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Der Wandelgang in Bad Pyrmont: Wassertrinken und Bewegung gehören auch heute zusammen

Mit dem Glas in der Hand

Was ist das für eine Geschichte – die Historie des Wandelgangs von Bad Pyrmont. Und natürlich ist es auch die Geschichte des Hylligen Born, der Hauptquelle von Bad Pyrmont. Seit 1668, seit dem ersten über dieser Quelle errichteten Gebäude, ist das Brunnenhaus Mittelpunkt des Kurortes und verbindet wie ein Scharnier die Hauptallee mit dem sich langsam entwickelnden Logierzentrum in der Brunnenstraße.

veröffentlicht am 08.09.2014 um 06:00 Uhr

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Die Kursaison war im 17. und 18. Jahrhundert noch eng begrenzt auf die Sommermonate. Damals ließ man sich das Heilwasser des Hylligen Born, dessen Heilkraft ja seit dem Wundergeläuf von 1556 den Menschen vertraut war, im Brunnenhaus von einem Brunnenknecht zureichen und wandelte die 500 Schritte die Hauptallee hinunter und dann wieder hinauf, um den Becher oder das Glas wieder auffüllen zu lassen. Der schattige Raum der Hauptallee, vierreihig von Linden bestanden, trug damals auch den Namen „Spatziergang“. Dies war der erste Pyrmonter Wandelgang, der das schluckweise Trinken mit Bewegung verknüpfte. Es war dies die künftige therapeutische Grundlage der Genesung vieler Kurgäste. In jener Zeit gab es bereits eine Reihe von Boutiquen, die an das barocke Brunnenhaus in Richtung der heutigen Brunnenstraße angefügt wurden, um zusätzlich über zahlreiche Souvenir- und Gebrauchsartikel Einnahmen zu erzielen.

Nun ist das sommerliche Wetter im Weserbergland nicht immer niederschlagsfrei. Zunächst wird um 1780/1790 ein Kolonnadengang vor das Brunnenhaus gebaut, damit die Gäste den Brunnenplatz in Richtung Hauptallee sonnen-, aber auch regengeschützt überqueren können. Im Jahre 1843 wird eine 64 Meter lange und 11 Meter breite Wandelbahn nördlich an das Brunnenhaus angefügt. Ein Gebäude, das erstmals die Möglichkeit schuf, bei schlechtem Wetter zu Trinken und sich zu Bewegen. Im Übrigen wurde damals die Wandelhalle in der Sommersaison auch für Kunstausstellungen genutzt. Aber schon wenige Jahre später setzte die Kritik ein, dass der Anbau der Wandelbahn in keinster Weise angesichts wachsender Kurgastzahlen Raum genug anbietet. „Und es wäre umso mehr eine Ausdehnung zu wünschen, als die bei starker Überfüllung oft unvermeidliche Ausdünstung eine baldige Abhilfe wünschenswerth macht“ (Straß, 1850).

1868 war es dann so weit. Auf dem Brunnenplatz, in der Achse von Hauptallee, Brunnenstraße und Hylligem Born-Allee entstand über dem Hauptbrunnen ein Gebäude in der sogenannten Eisenskelettbauweise, verbunden mit einer Wandelhalle, zugänglich für die Gäste von Stande und einer zweiten, die für die Landleute bestimmt war. Beide Wandelgänge dienten der Möglichkeit, bei Regenwetter die Trinkkur mit körperlicher Bewegung zu kombinieren.

Nach dem Ende des 1. Weltkrieges veränderten sich in Bad Pyrmont die politischen Verhältnisse grundlegend. Die Herrschaft des Waldeckischen Fürstenhauses war zu Ende gegangen. Am 16. Oktober 1921 entschied sich die Bevölkerung des früheren Fürstentums Pyrmont für den Anschluss an Preussen. Die bereits 1921 gegründete Bad Pyrmont-Aktiengesellschaft wollte das Bad nicht nur verwalten, sondern auch modernisieren. Schon am 27. Mai 1922 entschied man einstimmig, den Neubau von Brunnentempel und Wandelhalle in Angriff zu nehmen. Das Ergebnis ist einzigartig und kann heute noch als herausragendes Beispiel einer Bäderarchitektur des 20. Jahrhunderts bewundert werden. Sieger des Wettbewerbs war der hannoversche Architekt Alfred Sasse, der natürlich an der Grundsteinlegung am 29. November 1923 teilnahm.

Neben dem Brunnentempel wurde ein Wandelgang errichtet, der eine Länge von 170 Metern und eine Breite von 8,50 Metern haben sollte. Der rechteckige Baukörper umschließt einen mittleren, länglichen Schmuckhof, der geprägt ist von Grünanlagen und der wunderbaren Sitzfigur von Königin Luise, die an einen berühmten Kurgast erinnert. Das einer dreischiffigen Basilika ähnelnde Gebäude des Wandelgangs konnte bis zu 10 000 Menschen aufnehmen, die Gläserausgabe entsprach einer Kapazität von ebenfalls 10 000 Gläsern. 48 Zapfsäulen versorgen die Gäste mit den Heilquellen des Ortes – das Foto aus dem Jahr 1950 zeigt linker Hand einen Teil dieser „Zapfhähne“. Die stimmungsvolle Fotografie des Hamburger Fotografen R. Schüler aus dem Besitz des Staatsbad-Archivs zeigt aber noch mehr. Die Wandelhalle ist kein geschlossenes Gebäude, sondern konnte zum Brunnenplatz hin geöffnet werden. Die Fensterfront konnte auf einem Schienensystem zu den Seiten hin geschoben wurden, um auf diese Weise die Trennung von innen und außen aufzuheben. Ein wichtiger Schritt, um den Wandelgang in den Freiraum von Brunnenplatz und Hauptallee zu erweitern.

Allerdings sollte sich im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Gefühl für die therapeutische Wirkung einer Trinkkur zunehmend verringern. Die Errichtung des „Gläsernen Musiksaals“ im bis 1957 offenen Innenhofs um den Wandelgang herum ist ein erster Versuch, diese Entwicklung zu stoppen. Im Grunde genommen wird damals auf diese Weise ein zusätzlicher Konzert- und Veranstaltungsraum geschaffen. Die Brunnenausgabe, zuvor räumlich weit getrennt von der Gläserausgabe, wird nun im westlichen Bereich der Wandelhalle zusammengefügt.

Im Jahr 1999 wird dann anlässlich der Expo 2000, der Weltausstellung in Hannover, das zentrale Gebäude des Staatsbades Pyrmont gänzlich im Innern des Wandelganges überformt und dem zeitgenössischen Empfinden angepasst. Verantwortlich für diese jüngste Modernisierung ist der hannoversche Architekt Dieter Neikes, der allerdings – unserer Zeit angepasst – eine elegante Passage zum Wandeln entlang der zwölf Läden vor Augen hatte. Das Wandeln mit dem Glas in der Hand, die Kombination von Trinken und Bewegung, sieht man heute eher selten. Eigentlich bedauerlich: Das Naturheilmittel Pyrmonter Heilwasser sollte in Verbindung mit Bewegung durchaus wieder eine Chance haben. Gerade vor dem Hintergrund einer so beeindruckenden Geschichte.

Weiter historische Fotos unter zeitreise.dewezet.de

Oben: Richard Schuler: Der Wandelgang in Bad Pyrmont (1950). Rechts: der Wandelgang heute.

Archiv Staatsbad/uk



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