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Warum ich mir manchmal weniger Worte und mehr Schweigen wünsche

Lieber ohne Senf

Heribert Prantl ist sprachlos. Der Mann – der als langjähriges Mitglied der Chefreaktion der Süddeutschen Zeitung stets stilsicher textet – findet keine Worte für folgenden Dissenz: Ein Chefarzt verliert seinen Job in einem katholischen Krankenhaus, weil er zum zweiten Mal geheiratet hat. Priester, die für tausendfachen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen verantwortlich sind, bleiben im Amt.

veröffentlicht am 06.04.2019 um 08:08 Uhr

Illustration: cn
Kerstin Hasewinkel

Autor

Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Ich finde das wohltuend, dass ausgerechnet einer, der sich von Berufs wegen mit Sprache auskennt, lieber auch mal schweigt. Die Fakten sprechen lässt. Denn manches muss nicht mehr kommentiert werden, steht auch ohne Ausrufezeichen im Raum und einfach für sich.

Worte können so viel: Sie können trösten, verletzen, kaputt machen, loben und liebevoll sein. Ja: Worte haben Macht.

Noch größer ist aber in manchen Situationen die Macht der Stille. Eine Schweigeminute – die legen wir ein, wenn wir eines Toten gedenken oder eines Ereignisses, einer Katastrophe wie Tschernobyl. Das muss niemand erklären, das versteht jeder. Warum es manchmal besser ist, nichts zu sagen als das Falsche. Das gilt auch im Trauerfall. Niemand muss sich vor der Begegnung mit einem Menschen, der trauert, scheuen aus Angst, nicht die richtigen Worte zu finden. Die gibt es ohnehin nicht.

Es kann wohltuend sein, wenn der andere mal nichts sagt. Paare verstehen sich oft ohne großartige Erklärungen. Ich denke an die Szene aus „Harry und Sally“ (nein, nicht die…), in der die beiden zusammen essen gehen und sich anschweigen. Und bemerken, wie angenehm es ist, wenn man einfach nur so dasitzen kann und nicht reden muss. Auch, wenn das natürlich an dieser Stelle im Film ironisch gemeint ist, und auch, wenn wir uns darüber lustig machen, dass ältere Paare sich beim Essengehen augenscheinlich nichts mehr zu sagen haben – es muss nichts Schlechtes sein, mal den Mund zu halten. Wie heißt es? Genießen und schweigen. Unserer Gesellschaft im Allgemeinen würde ich manchmal wünschen, dass weniger geredet und mehr gehandelt wird. Rede. Gegenrede. Debatte. Seine Meinung sagen dürfen. Das bleiben Säulen unserer Demokratie. Doch die scheint gerade zu verkommen – dadurch, dass jeder meint, sofort seinen Senf dazu geben zu müssen. Egal, ob Experte oder nicht, ob Fakten bekannt sind oder nicht – erstmal raus mit der Meinung. Manch einer redet schneller als er denkt. Greta Thunberg war kaum auf der Straße, als bereits Kübel voller Hass über ihr ausgegossen wurden. Klar – Schüler unterliegen der Schulpflicht. Aber könnte man ihr nicht erstmal zuhören, was ihr Anliegen ist? Die arme junge Frau: Von allen Seiten wird ihr alles Mögliche unterstellt, sie ist Gegenstand mancher Verschwörungstheorie. Wenn alle mit so einem Engagement ihren Kampf gegen den Klimawandel unterstützen würden – geradezu unvorstellbar…

Es ist eigentlich ein ganz praktischer Rat für den alltäglichen Umgang miteinander, dass es manchmal einfach auch deshalb besser ist, lieber gar nichts zu sagen, als das Falsche: „Wird schon wieder“ ist ein ganz blöder Spruch für einen Bräutigam, dem kurz vor dem Gang zum Altar die Braut weggelaufen ist. Man muss ja nicht gleich wie Mario Barth das Statement auf dem T-Shirt tragen: „Einfach mal die Fresse halten.“ Aber beherzigen könnte der eine oder andere es doch auch mal.

Egal, ob Tipps für die Urlaubsreise (,,ah, Mallorca, da war meine Tante auch mal, aber nicht im August, da ist es ja viel zu heiß, zur Mandelblüte muss man hin“) oder gegen Rückenschmerzen („der Bruder meiner Nachbarin hatte das ja auch ganz schlimm, der musste operiert werden“) – manche Menschen beherrschen das aus dem Effeff, auf ein Stichwort hin loszuplaudern, ohne Rücksicht auf Verluste.

Nur zuhören, das können die meisten heute nicht mehr. Schade.



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