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Vom menschlichen Versagen in Redaktionen

Mein größter Fehler

Mein größter Fail. So hieß in dieser Woche ein mittelgroßer Twitter-Hit. Journalisten-Kollegen verrieten unter diesem Schlagwort ihre größten Böcke, Patzer, Verschreiber, Komplettaussetzer, Irrtümer, also schlicht Fehler – oder eben in Internetsprech: Fails. Soll ich auch? Ach, ich weiß nicht …Obwohl: Lustig war es schon, was dort zu lesen war, findet Redakteur Frank Henke.

veröffentlicht am 12.01.2018 um 12:29 Uhr
aktualisiert am 12.01.2018 um 13:10 Uhr

Grafik: cn
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Wenn ein Kollege zum Beispiel über den wegen Totschlags verurteilten südafrikanischen Paralympics-Star Oscar Pistorius schreiben sollte. „Pistorius vorest auf freiem Fuß“ setzte er online an oberste Stelle. Die internen Reaktionen beschreibt er so: „Kollege 1: Da fehlt ein r in ,vorest‘; Kollege 2: Der Mann hat keinen Fuß; Chefredakteur: Der Vorspann fängt an mit ‚der Südamerikaner‘.“ Dreifaches Versagen auf engstem Raum – das macht Freude. Solange es anderen passiert. Auch die Online-Meldung „US-Militär soll Obama auf See bestattet haben“ – klar, Osama sollte es heißen – war einen Lacher wert. Und den päpstlichen Segen „Urbi et orbi“ mit „der Stadt in dem Landkreis“ zu übersetzen, klingt irgendwie lustig-lokalpatriotisch aber vor allem auch wieder: total falsch. „Viele EHEC-Tote werden nicht mehr ganz gesund“, stellte indes die Deutsche Presseagentur 2011 fest – sachlich durchaus richtig.

Hach, die Fehler der anderen – dafür haben wir Journalisten Sinn. Das wissen wir nicht erst seit #MeinGroessterFail (das große „G“ ist übrigens streng genommen ein Fehler). Aber warum eigentlich? Steht es nicht ohnehin gar fürchterlich um die Glaubwürdigkeit der Medien? „Lügenpresse“ und „Fake News“ – Sie wissen schon. Wohl kein Journalist von Trumpland bis Neuseeland vermag diese Begriffe noch auszusprechen, ohne dass sein Mund vor Überdruss, Abscheu und purer Genervtheit auszufransen droht. Aber es hilft ja nichts: Die Glaubwürdigkeit ist ein scheues Wesen und derzeit offenbar meist auf der Flucht. Social-Media-Unsinn kann es vertreiben, redaktionelle Patzer können es leider auch.

Doch Fehler – die sind doch nur menschlich, oder? Und wenn Menschlichkeit gerade mal nicht so gefragt sein sollte (die einen sagen so, die anderen so), lassen sich Fehler doch bestimmt verarbeiten, vielleicht gar nutzen. Alles eine Frage des Managements: Unter dem ungemein beruhigend klingenden Begriff „Fehlermanagement“, weiß Wikipedia, „werden die menschlichen Tätigkeiten zusammengefasst, mit denen der Mensch in einem Mensch-Maschine-System auf einen Fehler reagiert“. Und in einem „Mensch-Maschine-System“ stecken wir schließlich alle ständig. Der Mensch (Redakteur) bringt den Fehler (nämlich mit h) in die Maschine (Computer) – nur so als Beispiel. Unsere Maschinen bekommen eher selten ganz eigenständige Fehler hin, Fehler sind, wie nun schon gesagt, eine menschliche Kernkompetenz.

Bei redaktionellen Fehlern läuft ihr Management zumeist nach diesem Standardverfahren ab: 1. Fehler bemerken. 2. Mit der flachen Hand auf den Tisch schlagen. 3. Kaffee holen. 4. Korrigieren und um Entschuldigung bitten – Leser, Interviewpartner, Verleger – je nachdem. 5. Weitermachen.

Und „weitermachen“ heißt dann über kurz oder lang eben auch: Neue Fehler machen. Schließlich haben wir in jeder einzelnen Ausgabe so unglaublich viele Gelegenheiten dazu. Jeder Buchstabe, jede Ziffer eine Chance zur Katastrophe. Und Fehler machen wir ja alle. Überall. Immer wieder. Natürlich wissen auch wir Zeitungsleute, dass die Fehler von – sagen wir mal – Herzchirurgen oder Atomkraftwerkssicherheitschefs ein gutes Stück relevanter sind. Doch dummerweise sind Journalistenfehler so wunderbar öffentlich. Zehntausende Male liegt jeder von ihnen auf den Frühstückstischen. Und jeder einzelne widerspricht dem, was wir als Medienleute eigentlich wollen: Informieren, Wirklichkeit abbilden. Wenn man so will: Wahrheit verkaufen.

Also gibt es diese Tage, an denen einzelne von uns auch noch im Juli auf ein Schneechaos hoffen, das sämtliche Zeitungszusteller stoppen möge (passiert nie) oder vielleicht auf ein Loch im Redaktionsteppich, das uns verschluckt (passiert noch seltener). Und weil wir fast alle diese Tage kennen, haben wir wohl so besonders viel Freude an den Fehlern der Kollegen. Eine kleine Gruppentherapie – wir sind nicht allein.

Deshalb nun doch: mein größter „Fail“. Vor etlichen Jahren wollte ich auf die Schnelle die größte Überschrift auf der Weserbergland-Seite ändern. „Katholische Schule bleibt erhalten“ wollte ich schreiben. Versehentlich machte ich die Nachricht eine gehörige Portion grundsätzlicher: „Katholische Kirche bleibt erhalten“, stand am Ende unübersehbar in der Zeitung. Ich bin mir sicher: Der Vatikan ist mir bis heute dankbar.

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