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Von der Unsitte, immer und überall einen Kaffeebecher herumzutragen

Möchten Sie was trinken?

Es ist bestimmt nur gut gemeint. Eine Frage der Höflichkeit. Sicherlich stehen wir Deutschen – trotz der anhaltenden Dürre des vergangenen Sommers – nicht in Verdacht, uns in einem Zustand kurz vor dem Austrocknen oder Verdursten zu befinden. Warum in aller Hergottsnamen bekomme ich überall etwas zu trinken angeboten?

veröffentlicht am 18.05.2019 um 06:30 Uhr

Illustration: cn
Kerstin Hasewinkel

Autor

Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Ich meine jetzt nicht einmal das berühmte Glas Sekt. Das ist ja fast schon wieder verpönt wegen des Alkohols. Aber bei Meetings, kurzen Interviews, Besprechungen, ja selbst beim Shoppen heißt es, kaum dass man den Raum betreten hat: „Mögen Sie einen Kaffee?“ Und mit einem Nein rechnet niemand. Wirklich nicht. Ich ernte Staunen: Nein, danke.

Nun bin ich nicht mal jemand, der Kaffee grundsätzlich ablehnt. Es geht nicht immer um die Kaffee-oder-Tee-Frage, Katze oder Hund, Schwarz oder Weiß, Alles oder Nichts – ich habe Hund und Katze, mag Kaffee und Tee, kann Zwischentöne erkennen. Und trotzdem kann ich es tatsächlich ein paar Stunden ohne dieses Heißgetränk aushalten. Morgens würde mir ohne meinen Pott Kaffee wirklich etwas fehlen. Aber wie die Kollegen die Kaffeemaschine durch Dauerbetrieb zum Glühen bringen, das kann ich einfach nicht nachvollziehen, ständig ist das Pulver alle und die Kaffeekasse leer. Deshalb, sorry, wenn ich Ihnen, lieber Gast, keinen Kaffee angeboten habe – ich komme einfach nicht drauf, dass man quasi ohne Kaffee nur knapp überleben kann.

Warum nicht mal Schnittchen? Häppchen oder Käsewürfel? Da würde ich sofort zugreifen. Allerdings nicht, wenn die Canapés bei Messen oder im Supermarkt als Kostprobe zum Kauf anreizen sollen. Da vergeht mir der Appetit, wenn ich gesehen habe, wie der Kunde vor mir gerade erst mit seinen Fingern das schönste Stück herausgesucht hat. Wir haben ja alle einen Höllenrespekt vor Viren und Keimen. So, dass mittlerweile im Supermarkt Desinfektionstücher bereitgehalten werden, um damit den Griff vom Einkaufswagen abwischen zu können. Aber wenn es etwas umsonst gibt, vergessen wir allen Ekel und greifen hemmungslos zu.

Essen scheint aber doch nicht ganz so wichtig zu sein wie Kaffeetrinken: Haben Sie schon mal beobachtet, dass die Hamelner oder Touristen mit Butterbrot durch die Stadt laufen? Mit Kaffeebecher schon.

Nein, es reicht nicht, zu Hause und am Schreibtisch ständig Kaffeeduft in der Nase zu haben – er gehört abgefüllt am Mann getragen.

Viele können ja nicht einmal vom Auto bis zur Arbeitsstelle gehen, ohne einen Becher Kaffee zu erwerben und ihn dann unterwegs zu schlürfen. Coffee to go — was für eine Erfindung. Hat da eigentlich jemand ein Patent drauf angemeldet? Der muss sich ja schon eine goldene Nase verdient haben.

Warum ausgerechnet Kaffee? Da muss doch irgendein süchtig machender Stoff drin sein. Anders ist das doch nicht zu erklären. Mittlerweile sind ja mehr Leute unterwegs mit Kaffeebecher als mit Zigarette. Das ist in Hameln nicht anders als in Paris oder London.

Und dann wundern sich die Leute, dass bergeweise Müll anfällt. Ja, ok, ich gebe zu, ich trete auch nur ungern weite Fahrten ohne Butterbrot und Mineralwasser an. Aber wer unbedingt Heißgetränke braucht – da tut es doch die gute alte Thermoskanne. Und ich spreche von längeren Reisen – nicht vom Weg zum Supermarkt. Neulich habe ich tatsächlich jemand gesehen, der beim Hundespaziergang den Kaffeebecher dabei hatte (wirklich passiert). Echt zum Weglaufen.

Kein Wunder, dass wir ein Plastikmüll-Problem haben. Coffee to go? Für mich ein absolutes No go.



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