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Warum gute Erziehung mit einer Niederlage enden muss

Krieg der Knirpse

Kinder – so heißt es – sind das größte Glück für ihre Eltern. Tatsächlich würden die meisten Eltern das wohl unterschreiben. Umso mehr muss die Frage erlaubt sein, warum niemand mit derselben Selbstverständlichkeit das Umgekehrte behauptet.

veröffentlicht am 04.05.2019 um 07:30 Uhr

Illustration: cn
Juni

Autor

Julia Niemeyer Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Im Gegenteil scheinen die meisten Kinder es als ihr größtes Glück zu betrachten, wenn Eltern abwesend sind. Oder wenigstens die Klappe halten. Weil das aber nicht in der Natur des Menschen und noch weniger in der von Eltern liegt, bedeutet Familienleben oft vor allem – Krieg. Denn wenn wir mal ganz ehrlich sind, geht es bei der Kindererziehung doch immer um das Eine: Das Kind soll tun, was das Kind nicht tun will. Jedenfalls nicht freiwillig. Es geht um Brokkoli statt Bonbons, Schlafen statt Spielen, Töpfchen statt Blumentopf.

Ich werde niemals die Worte meiner Hebamme vergessen, die mich, als mich meine heute große, damals aber noch sehr kleine Tochter wochenlang um den Schlaf brachte, auf folgenden Sachverhalt hinwies: „Das erste Kind ist dazu da, die Eltern zu brechen.“ So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Also kämpfte ich – und siegte (wenigstens gefühlt): Irgendwann schlief jedes meiner drei Kinder durch, aß Brokkoli und ging aufs Klo. Wie wohl die meisten Eltern verbuchte ich diese Erfolge als persönlichen Erziehungstriumph. Das Kind tat, was es tun sollte, wegen mir. Ob meine Kinder sich noch heute ausschließlich von Cornflakes ernähren würden, wenn ich damals „verloren“ hätte; diese Frage habe ich mir allerdings nie wirklich gestellt. Welcher Sieger tut das schon?

Lieber gewöhnte ich mich ans Gewinnen und daran, Recht zu haben und zu behalten. Denn schließlich ist Brokkoli sehr gesund und Schlaf so wichtig für die Nerven (meine). Im Krieg der Knirpse behielt ich also tapfer die Oberhand, schickte Kinder zur Schule, die lieber zu Hause bleiben wollten, setzte Stille Stühle, Fernsehverbote und sogar das verhasste Vokabellernen durch und feierte Weihnachten wirklich erst am Heiligabend – und keinen Tag früher!

Was ich jedoch nicht bedacht hatte: Kinder werden größer. Und wenn man nicht alles falsch gemacht hat, bedeutet das auch, dass sie stärker werden. Ich für meinen Teil hatte mir– theoretisch – auch immer vorgenommen, große, starke Menschen zu erziehen. Menschen, die nicht Ja sagen, wenn sie von Nein überzeugt sind. Ich hatte mir allerdings nicht genau überlegt, dass ich im unwahrscheinlichen Fall eines Erziehungserfolgs mit drei dieser Menschen unter einem Dach würde leben müssen. Mit Menschen, die in den zahllosen kriegerischen Auseinandersetzungen am Abendbrottisch nicht nur Verlieren gelernt, sondern vor allem ihre Waffen geschärft hatten.

Am selben Tisch fand ich mich eines Abends wieder, bis zum Hals in Widersprüche verstrickt. Thema war das Dritte Geschlecht, dessen Berechtigung ich in der hitzigen Diskussion vollumfänglich anerkannte, gleichzeitig jedoch darauf pochte, dass dies im Alltag mit Problemen verbunden war. Wie sollte man zukünftig noch formvollendet größere Menschengruppen begrüßen? Wie Bewerbungen korrekt beantworten, in denen ein D als Geschlecht angegeben war? Wortgewaltig verwies ich auf Traditionen (die ich vorsichtshalber „Gewohnheiten“ nannte und mich auch dabei schon unwohl fühlte), auf das Recht der Mehrheit, mit ihren Befindlichkeiten wenigstens am Rande wahrgenommen zu werden (hier fing es langsam an zu schmerzen) und schlussendlich auf die Kosten für EDV-Anpassungen und Prozesse (an diesem Punkt hatte ich eigentlich schon aufgegeben, wollte das aber nicht zugeben).

Meine Kinder hielten zunächst tapfer gegen. Dann zogen sie gemeinschaftlich die Augenbrauen hoch (eine gnädige Warnung, die ich in meinem Eifer übersah) und seufzten. Irgendwann musste ich Luft holen, und in die Stille hinein sagte meine Tochter: „Bist du wirklich schon zu alt, um noch was dazuzulernen?“

Fünf Schrecksekunden später erklärte ich meine Kapitulation und meine Kinder ganz offiziell zu Siegern der Debatte. An diesem Abend habe ich praktisch erlebt, was mir in der Theorie trotz aller banalen Erziehungstriumphe schon immer klar gewesen ist: Im Krieg der Knirpse kann es, wenn die letzte Windel abgelegt und die Brokkolisuppe gegessen ist, nur einen richtigen Verlierer geben. Und das sind nicht die Kinder. Weil sich die Welt nun einmal vorwärts dreht – und nicht rückwärts. Und weil es bei Erziehung eben doch nicht darum geht, dass das Kind tun soll, was es nicht tun will, sondern darum, dass das Kind tut, was richtig ist.



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