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... Du hast Dich so verändert

Liebe Langeweile, ...

Als ich am vergangenen Feiertag Pläne fürs Wochenende schmiedete, fiel mir eine alte Bekannte ein, mit der ich früher viel Zeit verbracht, die ich in den letzten Jahrzehnten aber völlig aus den Augen verloren habe. Ich erinnere mich nicht mehr an ihr Gesicht, aber ich weiß noch genau, wie kompliziert unser Verhältnis war. Sie hatte die lästige Angewohnheit, unangemeldet aufzutauchen und länger zu bleiben, als mir lieb war.

veröffentlicht am 03.11.2018 um 07:30 Uhr

Illustration: cn
Juni

Autor

Julia Niemeyer Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Während ich an unsere gemeinsame Zeit zurückdachte, fiel mir auf, dass ich sie nicht nur lange nicht gesehen, sondern ebenso lange auch nichts mehr von ihr und über sie gehört hatte. Damals, als wir uns noch regelmäßig trafen, war sie in meinem Freundeskreis ständiges Gesprächsthema. Jeder kannte sie. Fast niemand mochte sie. Trotzdem gehörte sie irgendwie dazu, und es stimmte mich doch ein wenig nachdenklich, dass sie so sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden war. Was tat sie wohl heute? Wo lebte sie – wenn sie überhaupt noch lebte?

Ich beschloss, ihr einen Brief zu schreiben. Er sollte nicht sehnsüchtig klingen, sondern eher interessiert. Ein höfliches Anklopfen an der Tür einer Person, die man nicht sehr, aber doch ab und zu ein wenig vermisst. Also schrieb ich:

Liebe Langeweile, es ist lange her, dass wir uns zum letzten Mal begegnet sind. Ich weiß noch, wie wir damals zusammen auf dem Sofa saßen, schweigend wie immer, und nichts weiter taten als dem Sekundenzeiger der Wanduhr zuzusehen. Irgendwann bist Du aufgestanden und gegangen und ich hatte anderes zu tun. Danach hast Du dich einfach nicht mehr gemeldet. Bei mir nicht und auch nicht bei den anderen, die ich nach Dir gefragt habe.

Eins kannst Du mir gerne glauben: Auch wenn es verdammt lange her ist, erinnern wir uns alle noch gut an Dich. Du warst eine Wucht. Wo Du warst, hatte anderes keinen Platz. Du warst – was auch sonst – langweilig, aber präsent. Wenn Du wolltest, konntest Du jede Party und jeden verregneten Sonntagnachmittag durch deine bloße Anwesenheit ruinieren. In zahllosen Schulstunden und Ferientagen hast Du mit einem Fingerschnippen die Zeit angehalten. Du konntest machen, dass rein gar nichts passierte. Außer Dir schaffte das keiner.

Du warst die Verschwenderin meiner Jugend. Endlose Abende habe ich Dir geopfert, und Du hast gelassen dabei zugesehen. So als wolltest Du mir damit etwas sagen. Ich gebe zu, dass ich Dir das damals ziemlich übelgenommen und viel dafür getan habe, um Dir aus dem Weg zu gehen. Es war immer dasselbe, wenn Du aufgetaucht bist: Irgendwann wollten wir nur noch weg. Lange hielt es niemand mit Dir aus, und das war gut so. Aus Angst vor Dir, liebe Langeweile, legten wir uns interessante Hobbys zu. Wir suchten uns einen Partner, ergriffen einen Beruf, büffelten fürs Studium und gründeten Familien. Wir kochten sechs Gänge nach Schubeck, durchquerten den Himalaja auf dem Einrad, studierten assyrische Keilschrift oder meldeten uns auf Snapchat an, nur um Dir nicht begegnen zu müssen.

Und heute? Alle, die ich nach Dir gefragt habe, behaupten, sie wüssten nicht, wo Du steckst. Sie hätten auch keine Zeit, nach Dir zu suchen. Ehrlich gesagt kaufe ich ihnen das nicht so ganz ab. Sie guckten so komisch, als wir über Dich sprachen und darüber, was wohl aus Dir geworden ist. Ich hatte das Gefühl, es war ihnen peinlich, dass sie Dich überhaupt gekannt haben. Wir redeten dann lieber über das bevorstehende Konzert der finnischen Oberton-Sänger, den G-Punkt-Selbstmassage-Kurs und unsere Fortschritte mit der Keilschrift. Nur über Dich, liebe Langeweile, sprachen wir nicht. Es war fast so, als gäbe es Dich gar nicht mehr. So ganz stimmen kann das aber wohl nicht.

Wusstest Du nämlich, dass es heute Bücher über Dich gibt? Dass sogar ein Krankheitsbild nach dir benannt wurde? Bore-Out ist eine dieser sehr peinlichen Erkrankungen, über die man lieber nicht öffentlich spricht. Ähnlich wie Genitalherpes, nur NOCH unanständiger. Ratgeber zu diesem Thema kauft man am besten online. Versand garantiert in neutraler Verpackung. Und falls doch mal jemand laut sagt, dass er mit Dir zu kämpfen hat, bricht drum herum leicht Panik aus. Neben Sofortmaßnahmen wie einer überstürzt ausgesprochenen Einladung zum Kinobesuch steht dabei die flächendeckende Prophylaxe im Vordergrund. Um die Bevölkerung vor einer Masseninfektion zu schützen, wird dann zum Beispiel alljährlich die Verlängerung des Hamelner Weihnachtsmarktes diskutiert. Obwohl die Fernsehsender ihr Bestes geben, scheint zwischen den Jahren das Risiko eines Ausbruchs enorm hoch zu sein.

Ich muss schon sagen, liebe Langeweile: Falls wirklich Du dahintersteckst, bist Du nicht mehr dieselbe wie früher, als wir zusammen auf dem Sofa saßen. Du bist schlüpfriger geworden, heimlicher, hinterhältiger – und hartnäckiger. So hatte ich Dich gar nicht in Erinnerung. Damals warst du eine Wucht, für deren Bekanntschaft sich niemand schämen musste. Du warst laut und deutlich, und das war gut so. Denn die schönsten Dinge passierten, die besten Ideen kamen nur deshalb, weil wir Dich dringend loswerden wollten.



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