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Eine sehr persönliche Krankheitsgeschichte

Mental immun

Ich bin durch mit Corona. Weil ich wie die allermeisten Deutschen nicht im eng definierten medizinischen Sinne krank war, hat ein mentaler Prozess ausgereicht, um mich gegen das Virus zu immunisieren.

veröffentlicht am 09.05.2020 um 09:00 Uhr

Juni

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Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Nach Wochen des durchlebten Elends fühle ich mich vollständig geheilt. „Fühlen“ verwende ich in diesem Zusammenhang, weil ich mir meiner Sache nicht ganz sicher bin. Denn wenn ich in den vergangenen Wochen eines gelernt habe, dann, dass man auf Basis geringer Fallzahlen (in diesem Fall: 1) keine Rückschlüsse auf das gesamte Infektionsgeschehen ziehen kann.

Aber lesen Sie selbst: Anfangssymptome meiner Erkrankung bemerkte ich schon kurz nach dem massiven Ausbruch in China und ersten Bildern von Menschen in Schutzanzügen. Reflexartiges Kopfschütteln („Jetzt übertreiben sie aber!“), ein leichtes Kältegefühl auf Herzhöhe („Ok, China. Ziemlich weit weg.“) und eine sich langsam steigernde innere Unruhe („Das sind aber eine Menge Leichensäcke…“).

Ich gebe zu: Ich dachte mir zuerst nicht viel dabei. Ähnliches hatte ich auch bei Ebola und Schweinegrippe schon erlebt. Ein kleiner Besorgnis-Schnupfen, nichts weiter. So was kommt drei Tage, bleibt drei Tage, geht drei Tage – und man hat es überstanden. Doch kurz nach dem Karneval in Heinsberg verschlechtert sich mein Zustand dramatisch: Anfang März inspiziere ich zum ersten Mal seit Jahren meine Speisekammer wirklich(!) gründlich.

Pünktlich zum Lockdown am 16. März erreicht meine Fieberkurve ihren Höhepunkt. Ich erlebe euphorische Glücksgefühle bei den ersten Meldungen über ehrenamtliche Einkaufsdienste. Gleichzeitig stelle ich besorgniserregende Sinnesverwirrungen fest: Markus Söder ist mir plötzlich sympathisch. Ich, die überzeugte Demokratin, liege im Bett und phantasiere von einer idealen Monarchie, in der mit Konsequenz und Kompetenz die nötigen Schritte eingeleitet werden, um uns vor dem Untergang zu bewahren. Mein König trägt dunkle Locken, ein müdes Lächeln und einen Doktortitel. Ich fange an, mich für meine Schwäche zu verachten und schlafe miserabel. In meinen Träumen jage ich Hamsterkäufer und ziehe sie blutig zur Rechenschaft.

Infektionszahlen checken, Händewaschen, Abstand halten, Videokonferenzen, Infektionszahlen checken, Händewaschen, Abstand halten, Videokonferenzen: Die Plateauphase meiner Infektion verläuft anfangs wie im Delirium. Was sein muss, muss sein. Ich kaufe mir eine Maske. Dann noch eine und noch ein paar mehr. Auch, weil es sonst nicht viel zu kaufen gibt. Meine Lieblingsmaske hat ein Mopsmuster und passt farblich zur Strickjacke. Als ich zum ersten Mal beides gleichzeitig trage, wird mir klar, dass ich einen neuen Abschnitt meines persönlichen Corona-Verlaufs erreicht habe: Ich beginne, mich zu langweilen. Noch immer wandern keine Untoten durch die Straßen. Außerdem scheint die Sonne und macht Lust auf Waffeleis. Ich werde ungeduldig. Beim Einkaufen übertrete ich die rote Markierungslinie vor der Kasse mutwillig um zwei Zentimeter – und überlebe!

Symptomatisch für diese Phase der Infektion sind vor allem selektive Wahrnehmungsstörungen: Berichte aus Teilen der Welt, die das Virus härter getroffen hat, blende ich ebenso systematisch aus wie Satzteile, die mit Wenn und Aber beginnen oder die Wortfolge „Zum jetzigen Zeitpunkt“ enthalten. Für alles gibt es Erklärungen – die ein Teil von mir nicht mehr hören will. So sehr ich während der vorangegangenen Krankheitsphasen noch Verständnis für die Gründlichkeit und Vorsicht der Experten hatte, so sehr nerven sie mich jetzt mit ihrer professionellen Uneindeutigkeit. Meine wiedererwachenden Lebens- (und Widerspruchs-)geister verlangen nach absoluten Wahrheiten. Die Grundprinzipien des wissenschaftlichen Arbeitens stören da nur. Drosten nervt. Wieler nervt. Ich will ein Eis und ich will es jetzt. Irgendjemand soll sagen, dass das kein Problem ist.

Ist es doch nicht, oder? ODER?!

Als (endlich!) die Eisdiele an der Ecke öffnet, tausche ich meine Mops-Maske gegen ein Superman-Modell und beschließe, dass das Schlimmste überstanden ist. Weil ich das so beschlossen habe. Am Montag beginnt die Schule; Gaststätten dürfen ihren Betrieb wieder aufnehmen - und ich bin durch mit Corona. Für den Fall, dass auch dieser Zustand bloß ein weiteres Krankheitssymptom oder gar ein perfider Trick des Virus ist, um sich möglichst ungehindert weiterzuverbreiten, werde ich beim Eisessen trotzdem Abstand halten. Vielleicht verzichte ich sogar ganz. Denn eigentlich bin ich froh darüber, dass mich Corona bis jetzt nur mental erwischt hat.



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