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Warum Handys Beziehungskrisen auslösen und es keinen Sinn macht, mich anzurufen

Mein K(r)ampf mit der Telefonie

Telefonieren? Für viele die Möglichkeit, kurz oder länger mit den Lieben zu plaudern, die vielleicht Hunderte Kilometer weit weg sind und für andere der beste Weg, sich schnell in der Stadt zu verabreden. Telefonieren für mich? Im privaten Bereich der blanke Horror!

veröffentlicht am 28.09.2019 um 07:00 Uhr

Jens-Thilo Nietsch

Autor

Volontär zur Autorenseite

Ich werde minutenlang an ein Gerät gebunden, kann mich nicht bewegen wie ich will und muss, bei meinem Glück, im schlimmsten Fall minutenlang mit einem Menschen reden, dem ich persönlich noch nicht mal die Hand geben würde, geschweige denn meine kostbare Zeit. Und jetzt das. Ausgerechnet meine Freundin, die es eigentlich gut mit mir meinen und meine Verachtung fürs Telefonieren kennen sollte, macht mich neulich auf eine für mich neue Dimension des telefonischen Schreckens aufmerksam: Der Videochat.

Das Drama an sich war mir zwar schon bekannt, aber live am eigenen Leibe musste ich es bis jetzt noch nicht erdulden. Man kann mir also beim Leiden zusehen, mich dabei beobachten, wie ich genervt Fragen verneine und mir sprichwörtlich am Gesichtsausdruck ablesen, wie ich mich frage, warum dieser Anruf nötig ist, wenn man das auch mit einem, ich betone, geschriebenen Satz über WhatsApp hätte erledigen können und mir meinen Tag nicht hätte versauen müssen. Doch meine eigene Freundin tut mir genau das an, ich bin sprachlos, am Telefon kommt das meistens nicht so gut. Und jetzt die Krönung. Meine Verehrte kommt auf die glorreiche Idee, eine ihrer Kolleginnen mit in meine Krise zu ziehen und holt sie „in den Bildschirm“. EINE FREMDE!

Mein Tag ist endgültig gelaufen, meine Freundin führt offensichtlich einen visuellen Telefonkrieg mit einer Alliierten gegen mich. Nach dem verlorenen (weil aussichtslosen) Kampf recherchiere ich und entdecke Begriffe wie Facetime, Facebook Messenger, WhatsApp, Google Duo/Hangouts, Skype oder auch ICQ. Ich erfahre von Zusatzfunktionen wie Textchats, ausschaltbarer Kamera (hätte ich das mal vorher gewusst), lustigen Filtern und Emojis. Angeblich wird das Drama 2020 ausgeweitet mit dann wieder neueren und tolleren Funktionen.

Meine Freude hält sich allerdings in Grenzen, meine Panik nicht. In meinem Kopf verbreiten und vor allem vermehren sich Horrorszenarien, ich sehe mich gefangen in Videochat-Konferenzen mit Dutzenden von Teilnehmern, jeder hat was zu sagen, natürlich ist alles sehr, sehr wichtig, sodass es den Teilnehmenden unbedingt mitgeteilt werden muss. Ich ertappe mich bei meinem zukünftigen Leid, wie ich genervt die Augen verdrehe, natürlich bleibt dies den hyperaktiven Gesprächspartnern nicht verborgen, ich werde angemahnt.

Am liebsten würde ich raus aus dem Chat, mich von Scotty wegbeamen lassen, aber eine Flucht in eine nonverbale, eine bessere Welt ist bei meinem Glück natürlich nicht möglich, weil ja etwas noch Wichtigeres auf dem Programm steht, das noch besprochen werden muss. Auch dieser Videochat wird erwartungsgemäß mit meiner Niederlage enden. Eine Demütigung, die ich noch gar nicht erlitten habe, die sich aber jetzt schon als durchlebt anfühlt. Aber was soll ich machen? Einen Rundruf werde ich bestimmt nicht starten.



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