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Die ehemalige Windmühle in den Pyrmonter Bergdörfern

Im heftigen Gewitter abgebrannt

Dass die landschaftlich besonders schöne und aussichtsreiche Höhenlage der fünf Pyrmonter Bergdörfer auf der Ottensteiner Hochebene auch besonders gute Voraussetzungen für den Betrieb von Windenergieanlagen bietet, ist allgemein bekannt. In den vergangenen Jahren entstand hier im Zuge des Ausbaus der Erneuerbaren Energien eine stattliche Anzahl von großen nachhaltigen Windkraftanlagen, die weithin sichtbar sind.

veröffentlicht am 21.10.2013 um 06:00 Uhr

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Bereits spätestens seit Ende des 17. Jahrhunderts wurde im Bereich der Bad Pyrmonter Bergortsteile Baarsen, Eichenborn, Großenberg, Kleinenberg und Neersen, die seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts endgültig rechtskräftig zur ehemaligen Grafschaft Pyrmont gehörten, die natürliche Windkraft genutzt und eine Windmühle zum Mahlen des Getreides gemeinschaftlich erbaut. Verschiedene Hinweise, unter anderen auch in den Pyrmonter Salbüchern von 1669, lassen darauf schließen, dass es bereits hier zu noch früherer Zeit eine Windmühle gegeben haben muss, über die bis heute aber keine genaueren Einzelheiten bekannt sind.

Allerdings wurden die Bewohner der „oberen Grafschaft Pyrmont“ am 8. Juni 1694 vollständig von ihrem „Mühlen- und Mahlzwang“ zur Dringenauer Mühle im Pyrmonter Tal befreit, und es wurde ihnen in einer Urkunde des Grafen Christian Ludwig von Waldeck und Pyrmont (1635-1706) bestätigt, eine Windmühle auf eigene Kosten zu erbauen und sie gemeinschaftlich zu betreiben. Seitens der gräflichen Herrschaft wurde den Bauern in dieser Zeit noch angeordnet, in welcher Mühle sie das Korn zu mahlen hatten. Dadurch wurden die landeseigenen Mühlen vor fremder Konkurrenz aus dem „Ausland“ geschützt, und die erwirtschafteten steuerlichen Einnahmen und Erträge konnten kontrolliert und effizient direkt in die gräfliche „Chatoulle“ fließen.

Vorausgegangen war ein langjähriger Streit mit dem „Müller in der Dringenau“, dem die Bauern der einzelnen Dörfer auf dem Berge zusammen mit ihrem Neersener Pastor Franz Ramm vorwarfen, für das gelieferte Korn zu wenig Mehl oder Schrot abgegeben zu haben. Allerdings blieben sie für diesen gravierenden Vorwurf den Beweis schuldig und wurden daraufhin zu einer enorm hohen Geldstrafe von 50 Reichstalern, etwa dem Kaufpreis von zweieinhalb Morgen Land, verurteilt.

So entstand zentral zwischen den einzelnen Pyrmonter Bergdörfern in der Gemarkung des Dorfes Baarsen in etwa 375 Meter ü. NN, fast an der gleichen Stelle, wo sich heute das Betreuungszentrum für Menschen mit Autismus „Haus im Wind“ befindet, anfangs eine Bockwindmühle, bei der das gesamte Mühlengebäude drehbar auf einem Bock oder Mühlenbaum gelagert war und mit Hilfe von Muskelkraft und eines herausragenden „Steerts“ mühsam gegen den Wind gedreht werden musste. Die den fünf „Berggemeinden“ gemeinschaftlich gehörende Windmühle wurde an einen Müller verpachtet. Die Pachterträge wurden prozentual „nicht an alle Gemeindebewohner, sondern nur an diejenigen, welche die Mühle früher gebaut haben“ ausgezahlt. Später verwandte man die Windmühlenpacht und den Mühlenzins zur Unterhaltung der Kirche und des Pfarrhauses des Kirchspiels Neersen.

Im Jahre 1850 kaufte nach zahlreichen Vorgängern der Windmüller Heinrich Nehlmeyer die mittlerweile wohl baufällig gewordene Bockwindmühle mit einem dazugehörigen Wohngebäude und erbaute eine „moderne“ Holländerwindmühle, bei der nur die obere Kappe mit einer Windrose drehbar war. Müller Nehlmeyer hatte nicht viel Glück mit der neuen Windmühle, denn nachdem das Wohnhaus 1852 abbrannte, ereignete sich ein tragischer Unfall, und Heinrich Nehlmeyer verunglückte tödlich durch einen drehenden Flügel seiner Windmühle.

Die Fotografie zeigt die letzte Baufassung der „Windmühle auf dem Berge“ etwa um 1920. Zu sehen ist Windmüller Albert Busse mit seiner Tochter Alma, einem Müllergesellen und weiteren Mahlgästen. Albert Busse, der in Feldbergen bei Hildesheim ebenfalls eine Windmühle betrieb und die Mühle bereits 1923 wieder verkaufte, stattete die Windmühle noch mit einem großen Turbinenrad aus, zusätzlich konnte sie auch im Falle einer Windflaute mit einem Motor betrieben werden. Im Spätsommer des Jahres brannte die Windmühle während eines heftigen Gewitters ab und wurde dann später nicht wieder aufgebaut. Das Grundstück wurde samt Wohnhaus in den darauf folgenden Jahren für die Landwirtschaft genutzt und gehört heute zum „Haus im Wind“ der Familie Lunburg, Baarsen 60, an der Windmühle.

Weitere historische Fotos unter zeitreise.dewezet.de

Die Turbinenwindmühle in den Pyrmonter Bergörfern, um 1920. (Sammlung Archiv Pyrmonter Bergdörfer/Museum im Schloss)

Kleines Foto: Unterhalb der losen gestapelten Steine ist das Mauerwerk der alten Windmühle zu erkennen. Heute ist dort eine kleine Sitzecke.Beate Lunburg



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