weather-image
24°
×

Wie Franzosen Auto fahren – und alle anderen

Klischee auf der Überholspur

Kürzlich lief dieses Lied im Radio: „Ich möchte leben, wie Franzosen Auto fahren“, sang Songschreiber Wolfgang Müller. „Eine Delle macht nichts aus, und wenn die Kreuzung voll ist, fährt man trotzdem drauf.“ Schönes Lied, dachte ich, aber zugleich ganz leise auch: Ist das eigentlich in Ordnung?

veröffentlicht am 12.09.2020 um 07:30 Uhr
aktualisiert am 19.09.2020 um 10:30 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Ich meine: Darf man einfach so alle Autofahrenden unter den rund 67 Millionen Franzosen vorurteilend oder verallgemeinernd als Metapher missbrauchen? Man ist in solcher Hinsicht heute ja recht feinfühlig.

Aber doch, man darf wohl. In als harmlos abgezäunten Bereichen dürfen Klischees über andere – so sagte man mal – „Landsleute“ ja immer noch ans Tageslicht. Zur Fußball-WM zum Beispiel (raubeinige Briten, spielfreudige Afrikaner, disziplinierte Deutsche) dürfen sie raus. Oder halt: im Straßenverkehr. Das Kennzeichen macht uns alle zum repräsentativen Fallbeispiel.

Ich habe mir natürlich auch längst eine persönliche Klischee-Landkarte zusammengefahren. In Italien zum Beispiel finde ich das Autofahren weniger ermüdend als anderswo: Italienische Fahrer können jederzeit aus jeder Himmelsrichtung Ihren Weg kreuzen, möglicherweise sogar von oben oder unten, ich würde das nicht ausschließen. Dieses Überraschungsmoment hält wach. Der Lärm auch: Italiener sind sehr zuversichtlich, dass sich Staus und andere Lästigkeiten durch ausreichendes Hupen in Luft auflösen lassen – der Beweis steht noch aus.

Franzosen fahren da – trotz des zitierten Liedes – vergleichsweise gesittet, finde ich. Klar, sie schätzen das eilige Huschhusch, das schon. So überschätzen sie öfter mal Abstände und Lücken im Verkehr zu ihren Gunsten, das meinte vielleicht auch Wolfgang Müller.

In Holland und Dänemark hingegen fährt es sich wunderbar entspannt. Was in den Niederlanden eher überrascht. Schließlich sind Holländer auf jeder Skipiste gefürchtet, da sie tendenziell als angeheiterte menschliche Lawine in gerader Linie abwärts schießen, Mensch und Material erbarmungslos mit sich reißend. Der Song „Ich möchte leben, wie Holländer Ski fahren“ wurde zu Recht nie geschrieben. Ein solches Leben wäre kurz, das Lied wohl auch.

In den USA geht es auf den Straßen eher noch ruhiger zu als bei unseren Nachbarn. Netterweise werden dabei auf Überlandfahrten auch gänzlich Ortsfremde mit einem kurzen Heben der Hand gegrüßt. Sehr freundlich. Wir wurden übrigens auch mal von einem echten texanischen Sheriff auf dem Highway gestoppt. Wir waren zu schnell. Immerhin: Dafür wurden wir nicht erschossen. Auch das fanden wir sehr freundlich. Dass es landestypisch ist, möchte ich nicht garantieren.

Als vielleicht ein kleines bisschen regelverliebt habe ich die Schweden in Erinnerung. Um als Geisterfahrer auf dem Radweg – wir wechseln kurz mal das Verkehrsmittel - ertappt und abgestraft zu werden, braucht es dort keine Verkehrspolizisten. Eine – nur so als Beispiel – schwedische Radlerin in den 50ern reicht. Mit freundlicher Ansage schickte sie uns auf die andere Straßenseite. Ach, „freundlich“ wäre geschönt. Da war nur die Ansage. Wenn heute davon die Rede ist, dass Schweden mit erstaunlich wenig Auflagen durch die Corona-Zeit kommt, denke ich auch an diese Radfahrerin. Wenn sich die Schweden so resolut gegenseitig auf Abstand halten, kommen sie bestimmt ohne Masken aus.

Doch Vorurteile und Pauschalisierungen brauchen natürlich keine Staatsgrenzen: Der Nachbarlandkreis reicht völlig. Lipper können überhaupt gar kein bisschen Auto fahren. Das weiß doch jeder in Hameln-Pyrmont. Nun gut: Wir blenden vielleicht ein kleines bisschen aus, dass die Region Hannover vom „HM“ auf dem Kennzeichen auch nicht so viel hält. Generell haben es Autofahrer vom Land in der nächst größeren urbanen Ansiedlung schwer. Oder eben bei den Nachbarn generell. In meiner westfälischen Heimat steht das Kennzeichen „HSK“ (Hochsauerlandkreis) gemeinhin für „Hilfe, sie kommen“. Machen Sie mit dieser Information, was Sie wollen.

Und wie fahren wir so? Wir Deutschen zum Beispiel? Erhellend sind da vielleicht die Internet-Videos, in denen US-Amerikaner kreischend auf der deutschen Autobahn unterwegs sind. „130 km/h sind wie Stillstehen“ steht unter einem. Vermutlich kannte der texanische Sheriff solche Filmchen. Wir bekamen kein Ticket fürs Rasen. „Diese irren Deutschen können halt nicht vernünftig Auto fahren“, dachte sich der Sheriff vermutlich und zuckelte seines Weges.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige

Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

Immobilien mieten

Immobilien kaufen

Anzeige
Kontakt
Redaktion
E-Mail: redaktion@dewezet.de
Telefon: 05151 - 200 420/432
Anzeigen
Anzeigen (Online): Online-Service-Center
Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
Abo-Service
Abo-Service (Online): Online-Service-Center
Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
X
Kontakt