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Vom Aufstieg und Niedergang der Hamelner Klinkerwerke

Jährlich neun Millionen Backsteine

Das zunehmende Wachstum der Dörfer und Städte löste Mitte des 19. Jahrhunderts einen Aufschwung der Ziegelindustrie aus. Da es im Schwemmland von Weser und Hamel guten Lehm in ausreichender Menge gab, entstanden in Hameln zahlreiche Ziegeleien, die Mauersteine, Dachsteine und Drainageröhren lieferten.

veröffentlicht am 11.11.2013 um 06:00 Uhr

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Autor:

Bernhard Gelderblom

Die alte städtische Ziegelei hatte 1855 Ziegelmeister Friedrich Tönebön gekauft. Seine Söhne Ludwig und Julius besaßen nach Erlöschen der väterlichen Firma 1892 jeder eine eigene Ziegelei. Wilhelm Banneitz gründete nach 1850 eine Ziegelei an der heutigen Kuhbrückenstraße, etwas später Friedrich Wilhelm Rese ein weiteres Ziegelwerk an der nahen Ohsener Straße.

Ziegelsteine wurden damals von Hand geformt und in einem 14 Tage dauernden Prozess gebrannt. 1867/68 errichtete Rese einen neuartigen Ringofen, in dem kontinuierlich gebrannt werden konnte, mit einer sehr viel höheren Leistung. Dessen Sohn Hermann kaufte 1889 die Banneitzsche Ziegelei. Auf deren Gelände ging 1892 ein wiederum verbesserter Ringofen in Betrieb. Der ältere Ofen lag seitdem still.

1896 gelang Hermann Rese, der den Hamelnern als Stifter des Lachs-Brunnens in Erinnerung ist, der Zusammenschluss aller damals bestehenden Betriebe von Ludwig Tönebön (am Bahnhof), Julius Tönebön (an der Klütstraße), Adolf Baumgarten (an der Süntelstraße) und seiner eigenen Ziegelei als „Vereinigte Hameln’sche Ziegeleien GmbH“. Als gemeinschaftliche Verkaufsstelle errichtete er am Ostertorwall 3 ein „Ziegelei-Comptoir“.

Im folgenden Jahrzehnt sank der Absatz der Hamelner Ziegeleien auf ein Drittel bis ein Viertel. Mit Kriegsbeginn 1914 ruhte die Arbeit. Hermann Rese verkaufte seine Ziegelei und umfangreiche Ländereien – über 40 Hektar – 1917 für 840 000 Mark an die Stadt.

Die Stadt Hameln gewann damit zwischen Ohsener Straße, Altenbekener Bahn und Hafen ein ausgezeichnetes Industriegelände, das sich allerdings erst allmählich entwickeln sollte. 1918 verpachtete sie einen Teil des Geländes an die Kriegswirtschafts AG, die ein „Sammellager der Heeresverwaltung für Beutegut“ anlegte. Die erste zivile Verpachtung ging an die „Weserwerke F. & G. Kaminski“, die an der heutigen Werftstraße eine Werft und an der Kuhbrückenstraße eine Werkstatt zur Reparatur von Eisenbahnwagen und Waggonbau errichteten. Letztere besteht noch heute.

Die Stadt, die von dem erhofften Aufschwung der Nachkriegszeit profitieren wollte, führte die Ziegelei in eigener Regie weiter. Das Werk stellte jährlich drei Millionen Backsteine her. Seit der Inflation geriet der Absatz in große Schwierigkeiten.

Viele Architekten in Norddeutschland verwendeten damals Klinker für die Fassadengestaltung. International bekannt wurde das 1924 von Fritz Höger errichtete Chilehaus in Hamburg. Höger entwarf auch das Anzeiger-Hochhaus in Hannover. Beide Bauten prägen ausgeprägte Oberflächenstrukturen und Klinker als Schmuckelemente.

Nachdem Brennversuche erfolgreich gewesen waren – für die Herstellung von Klinkern sind sehr viel höhere Temperaturen nötig –, beschloss die Stadt, neue Absatzmöglichkeiten durch die Produktion von Klinkern zu erschließen. Am 5. Februar 1926 wurde die Ziegelei unter dem Namen „Hamelner Werke für Klinker, Formsteine und Baukeramik“ in eine GmbH umgewandelt.

Das alte Ringofengebäude an der Ohsener Straße wurde zu einer baukeramischen Werkstatt ausgebaut. Weil der für niedrigere Temperaturen ausgelegte Ringofen an der Kuhbrückenstraße zu viel Ausschuss produzierte, fasste man gleichzeitig den Entschluss, ein neues Klinkerwerk zu errichten.

Das neue Werk, das 1928 in Betrieb ging, besaß einen Zickzackofen mit 22 Kammern und eine künstliche Trockenanlage. Die Antriebsmechanik erfolgte elektrisch. Die Kapazität des Werkes war auf neun Millionen Ziegeln pro Jahr ausgerichtet.

Die baukeramische Werkstatt stellte figürliche Keramik, Formstücke, Formsteine und Gesimse her. Das Hamelner Werk gehörte damit zu den wenigen deutschen Unternehmen, die neben Klinkern auch Baukeramik erzeugten. Leiter der Werkstatt war mit Arnold Scherer ein Keramiker von hohem Rang, der wie seine Frau Lucie Scherer-Brandt auch als Bildhauer und Töpfer tätig war.

Die Nachfrage vergrößerte sich zunächst. Bauten wie die Wiesendammbrücke in Hamburg wurden mit Hamelner Klinkern errichtet. Auch in Hameln entstanden Bauten in Klinkerbauweise, etwa das Gebäude der AOK im Bereich Bennigsenstraße/Zentralstraße und der lang gestreckte Bau des Konsumvereins in der Deisterstraße.

Die große Zeit des Klinkerbaus war jedoch vorüber, die städtischen Tonvorkommen weitgehend erschöpft und wegen mangelhafter Qualität wenig geeignet. Das in großer Euphorie errichtete Werk erwies sich als Fehlgründung und musste unter bedeutenden Verlusten 1930 eingestellt werden. Oberbürgermeister Ado Jürgens, der sich für das Werk sehr stark gemacht hatte, trat von seinem Amt zurück. Die „Klinker-Schulden“ – die Umstellung des Werkes hatte 850 000 RM aus öffentlichen Mitteln erfordert – nutzten die Nationalsozialisten für ihre Propaganda.

In den Jahren 1982-1984 errichtete die Firma Gebrüder Siekmann ihre Werkstatt-, Verwaltungs- und Ausstellungsgebäude auf dem Gelände des ehemaligen Klinkerwerks, an das heute nichts mehr erinnert.

Weitere historische Fotos: zeitreise.dewezet.de

An Stelle der 1927 errichteten baukeramischen Werkstatt des Hamelner Klinkerwerks an der Ohsener Straße befindet sich heute ein Autohaus. Quellen: Die Rattenfängerstadt im Weserbergland, 1929 /unten: bg



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