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13. Februar 1947: „Draußen vor der Tür“ erlebt seine Uraufführung als Hörspiel

Keine Antwort, nirgendwo

Borchert, der schon seit seiner Jugend schrieb und Schauspieler werden wollte, schrieb das Drama seines Lebens innerhalb von acht Tagen nieder. Am 13. Februar 1947 wird es erstmals als Hörspiel vom Nordwestdeutschen Rundfunk ausgestrahlt. Heute feiert es sein 70-jähriges Bestehen.

veröffentlicht am 13.02.2017 um 10:24 Uhr

Herbst 1947 , Deutschland liegt noch in Ruinen. Wolfgang Borchert (undatierte Aufnahme) ist erst 26 Jahre alt und schreibt zwischen immer neuen Fieberschüben gegen seinen nahenden Tod an. Foto: dpa
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Kurz vor der Uraufführung seines Stückes in den Kammerspielen Hamburg ist der Dichter gestorben, und zwar in Basel, denn seine Freunde hatten ihn, krank, wie er war, zur Schweiz schaffen lassen, wo er sich erholen sollte. Am 21. November 1947, einen Tag nachdem Wolfgang Borchert in Basel verstorben ist, hat „Draußen vor der Tür“ an den Hamburger Kammerspielen Premiere, kurz vorher erreicht alle die Todesnachricht. Intendantin Ida Ehre tritt vor der Aufführung auf die Bühne und unterrichtet die Theaterbesucher vom Tod des Autors, dessen Eltern im Publikum sitzen. Das Publikum steht auf, gemeinsam werden einige Minuten stillschweigend verbracht, bevor die Aufführung beginnt. Die Betroffenheit ist so groß, dass zunächst nicht applaudiert wird.

Im Zentrum der Handlung steht der deutsche Kriegsheimkehrer Beckmann, dem es nicht gelingt, sich wieder ins Zivilleben einzugliedern. Während er noch durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs geprägt ist, haben seine Mitmenschen die Vergangenheit längst verdrängt. Auf der Suche nach einem Platz in der Nachkriegsgesellschaft richtet Beckmann Forderungen nach Moral und Verantwortung an verschiedene Personentypen, Gott und den Tod. Am Ende bleibt er von der Gesellschaft ausgeschlossen und erhält auf seine Fragen keine Antwort. Und so schreit er auf: „Gibt denn keiner Antwort? Gibt keiner Antwort??? Gibt denn keiner, keiner Antwort???“[

Borchert, der schon seit seiner Jugend schrieb und Schauspieler werden wollte, schrieb das Drama seines Lebens innerhalb von acht Tagen nieder. Am 13. Februar 1947 wird es erstmals als Hörspiel vom Nordwestdeutschen Rundfunk ausgestrahlt.

Nach einer Schauspielausbildung und wenigen Monaten in einem Tourneetheater wird Borchert 1941 zum Kriegsdienst in die Wehrmacht eingezogen und nimmt am Angriff auf die Sowjetunion teil. An der Front zieht er sich schwere Verwundungen und Infektionen zu.

Mehrfach wird er wegen Kritik am Regime des Nationalsozialismus und sogenannter Wehrkraftzersetzung verurteilt und inhaftiert. Als am 29. März 1945 amerikanische Truppen Frankfurt am Main besetzen, kommt es zu einem letzten Einsatz seiner Einheit, doch die führungslosen Soldaten ergeben sich bei Frankfurt ohne Widerstand. Während der Überführung in französische Gefangenschaft gelingt Borchert die Flucht vom Lieferwagen. Er schlägt sich 600 Kilometer zu Fuß nach Norden durch und erreicht, schwer krank und völlig erschöpft, am 10. Mai 1945 Hamburg. Borchert selbst kann die Premieren-Sendung wegen einer Stromsperre nicht empfangen, doch das Hörspiel wird im weiten Ausstrahlungsgebiet des NWDR ein unmittelbarer Erfolg. Als Reaktion erhält der Sender eine ungewöhnlich hohe Zahl von Hörerbriefen, deren Spektrum von Begeisterung bis zu Empörung reicht. Viele Hörer bekunden, der Autor habe ihnen aus der Seele gesprochen.

Der Erfolg kommt buchstäblich über Nacht, „Draußen vor der Tür“ ändert Borcherts Leben grundlegend. In der Folge erhält der Kranke zahlreiche Briefe und Besuche, verschiedene Verleger erkundigen sich nach weiteren Arbeiten. Borchert selbst nimmt im Juni des Jahres einen regelrechten „Borchert-Rummel“ wahr.

Der Prosatext „Dann gibt es nur eins!“, wenige Tage vor Borcherts Tod geschrieben, gilt als letzte in Basel entstandene Arbeit und wird vielfach als sein Vermächtnis gewertet. Es ist ein Aufruf an die Leser: „Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!“



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