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Eines der wenigen Steinhäuser, die aus dem Mittelalter erhalten sind

Löwen geben der Apotheke ihren Namen

Das wahrscheinlich in den 1930er Jahren entstandene Foto der Löwenapotheke zeigt eine aus heutiger Sicht überraschende Ansicht des Bauwerks. Die Fassade ist über den zweiten Stock so weit hochgezogen, dass sie die Fenster des dritten Stockwerks verdeckt. Der mit Schiefer verblendete Giebel ist dadurch im unteren Teil nicht sichtbar und hat deutlich an Breite und Höhe verloren. Von den zahlreichen Fenstern, die den Giebel durchbrechen, ist nur eines aufgenommen und neogotisch gerahmt. Auch im Übrigen gestalten sparsam verwendete neogotische Formen die Schauseite des Gebäudes, das dank seiner Verkleidung merkwürdig unproportioniert wirkt.

veröffentlicht am 31.03.2014 um 06:00 Uhr

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Zur Baugeschichte: Das Haus zählt zu den wenigen Steinhäusern, die in Hameln aus dem Mittelalter erhalten sind. Den mittelalterlichen Ursprung belegen die gotischen Bogenfenster im Giebel. Das Haus dürfte nicht lange nach der Stadtgründung um 1300 errichtet worden sein.

Wie das an der Einmündung der Blomberger Straße liegende Haus Bäckerstraße 43 wurde die Löwenapotheke noch im Mittelalter nachträglich verbreitert und erhöht. Das ist an den kleinen rechts liegenden Fenstern erkennbar, welche die Symmetrie des Giebels stören. Bei diesem Umbau wurde in die Giebelspitze ein Rundfenster mit einem eingeschriebenen Sechseck, einem Hexagramm, eingebaut.

In der Renaissance wurde der Fassade ein schlichter zweigeschossiger Erker vorgeblendet, der in den Straßenraum hineinragt. Vermutlich zum Ausgang des 19. Jahrhunderts erhielt der Bau statt seiner gotischen Fassade eine wenig harmonische neogotische Verkleidung.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahre 1948, erfuhr das Haus auf Anraten des Landeskonservators Dr. André einen Umbau. André war die „unerfreulich“ („sinnlos“ und „unruhig“) gestaltete Fassade aufgefallen, welche vom gotischen Ursprung des Hauses kaum etwas erkennen ließ.

Den Löwen über dem Eingang hat 1957 der Bildhauer Arn Walter geschaffen. Walter hat beim 1961 geweihten Neubau der Marktkirche den Steinaltar sowie das reizvolle Maßwerk der bunt verglasten Fenster gestaltet.

So weit zur Baugeschichte. Mehr als 25 Steinhäuser sind für Hameln nachgewiesen, ein vergleichsweise hoher Bestand gegenüber den strohgedeckten Fachwerkhäusern. Die Steinhäuser liegen zumeist an den beiden Hauptstraßen der Stadt und sind Zeugnis der guten wirtschaftlichen Entwicklung, welche Hameln nach seiner Gründung nahm. Steinhäuser bauten die wohlhabenden Fernhandelskaufleute. Sie wollten ihren Reichtum zeigen, aber auch ihr Hab und Gut besser vor den gefürchteten Bränden schützen.

Die Hamelner Steinhäuser sind aus Süntelsandstein erbaut. Sie waren verputzt und dürften einen Treppengiebel getragen haben. Ihre gotische Fassade zeigen in Hameln heute nur noch drei Steinhäuser, neben der Löwenapotheke die Häuser Osterstraße 13 und Bäckerstraße 43. Die meisten anderen wurden überbaut oder durch einen Neubau ersetzt.

Den schönsten Blick auf die Löwenapotheke hat der Betrachter aus der Wendenstraße. Von dort fällt der Blick frei auf das imposante Gebäude. Mittelalterliche Stadtanlagen wurden sehr bewusst gestaltet. Sie wollten geschlossene Straßen- bzw. Platzräume schaffen. Der Blick sollte niemals ins Leere gehen. Wenn Hauptstraßen von Seitenstraßen gekreuzt werden, laufen diese nicht gerade aufeinander zu, sondern münden gegeneinander versetzt in die Hauptstraße. Besonders deutlich ist dieser „Versprung“ von der Wenden- zur Neuen Marktstraße, von der Kleinen zur Hummenstraße und von der Heiliggeist- zur Bungelosenstraße.

Der Hamelner Historiker Spanuth hat, nachdem mit der Freilegung des Giebels im Jahre 1948 der sechszackige Stern sichtbar geworden war, das Gebäude als Synagoge der Hamelner Juden in Anspruch genommen. Das wäre, wenn es denn gestimmt hätte, einer Sensation gleichgekommen und hätte Hameln auf eine Stufe mit Prag oder Worms gestellt, Städte, in denen Synagogen aus dem Mittelalter erhalten sind. Tatsächlich kann das Hexagramm dafür jedoch nicht als Beleg gelten; es steht auf zwei Spitzen und hat die Aufgabe, böse Geister abzuwehren. Als jüdisches Symbol („Magen David“) steht das Hexagramm grundsätzlich auf einem Fuß und kam in Deutschland erst im 19. Jahrhundert in Gebrauch.

Möglicherweise ein Reflex der Theorie von Spanuth ist die Inschrift auf dem Schild, das sich am Haus befindet: „Steinbau aus dem Mittelalter, im 14. Jh. als Sitz der Hamelner Schutzjuden erwähnt.“

Quellen aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts belegen, dass damals mindestens sieben jüdische Familien in Hameln wohnten. Neben mehreren „areme joden“ gab es drei wohlhabende Großfamilien. Die Juden hatten von der Stadt ein Steinhaus gemietet, auf dessen Hof eine Synagoge („dere stad scole“) gestanden habe. Weder das Steinhaus noch die Synagoge können sicher lokalisiert werden. Dass es sich dabei um die Löwenapotheke gehandelt habe, ist bloße Vermutung.

Weitere historische Fotos: zeitreise.dewezet.de

Die Löwenapotheke in der Bäckerstraße auf einem undatierten Foto und heute. Stadtarchiv Hameln/Gelderblom



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