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Warum fällt es manchmal so schwer, „ich“ zu sagen?

Man ist ein Blödmann

Macht man ja eigentlich nicht“, sagte Oma manchmal. Nämlich dann, wenn sie am Kaffeetisch nachgoss, obwohl ja noch ein Kaffeerest in der Tasse war. Sie sagte also das eine und tat zugleich das andere – mag dieser „man“ das nun halten, wie er will. Was geht ihn Omas Kaffee an?

veröffentlicht am 23.03.2019 um 07:51 Uhr

Illlustration: cn
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Szenenwechsel: Sonntagvormittag. Laufen am Waldrand. Der Himmel blau, die Luft klar, die Temperatur endlich mal wieder knapp über saukalt. Ein entfernter Bekannter hat mich entdeckt. Und ich (was für ein Anfängerfehler!) halte an. Jaha, Bewegung an der frischen Luft, das sei schon ganz was Feines, sagt er und fuchtelt mit seinen fabrikneuen Nordic-Walking-Stöcken. „Das bräuchte man ja viel öfter!“ Ach, ich laufe schon häufiger mal, setze ich halblaut an, doch er dröhnt schon seine einnehmende Conclusio: „Aber man macht’s dann ja doch nicht!“ Ich mache lieber schnell mal was Anderes, sage ich mir. Weiterlaufen vor allem. Und mir fällt auf: Ich mag diesen „man“ nicht besonders.

Dauernd mischt er sich ein – überall. Und noch schlimmer: Da das „man“ ohnehin ständig irgendwo auftaucht, nutzen es immer wieder Leute, um sich hinter ihm zu verstecken. Wo ein „man“ im Raum steht, haben „ich“ und „wir“ Pause. Mit einem „man“ legt sich niemand an. Das „man“ ist der große Bruder auf dem Schulhof.

Besonders dringend brauchen diesen großen Bruder natürlich alle, die gerade auf die Mütze bekommen haben. Fußballprofis nach dem verlorenen Spiel zum Beispiel. Mit verklebter Edelfrisur treten die Spätteenager rotwangig vor die Kameras und aus ihren Augen spricht die tiefe Sehnsucht nach Kopfhörern und Instagram. Aber da die noch ein paar Minuten warten müssen, hilft wenigstens das „man“: Wenn „man“ die Räume nicht eng macht, und „man“ dann so schlecht verschiebt, „man“ dann nach dem ersten Gegentor jede Ordnung über den Haufen wirft, dann verliert „man“ so ein Spiel halt. Ausgepfiffen gehört er, dieser „man“. Der schlechteste „man“ auf dem Platz – eindeutig. Die Spieler finden das ja auch.

Aber auch an anderen Missständen als miesen Tabellenplätzen trägt das „man“ die Schuld. „Man“ nimmt dann doch öfter das Auto als das Fahrrad, „man“ sollte eigentlich seltener bei Amazon einkaufen, „man“ kommt viel zu selten zum Lesen und „man“ nimmt sich viel zu wenig Zeit für die Kinder. Für die Kunst. Für die Quantenphysik. Für was auch immer. Spätestens, wenn es darum geht, falsches oder Nicht-Handeln zu erklären, hat das „man“ seinen Auftritt. Ist bei mir nicht anders.

Sollte nun jemand ein Psychogramm dieses „man“ zeichnen, von dem ständig die Rede ist, käme eine wenig sympathische Figur dabei heraus: faul, gedanklich wie körperlich unbeweglich und trotzdem immer wieder anmaßend und rechthaberisch. Mit gar nicht so wenigen seiner Ideen („Das macht man so“) bin ich natürlich einverstanden. Wer ist schon per se gegen Konsens und Konvention, gegen ein sinnvoll und angenehm gestaltes Miteinander, ein „Wir“? Aber wenn zu viel „man“ ins Spiel kommt, werde ich unruhig. Zu häufig laufen „man“-Sätze auf Unsinn heraus. Oder noch häufiger: auf gar nichts. Auf Bequemlichkeit, Floskel, Lähmung: Man nimmt sich vor abzunehmen, aber man tut es dann ja doch nicht. Man sagt „Herzliches Beileid“. Man vergisst zu sagen: „Wir werden sie sehr vermissen“. Man denkt: Da kann ich eh nicht helfen. Man denkt nicht: Ich sehe mal, was ich tun kann.

Überhaupt denkt „man“ ja nicht „ich“, dafür ist es ja da, für die Ich-Auslöschung. Es bleibt allein das teigig-vage „man“ – und es gibt sich unanfechtbar. Denn „man“, das sind alle – also keiner. Da kann man nichts machen. Im Sprachgebrauch mancher Menschen sind „ich“ und „wir“ schon fast verschwunden, so trügerisch-kuschelig finden sie es hinter dem schützenden „man“. Traurig.

Was bleibt? Besiegen lässt sich das „man“ nicht. Muss vielleicht auch nicht sein. Aber seine Grenzen sollten wir ihm aufzeigen. So wie damals an Omas Kaffeetisch. „Macht man ja eigentlich nicht“, sagen wir – und gießen nach. Das machen wir so.



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