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Die Gier ist ein Gift, sie kann aber auch Impuls sein – hin zu einem befreiteren und fröhlicheren Leben

Mehr oder weniger?

An ihrer Habgier wird die Menschheit zugrunde gehen“, resümierte vor Jahren meine weise Lehrerin Wilma Castrian. Wenn ich mich in der Welt umschaue, könnte sie recht behalten: Grenzenlose Geldgier und purer Egoismus scheinen die Welt aus ihren Angeln zu heben. Umweltkatastrophen erschüttern unseren blauen Planeten. Hauptverantwortlich scheinen die reichen Staaten mit ihrer unersättlichen Gier nach mehr.

veröffentlicht am 09.02.2018 um 12:17 Uhr

„Eure Gier – unser Tod“ – Kritiker demonstrieren vor dem G20-Regierungstreffen im Sommer 2017 in Hamburg gegen die Ausbeutung von Mensch und Erde. Foto: dpa

Autor:

Pea Krämer
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2017 war das teuerste US-Katastrophenjahr. Wind und Feuer haben dort Hunderte Milliarden Dollar an Werten zerstört. Auf der Jagd nach mehr rauben wir der Erde rücksichtslos ihre Ressourcen und entziehen uns damit immer schneller die eigene Lebensgrundlage. Menschen beuten einander um des Profit willens aus, Kinder werden als billige Arbeitskräfte missbraucht, Politiker beraten über Wachstumsbeschleuniger, das Gesundheitssystem gerät aus den Fugen, weil es an Krankheit verdient. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Was im Großen für jeden sichtbar ist, findet jedoch auch im Kleinen statt. Da lese ich in einer Facebook-Gruppe: „Yeh, ich habe die 10 000 Euro Monatseinkommen geschafft, dieses Jahr knacke ich die 20 000-Euro-Marke. Lasst uns gemeinsam Gas geben!“ Begeisterte Kommentare und Daumen hoch sind die Antworten. Ich bin irritiert. Wann haben sie genug, fragt eine leise Stimme in mir? Unsere Gier scheint unersättlich zu sein, wie ein Fass, dem der Boden fehlt. Ich frage mich, wie viel brauchen wir, um glücklich zu sein? Und ist es wirklich Geld, das uns glücklich macht?

Psychologische Studien über das Glück zeigen, dass ein Mehr an Geld die Menschen nicht glücklicher macht. Martha, meine lebenskluge Großmutter, schien das schon vor Urzeiten zu wissen. Sie pflegte zu sagen: „Kind, Geld macht nicht glücklich, doch es beruhigt, wenn du genug davon hast!“ Sie lebte uns vor, was genug bedeutete. Immer wenn wir Kinder ihr vorschlugen, endlich einmal neue Möbel zu kaufen – wir fanden, ihre dunkle Mooreiche sei nun wirklich mehr als aus der Mode gekommen – schaute sie uns erstaunt an und antwortete: „Wieso? Die sind doch noch heile.“

n unserer Rubrik „Lebensweise“ schreibt Familientherapeutin Pea Krämer
  • n unserer Rubrik „Lebensweise“ schreibt Familientherapeutin Pea Krämer

Um dann energisch hinzuzufügen: „So alt werde ich nicht mehr, dass sich neue lohnen. Für mein Leben reichen diese.“ Materiell lebte die alte Dame bescheiden, doch wenn es um ihre Mitmenschen ging, wurde sie verschwenderisch. Sie hatte ihr „Kapital“ in Familie und Freunde investiert und ein großes soziales Netzwerk aufgebaut. Mit ihren lebenspraktischen Weisheiten, ihrer guten Laune und ihrer offenen Tür zog sie viele Menschen in ihren Bann. Gern gesellten sich junge Leute zu ihr, und am Wochenende waren nicht selten alle Bett- und Sofaplätze von ihnen belagert. „Wer mich nicht leiden mag, hat keinen Geschmack“, pflegte Großmutter stets zu sagen, wenn wir ihr Äußeres beim Betrachten von Fotos in Frage stellten. Es gibt kaum schöne Bilder von ihr. Ganz unbeeindruckt von unseren kritischen Kommentaren erklärte sie: „Die Schönen kommen halt immer schäbbig aufs Bild und die Schäbbigen immer schön.“ Wenn ich mir heute die digital bearbeiteten Bilder der Reichen und Schönen anschaue, wünsche ich den jungen Mädchen, die sich daran orientieren, eine Oma wie Martha, denn ich bin überzeugt, dass hinter unserer Sucht nach mehr eine ganz andere Sucht steckt: Es ist die Sehnsucht nach Anerkennung, nach dem Gesehenwerden in all unserer inneren Schönheit und Größe. In einem kulturellen System, in dem ewige Jugend, ein durchgestyltes Haus, ein großes Auto, beruflicher Erfolg, der sich am vollen Bankkonto orientiert, Lebensziele sind, läuft diese Sehnsucht ins Leere.

