte schon jahrelang von einem Rennen im Ostblock geträumt, doch Verhandlungen über ein Rennen in Moskau waren gescheitert.

Ein Jahr vor der Premiere gibt es nur hochfliegende Pläne, aber keine Rennstrecke. Ecclestone hat mit Russland und Polen verhandelt und landet schließlich in Ungarn, dem freizügigsten Staat des Warschauer Pakts. Die Ungarn zahlen dann eine Million Dollar und der Brite kann sich über einen Coup freuen, der ihm und damit der Formel 1 weltweite Aufmerksamkeit garantiert.

Und auch nach dem Bau herrscht immer noch die Skepsis: Wer soll das Startgeld für die 26 Autos und Fahrer bezahlen? Wie verläuft die Einreise? Wie lange werden die Fahrzeuge am Zoll festgehalten? Wer soll ein Formel-1-Rennen in einem Land organisieren, das zuletzt einen Grand Prix 1936 im Nepliget-Stadtpark von Budapest abgehalten hat? Und wer kann sich Eintrittskarten zum Preis von 1500 Forint, nach heutigem Kurs 40 Euro, überhaupt leisten? Und was tun mit all den Besuchern aus dem Westen, die die sozialistische Gesinnung der Bevölkerung unterwandern könnten?

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  • Formel-1-Rennen am 10. August 1986auf dem Hungaroring: vorne Ayrton Senna im Lotus 98T, dahinter der spätere Sieger Nelson Piquet im Williams FW11 und Alain Prost im McLaren MP4/2C 10. foto: dpa

Die Fertigstellung des Hungarorings erfolgt mit dem Ziel, eine langsame, fahrerisch fordernde Strecke mit dem Charakter eines Stadtkurses zu schaffen. Vorausgegangen sind schwere Unfälle auf den alten Grand-Prix-Strecken der Formel 1, meist mit ungenügenden Sicherheitsstandards und extremen Hochgeschwindigkeitspassagen, die ein Umdenken bei Sicherheitsaspekten erfordern.

Auf dem Hungaroring haben die Zuschauer wie auf Naturtribünen einen ausgezeichneten Überblick über die Strecke, zudem liegt die Strecke fast komplett in einem flachen Tal. Unter Fahrern gilt der Hungaroring bis heute als enge Strecke, auf der bis auf eine Stelle kurz vor dem Ziel schlecht zu überholen ist. Der Streckenverlauf erfordert die höchste Konzentration der Fahrer, die die Piste gern als „Monte Carlo ohne Planken“ bezeichnen.

Bei der Premiere 1986 müssen die 140 Streckenposten ein Hochschulstudium vorweisen und eine Fremdsprache sprechen. Auf den Ansturm der Besucher auf die Kneipen reagiert Budapest ebenso flexibel wie kapitalistisch: Man verschiebt einfach die Sperrstunde. Und wer mit dem Auto nach Budapest reist, bekommt von Ecclestone einen Aufkleber, der einen für fünf Tage in den Diplomatenstatus erhebt.

Die DDR-Behörden wollen die Völkerwanderung Richtung Süden verhindern: Sie veröffentlichen das falsche Datum, Karten werden im Vorverkauf nicht angeboten.

Doch die Bürger sind besser informiert und gut organisiert. Sie tauschen ihr Jahreskontingent an Devisen in Forint um und pilgern an die Donau: In Trabant und Wartburg, die Wohnwagen und Anhänger hinter sich herziehen. Man mag es heute kaum glauben: Die Autos werden mit größeren Tanks ausgerüstet, damit mit dem Benzin in einem Rutsch nach Budapest und zurück gefahren werden kann. Das Rennen wird natürlich auch nicht im DDR-Fernsehen gezeigt. Immerhin: Die damalige Sowjetunion ist liberaler und schickt einen TV-Reporter. Nur dumm, dass er vorher noch nie ein Autorennen gesehen hat.

Die Zuschauer bekommen bei der Premiere ein Rennen, das sie verdienen, es wird eine Schlacht mit über zwei Stunden schweißtreibender Arbeit, Ayrton Senna und Nelson Piquet liefern sich ein Duell auf höchstem Niveau. Am Ende gewinnt Piquet. Das Rennen sollte 77 Runden dauern und wird eine Runde früher beendet, weil die mit zwei Stunden maximale Fahrzeit erreicht wird.

Nach einigen kleineren Umbauten bekam die Strecke im Jahre 2003 ihre jetzige Linienführung, nun ist sie 4381 Meter lang. Die vielleicht größte fahrerische Leistung in all den Jahren gelingt am 13. August 1989 dem Briten Nigel Mansell im Ferrari. Von Startplatz zwölf aus gewinnt er das Rennen – so viel zu der Behauptung, auf dem Hungaroring könne man nicht überholen.

Und noch eine kleine Randnotiz: 1991 fährt Bertrand Gachot im Dienste von Jordan mit 1:21.547 Minuten erstmals die schnellste Rennrunde eines Grand Prix und damit auch die erste für das Team Jordan. Doch dieser Erfolg nutzt ihm nichts. Wegen einer Auseinandersetzung mit einem Taxifahrer wandert Gachot ins Gefängnis, beim nächsten Rennen in Spa sitzt ein gewisser Michael Schumacher im Jordan.

Rückblickend war es ein großer Schritt in die Zukunft der Formel 1: Ohne Ungarn würde es Rennen in Russland, Aserbaidschan oder China noch heute nicht geben. Bernie Ecclestone hatte nicht nur das Tor nach Osteuropa, sondern zur ganzen Welt aufgestoßen; der Erfinder der Globalisierung, bevor der Begriff überhaupt geboren war.



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