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Interview mit Giuliana Retali, Dirigentin der Mozart-Oper „La finta giardiniera“ – im September in Rinteln

Leidenschaft, genial vertont

RINTELN. Die Nikolaikirche wird am Samstag, 24. September, um 19 Uhr zum Opernhaus. Zur Aufführung kommt Mozarts „La finta giardiniera“ in einer besonderen Fassung, die in Rinteln Premiere feiern wird. Veranstaltet wird das Konzert im Rahmen der 30. Niedersächsischen Musiktage von der Sparkassenstiftung.

veröffentlicht am 16.08.2016 um 13:53 Uhr
aktualisiert am 16.08.2016 um 18:01 Uhr

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Mozarts frühe Oper „Die Gärtnerin aus Liebe“ wird bei den Niedersächsischen Musiktagen in der St.-Nikolai-Kirche in Rinteln in einer konzertanten Fassung erklingen, die eigens für das Festival eingerichtet wurde. Leidenschaft lautet das Thema der diesjährigen Niedersächsischen Musiktage – und leidenschaftlich geht es bei der in „Gärtnerin aus Liebe“ zu. Dirigiert wird die Oper von der italienischen Dirigentin Giuliana Retali, die von der Insel Elba stammt. Giuliana Retali sprach für unsere Zeitung mit der Musikwissenschaftlerin Dr. Ulrike Brenning über die Leidenschaft einer Musikerin, über die Leidenschaft in Mozarts Musik und warum sie noch immer aktuell ist.

Was ist für Sie als Musikerin die größte Leidenschaft?

Die Musik ist für jeden Musiker eine große Leidenschaft, die es vermag, dass wir Musiker vergessen zu essen oder zu schlafen, da wir ganz und gar in unseren Noten aufgehen. Für mich persönlich steht Leidenschaft für Kreativität, die ich vor allem in der Musik auslebe und mit der ich ergründen will, was der Komponist mit dem Stück ausdrücken wollte. Ich mache mich auf die Suche nach den Ursprüngen der Musik und nach dem „roten Faden“ einer Oper oder eines sinfonischen Werks. Danach, während der Proben und während des Konzerts bedeutet Leidenschaft für mich, mich von einer guten Intuition leiten zu lassen, die mir erlaubt, alles, was ich über das Stück weiß, mit dem auszudrücken, was ich in mir trage – meine musikalische und meine Lebenserfahrung.

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Bei den Niedersächsischen Musiktagen dirigieren Sie die eigens für diese Veranstaltung eingerichtete konzertante Fassung der „Gärtnerin aus Liebe“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Was bedeutet Ihnen die Musik von Mozart in Bezug auf die Leidenschaft?

In Mozarts Musik finden wir einen großen Reichtum von Affekten, die sich durch alle Charakterzüge der beteiligten Personen ziehen, seien es Figuren der Buffo-Opern oder der ernsten Opern. In perfekter Kenntnis der Worte und Schattierungen der poetischen Sprache erreicht Mozart einen fantastischen Kosmos von Klangfarben und Rhythmen, wenn er diese Worte auskomponiert. Wenn wir eine Arie von Mozart hören, erfassen wir die Persönlichkeit einer Figur und die Leidenschaft, die immer lebendig bleibt: Liebe, Wut, Eifersucht, aber auch viele andere Seelenzustände wie Zweifel, Unsicherheit, Hoffnung – wie in unserem täglichen Leben. In der Antike nannte man die extremen Affekte auch Leidenschaften. Und in den Werken Mozarts ist es wie im griechischen Theater, dass die Figuren sich bisweilen an einer unkontrollierbaren Emotion entflammen. Überschwänglich, mit großer Meisterschaft in jeder Note, die eine wahrhafte und richtige Zusammenführung zwischen dem Gesang und dem Instrumentalpart herstellt, immer mit großer Eleganz, nie mit unnatürlichen Ergebnissen.

Können Sie Beispiele nennen, in denen das zu hören ist?

Denken wir zum Beispiel an die Arie des Grafen Almaviva in „Figaros Hochzeit“, wo einem Mann in urwüchsiger Eifersucht ein Schrei entfährt, aber in anderer Weise seine noble Eleganz bewahrt wird, zum Beispiel über improvisierte, fantasievolle Konzepte, die auf eine Art Hoffnung deuten lassen und die ihn zu seinem noblen Stand zurückführen.

Auch in der „Gärtnerin aus Liebe“, obwohl sie eine Jugendoper ist, zeigt sich dennoch bereits deutlich die Genialität Mozarts. Die Musik drückt ganz klar die Leidenschaften aus, die innerhalb einer Arie diesen Hochdruck erreichen: zum Beispiel die verlorene Liebe und der Affekt der süßesten Arie der Sandrina „Geme la tortorella“ („Wie das Täubchen wimmert“), eine Klage ohne Hoffnung, die uns eine Ahnung vom depressiven Zustand der eleganten Gärtnerin gibt (die eigentlich eine Gräfin ist) – wir könnten das ohne Weiteres auf unsere heutige Zeit übertragen. Beschrieben und hörbar wird das mit Seufzern und Schluchzern über einem Klangteppich der Violinen. Auf diese Weise werden die starke Angst und der Affekt von Sandrinas Arie ausgedrückt, und beim Hören wird einem klar, dass es keinen Ausweg gibt!

Dann ist da die verrückte Eifersucht von Ramiro, dem enttäuschten Liebhaber, in der Arie „Va pure ad altre indegna“ („Geh nur, unwürdig, zu anderen“), mit der er uns einzig durch das von Mozart vertonte Wort „morirò – ich werde sterben“ einen Ausdruck seiner großen verzweifelten Traurigkeit gibt.

Die Rolle des jungen, unerfahrenen Belfiore zeigt uns die innere Spaltung, seine Unruhe und seine Euphorie, sei es im Gesang oder im Tanz: Das Menuett ist ein genialer musikalischer Schachzug, den Mozart immer wieder für die Auflösung dramatischer Szenen benutzt. Welch eine Unterschiedlichkeit der Affekte, wie sie alle die Personen charakterisieren – immer realistisch, über die Zeiten hinweg, und immer mit großer Eleganz! Das Publikum von heute kann noch immer mit den Leidenschaften der Akteure mitfiebern.

Gibt es etwas, wofür Sie sich – auch außerhalb der Musik – leidenschaftlich engagieren?

Im Alltag habe ich als Italienerin natürlich eine Leidenschaft für gute Küche. Ich kann mich auch für Sport begeistern, vor allem fürs Schwimmen, für Trekking-Wanderungen und für alles, was mich in engen Kontakt mit der Natur bringt. Ich stamme von der Insel Elba, und ich kann sagen, dass ich von der Natur gelernt habe, von der Kraft der Wellen im Sturm, vom Wind, von der Stimme der ruhigen Wellen an einem unendlichen Horizont. So trage ich meine Heimatinsel in mir als Resonanzkörper für die Musik, die ich mache.

Welche Rolle spielt Leidenschaft für Sie im Alltag?

Leidenschaft ist der Motor meiner Arbeit und meines Lebens überhaupt. Ohne sie würde mein Dasein den inneren Reichtum verlieren und wäre sehr monoton.



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