Die Eltern jagen dem Mammon hinterher – die Kinder vereinsamen vor den Spielkonsolen

Vor ein paar Tagen war ich in einer sozialen Einrichtung zur Teamarbeit als Trainerin eingeladen. Bevor wir loslegten, habe ich alle aufgefordert, zunächst einmal mitzuteilen, was sie an jedem Kollegen, jeder Kollegin schätzen. Ich war erfreut zu hören, was für wunderbare Menschen in diesem Team arbeiten und welche vielfältigen Talente versammelt sind. Dabei hat niemand rückgemeldet: „Ich mag deine Wohnung, dein schickes Smartphone, deine hippen Klamotten, deinen edlen Schmuck, dein gelungenes Facelifting, deine Brustvergrößerung …“ Vielmehr waren es die Herzensgüte, die Fähigkeit, gut zuhören zu können, ein offenes Ohr für die Anliegen der anderen zu haben, Humor, das liebe Lächeln, die Reichtümer, für die es das meiste Lob und die größte Anerkennung gab. Ich sah, wie berührt die Menschen von den vielen positiven Feedbacks waren.

Sind wir in einem perfiden Teufelskreis gefangen? Je größer die Sucht nach Lob und Anerkennung umso größer die Gier nach mehr? Größer, schneller, schöner, weiter, um mehr geliebt zu werden? Geld, Erfolg und äußere Schönheit ziehen sicher viele Neider und Bewunderer in unseren Bannkreis, doch der Preis ist hoch. Oft bedeutet er innere Leere, Einsamkeit, Burn-out.

Und während Mama und Papa dem Mammon hinterherjagen, vereinsamen viele Kinder in sozialen Netzwerken und vor Spielkonsolen. Das kollektive Denken, dass mehr Besitz und Geld erstrebenswerte Ziele im Leben sind, treibt den Teufelskreis an. Getreu dem Motto: „Je mehr ich verdiene, umso mehr kann ich mir leisten. Und je mehr ich mir leisten kann, umso mehr muss ich verdienen, um es zu halten.“

Geht es auch anders und wenn ja, was ist zu tun?

Wenn ich Menschen nach ihren schönsten Lebensmomenten frage, sind die Antworten stets ähnlich: Es sind Augenblicke, die ihre Herzen berührten – wie die Liebe, die sie mit einem Herzenspartner teilten, die Geburt ihrer Kinder, das Zusammensein mit guten Freunden, die Ehrfurcht vor atemberaubender Natur. Alles Momente, die nichts kosten. Diese Aussagen machen mir Mut und lassen mich hoffen, dass langfristig ein Umdenken stattfindet.

Die ersten radikalen Umkehrer gibt es bereits, Menschen, die sich von den „alten Werten“ abwenden. Sie sind eine wache, kreative, gierige Spezies. Seit einigen Jahren beobachte ich sie, die Minimalisten. Eine Szene meist junger Leute, die den Werten ihrer Eltern und Großeltern, dem Konsum, abgeschworen haben. Sie haben erkannt, dass ein Mehr an Besitz ein Mehr an Pflege, ein Mehr an Zeitaufwand bedeutet. Sie besinnen sich auf das Wesentliche, das sie zum gut gelebten Leben brauchen. Statt einem Zuviel an Materie entwickeln sie Ideen, wie sie ihr Hab und Gut minimieren oder teilen können. Sie treibt die Gier nach dem Weniger, die Gier nach lebenswerten Momenten, die Gier nach Zeit füreinander, die Gier nach kreativen Lösungen, die Gier nach einem selbstbestimmten Leben. Ich staune, wie ihre Visionen äußere Gestalt annehmen: Foodsharing, Tiny Houses, Couchsurfing und Kleiderei sind nur einige der großartigen Inspirationen. Das Erstaunliche ist, dass diese Menschen leuchten, dass sie entspannter, fröhlicher, zufriedener scheinen. Ich habe mir angeschaut, wie sie leben und bin erstaunt, wie wenig es zum gut gelebten Leben braucht. Dabei kenne ich es selbst seit vielen Jahrzehnten: Wenn ich mit dem Fahrrad für Wochen unterwegs bin, passt alles, was ich zum guten Leben brauche, in zwei Packtaschen. Ich habe nie etwas vermisst.

Noch bin ich außerhalb von Urlaubszeiten weit davon entfernt, mich eine Minimalistin zu nennen, doch der Gedanke mit weniger zu leben und dafür mehr Zeit für Wesentliches zu haben, hat etwas sehr Charmantes. Wenn wir Menschen alle im Blick haben, dass wir uns im Laufe des Lebens auf Sarggröße verkleinern müssen, können wir jetzt damit anfangen. Zeit für Wesentliches, Zeit für Miteinander wird der Gewinn der Gier nach weniger sein.

Und die Erde, unser blauer Planet? Ich glaube, sie wird sich, wie eine gute Mutter, wenn ihr die törichten Spiele ihrer Kinder zu viel werden, einfach rütteln und schütteln, Feuer spucken, Wasser speien und uns beizeiten wegpusten. Danach hat sie alle Zeit der Welt, sich zu erholen. Wie viel Zeit haben wir? Es hängt davon ab, welcher Gier wir nachgeben.

Im Internet: www.peakraemer.de.

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