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13. Januar 1782: Friedrich Schillers Drama „Die Räuber“ wird uraufgeführt

Kein Erbarmen, nirgendwo

Als sich der Bühnenvorhang nach dem letzten Akt senkt, ist der Autor ein Star: Friedrich Schiller schildert in „Die Räuber“ die Rivalität zweier gräflicher Brüder: Auf der einen Seite der von seinem Vater geliebte, intelligente, freiheitsliebende spätere Räuber Karl Moor, auf der anderen Seite sein kalt berechnender, unter Liebesentzug leidender Bruder Franz, der auf Karl eifersüchtig ist und das Erbe seines Vaters an sich reißen will. Zentrales Motiv ist der Konflikt zwischen Verstand und Gefühl, zentrales Thema das Verhältnis von Gesetz und Freiheit.

veröffentlicht am 17.01.2017 um 10:47 Uhr

Bezüge zur RAF, Kettcar als musikalische Begleitung: 2016 gab es die „Räuber“ auf der Open-Air-Bühne vor der Salzhalle am Kieler Osthafen. Ein Experiment. Und ein ziemlicher Hit. Foto: dpa
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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„Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Türe. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht.“ So beschreibt ein Augenzeuge die Reaktion des Publikums, das in dem Stück das wiedergefunden hatte, was sich in ihnen schon lange aufgestaut hat: Der Drang nach Freiheit und leidenschaftliche Rebellion gegen eine absolutistische Herrschaft. Dieser Freiheitsgedanke ist in Karl Moor verwirklicht, und dieser Freiheitsgedanke ist der Grundstock des Sturm und Dranges, der vor allem von der Mittel- und Unterschicht gefordert wird. Beide sind noch stark von ihrem Grundherrn, dem Adligen, abhängig. So bekommt das Drama „Die Räuber“ von Schiller auch noch den Untertitel „In tyrannos“, was soviel heißt wie „Gegen den Herschenden“.

Der bis dahin unbekannte Verfasser namens Friedrich Schiller bekommt tosenden Beifall, und von diesem Moment an ist ihm klar, dass er zum Dramatiker geboren ist und sich von nichts und niemandem davon abhalten lassen wird, weiter zu schreiben.

„Die Räuber“ wurden 1781 zunächst anonym veröffentlicht. Es wurde von Schiller eigentlich als Lesedrama konzipiert. Vorlage für das Drama in fünf Akten gab Schiller der Räuberhauptmann Nikol List, der mit seiner Räuberbande Ende des 17. Jahrhunderts durch Raub und Mordbrennerei bekannt wurde. Bereits die erste Druckfassung hat Schiller abgemildert. Kurz vor Drucklegung hat er auch die ursprünglich scharfe Vorrede zurückgezogen und durch eine abgemilderte Fassung ersetzt.

Für den erst 22-jährigen Schiller haben „Die Räuber“ weitreichende Konsequenzen: Arrest, Aufführungsverbot des als „revolutionär“ eingestuften Stücks durch fast alle deutschen Regierungen, Verbot, mit dem Ausland in Beziehung zu treten, schließlich Schreibverbot. Nach der Uraufführung 1782 flieht er bei Nacht und Nebel: „Die Räuber“, so schreibt er 1784, „kosteten mir Familie und Vaterland.“

Das Stück, an dem er mit Unterbrechungen mehrere Jahre schreibt, ist ein fulminanter Senkrechtstart für den Dramatiker Schiller, so wie es zehn Jahre zuvor der Werther für Goethe war.

Karl Moor ist der Vorzeigesohn der Familie Moor: Er steht beim Vater hoch im Kurs, hat eine Braut, die ihn liebt, und alle Chancen auf das Familienvermögen. Sein Bruder Franz ist das ungeliebte Kind. Er hasst Karl und tut alles, um ihn beim Vater in Misskredit zu bringen. Werte zählen nicht mehr, schon gar nicht die Familie, deren Zerstörung er in Kauf nimmt. Enttäuscht und wütend kehrt Karl daraufhin der Gesellschaft den Rücken und schließt sich einer militanten Gruppierung zorniger junger Männer an. Die Bande, radikal in ihren Zielen – Freiheit! Unabhängigkeit! Unsterblichkeit! – und in der Wahl ihrer Mittel, sie sagt dem längst überkommenen System der Väter den Kampf an. Doch bald ist Gewalt um der bloßen Gewalt willen an der Tagesordnung, Idealismus schlägt um in Aggression.

Das Stück ist eine Familiengeschichte und ein Thriller. Es ist ein Kammerspiel und es ist eine große Erzählung. Es ist voller Sehnen und voller Enttäuschung, voll von Neid und Lüge, voller Schwäche, voller Gewalt, voll von Verrat. Die schillerschen Figuren sind unerbittlich, unerbittlich den anderen gegenüber, sich selbst im Recht wähnend. Ein Erbarmen gibt es nicht. Es gibt keine Welt außer ihren – und deren einziger Mittelpunkt sind sie selbst.

„Die Räuber“ ist purer Sturm und Drang: Ausgangspunkt für diese Epoche war eine jugendliche Revolte, die sich gegen die Einseitigkeiten der Aufklärung, gegen den Rationalismus, die Regelgläubigkeit und das einseitige Menschenbild richtete. Es ist, kurz gesagt, über alle Jahrhunderte spielbar.



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