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Wenn unser Steinzeit-Ich in die Pilze geht

Jäger und Sammler

Dort drüben, wo Sonnenflecken das Moos sprenkeln, da sind Pilze – meint meine Frau. Und behält natürlich Recht. Eine Viertelstunde entrückten Sammelns folgt. Vorsichtige Indianerschritte über den Waldboden zwischen den Fichtenstämmen. Den Blick aufs Detail geschärft.

veröffentlicht am 12.10.2019 um 12:00 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Auf Hütchenformen und -farben, auf Lamellen und Schwämme auf der Unterseite. Nahrung sammeln wie vor Urzeiten. Nur, dass es nicht direkt ums nackte Überleben der Sippe geht, sondern um Pasta mit Steinpilzen und Maronen, fast jeder einzelne so kitschig perfekt, wie eben im Katalog bestellt. Ein Sammlerträumchen. Und Irgendwas passiert da mit uns beim Sammeln. Nur was?

Jäger und Sammler – das waren wir alle mal. Zumindest in der Altsteinzeit. Gejagt habe ich streng genommen aber bis heute nie etwas. Zumindest nichts, was der Familie Fleisch übers Feuer gebracht hätte. Dabei bin ich schon 45. Ein biblisches Alter, hätten die Leute in der Altsteinzeit gesagt. Hätten sie schon gewusst, was eine Bibel ist. Und hätten sie mehr als das Nötigste gesagt. Ihre Verachtung für meine Jagdbilanz hätten sie trotzdem gerne am Feuer weitergegrunzt.

Gesammelt habe ich dafür schon eine Menge. Essbar war mein Sammelgut fast nie, nützlich meistens auch nicht: Panini-Fußballbilder, Streichholzpackungen und auch diese Sonderedition Cherry-Cola-Dosen in den 80ern. Die mit den Pseudo-Roy-Lichtenstein-Bildern drauf. Briefmarken hab ich auch gesammelt, Jungs taten das damals. 98 Prozent aller Briefmarkensammler sind männlich, sagt eine Forsa-Umfrage. In den 80ern waren 98 Prozent aller Jungs Briefmarkensammler, sagt meine Erinnerung. Mindestens.

Mit dem Ende der Kindheit wurden meine Sammelanfälle seltener. Das geht nicht allen so: Eine beeindruckende Zahl erwachsener Schweizer, habe ich kürzlich gelesen, sammelt zum Beispiel „Rahm-Deckeli“. Das sind diese bedruckten Alufolien auf den Wegwerfdöschen für Kaffeesahne. Von einer Lebensmittelpackung – sei ihr Inhalt auch noch so fragwürdig – ausgerechnet einen nicht verzehrbaren Teil zu schätzen, hätte in der Altsteinzeit bestimmt – sagen wir – irritiert.

Trotzdem: Sammeln macht glücklich. Wenn es gut läuft, bringt es uns Anerkennung – Facebook-Likes für die hübschen Pilze zum Beispiel. Oder den blanken Neid des Kollegen für die in der Mittagspause (dann irgendwie doch) erjagte Soul-Platte aus der Secondhand-Kiste. Und: Sammeln gibt uns Sicherheit. Viel von etwas haben ist einfach besser, als wenig zu haben. Egal wovon: Geld, Schreibmaschinen, Pokémon-Karten, Schallplatten. In diesem Überfluss können wir dann schwelgen. Wie in dem Haufen Pilze, bevor sie in der Pfanne landen. Das hätten die in der Altsteinzeit bestimmt nicht anders gemacht.



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