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Vor 45 Jahren: Willy Brandt schreibt mit einer Geste Geschichte

Kanzler auf Knien

Außerhalb Deutschlands hat Willy Brandt dafür viel Anerkennung geerntet; im eigenen Land gab es viel Kritik, Unverständnis und sogar Morddrohungen gegen ihn.

veröffentlicht am 07.12.2015 um 00:00 Uhr

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Als Bundeskanzler Brandt heute vor 45 Jahren in Warschau seinen berühmten Kniefall vor dem Mahnmal des Warschauer Gettoaufstands machte, da war diese Geste – die heute überwiegend positiv gewertet wird – umstrittener. In einer Umfrage des „Spiegel“ aus dem Jahr 1970 gaben nur 41 Prozent der Befragten an, der Kniefall sei angemessen, ganze 48 Prozent hielten die Geste für übertrieben. Durfte Brandt knien?

Diese Frage beantwortete zumindest die parlamentarische Opposition ganz deutlich: Sie wertete Brandts Kniefall als überzogene Demutsgeste, die aus politischem Kalkül inszeniert worden sei. Tatsächlich wird bis heute Brandts angeblich spontane Geste der Überwältigung angezweifelt.

Politikwissenschaftler gehen vor dem Hintergrund des damals schwierigen deutsch-israelischen Verhältnisses davon aus, es sei dringend an der Zeit gewesen, dass der deutsche Spitzenpolitiker mit einem zielgerichteten Symbol das Verhältnis zu verbessern versuchte. Brandt erklärte dazu selbst in einem Interview: „Ich hatte nichts geplant, aber Schloss Wilanow, wo ich untergebracht war, in dem Gefühl verlassen, die Besonderheit des Gedenkens am Getto-Monument zum Ausdruck bringen zu müssen. Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“

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Das US-Magazin „Time“ kürte Willy Brandt kurz nach seinem Kniefall zum „Man of the Year“. Ein Jahr später bekam er den Friedensnobelpreis verliehen.

Inzwischen gilt der Kniefall als entscheidender Wendepunkt in der Erinnerungs- und Anerkennungskultur Deutschlands. Er symbolisiert den Übergang von der „Zeit des Verdrängens“ zur „Anerkennung und Aufarbeitung“ der kollektiven deutschen Schuld und ist heute ein Sinnbild der deutsch-polnischen Annäherung.

Seit dem 6. Dezember 2000 erinnert daran sogar eine Gedenktafel genau gegenüber dem Getto-Mahnmal, die den knienden Brandt zeigt. Auch wurde ein Teil des Platzes in Willy-Brandt-Platz umbenannt. Eine Ehre, die bis dahin keinem deutschen Staatsmann zuteil wurde und Brandt Geste in der Rückschau auch von polnischer Seite offiziell würdigt.

Christian Wulff (CDU, links) und Sigmar Gabriel (SPD) bei einer Gedenkfeier zum 40. Jahrestag von Willy Brandts Kniefall. Seit dem Jahr 2000 gibt es eine Gedenktafel, die auf die Geste des damaligen Bundeskanzlers hinweist. dpa



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