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Warum ich mir gerade im Sommer mehr „bunte Hunde“ wünsche

Ich seh schwarz

Blick in die Runde am Konferenztisch: Von 14 Anwesenden tragen sieben Kollegen schwarze Kleidung. Nun ist das sicherlich keine empirische Erhebung, doch mir fällt das satte Schwarz ins Auge. „Is’ was mit Omma?“, hieß es früher, wenn jemand von Kopf bis Fuß in Schwarz daherkam.

veröffentlicht am 29.06.2019 um 08:00 Uhr

Kerstin Hasewinkel

Autor

Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Doch so viele Trauerfälle – nee, das kann nicht sein. Ich vermute eher, vor allem bei den Männern, die wollen es sich nur einfach machen. Schwarz – das gibt Sicherheit, da kann man nichts verkehrt machen. Das passt immer und zu allem. Das wirkt auch so intellektuell.

Schwarz ist ja eigentlich gar keine Farbe. Ich habe mal einen befreundeten Künstler – der natürlich auch fast nur in Schwarz zu sehen ist, aber bei seinen Bildern durchaus Buntes zulässt – gefragt, warum er sich fast ausschließlich so kleidet. Obwohl er als Designer eher von der Zeichnung kommt, ist ihm die Bedeutung der Farbe als Stimmungs- und Gefühlsträger bewusst. Durch die intensive Beschäftigung mit der Malerei werde sie immer wichtiger. Die „Unfarbe“ Schwarz ist die klassische Designer-Kleidungsfarbe. Mein Freund sagt, er findet sie ästhetisch.

Ich – gerade selbst in einer Pink-Phase – habe ja eher den Verdacht, dass der Griff zu schwarzem Shirt, schwarzer Hose und schwarzem Hemd ganz schlichte Gründe hat: So muss man sich morgens nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob das Ausgewählte zusammenpasst beziehungsweise, man muss sich eigentlich überhaupt keine Gedanken machen. Ist ja eh alles schwarz. Und auch beim Waschen hat das Ganze Vorteile: Einfach alles zusammen in eine Trommel, wenn was färbt, eh wurscht.

Dabei ist das mit dem Zusammenpassen aus rein modischen Aspekten heute ja gar nicht mehr so wichtig. Früher hat man bestimmten Farben nachgesagt, sie würden sich „beißen“. Heute gehen Pink und Orange mit Rot auf einem Pulli, ohne sich gegenseitig wehzutun. „Rot und blau, des Kaspers Frau“, sagte man einst. Auch das: Schnee von gestern.

Offensichtlich ändern sich sogar bei der Farbwahl die Geschmäcker und Moden. Aber schon immer stand Weiß für Reinheit, Unschuld und Sauberkeit, weshalb es sowohl in der Waschmittelwerbung als auch zu Hochzeiten dominiert, obwohl das eine so wenig mit dem anderen zu tun hat wie Birnenschnaps mit Hundewelpen.

Es gibt die weiße Weste und die schwarze Seele – aber das glaube ich jetzt bei meinen Kollegen nun wirklich nicht. Schwarz steht auch für Trauer – allerdings ist das in anderen Kulturkreisen komplett anders, wo die Toten auch bunt gekleidet zu Grabe getragen werden. Aber da wird ja auch gesungen oder darf laut geklagt werden und nicht nur verschämt ins Taschentuch geschnaubt.

Bitte nicht falsch verstehen, auch ich mag Schwarz – zum richtigen Anlass. Als Alltags-Schwarzträger nimmt man sich selbst doch sogar die Möglichkeit, mit der Wahl des kleinen Schwarzen oder auch dem Beerdigungsanzug einen besonderen Abend oder auch ein besonderes Gefühl durch die Wahl der Kleidung auszudrücken.

Es ist ja bekannt, dass Farben eine psychologische Wirkung haben, die meisten Menschen ordnen gelb und orange etwas Wohlig-warmes zu, etwas Strahlendes – aber kaum jemand trägt die Farbe als Kleidungsstück. In der Fachliteratur ist nachzulesen, dass die psychologische Wirkung von Farben beschreibt, welche unbewussten Reaktionen oder Erinnerungen eine Farbe aufgrund einer individuellen Erfahrung in uns hervorruft. Dunkelblau wirkt je nach Farbton kühl oder leuchtend. Psychologisch verbinden die meisten mit dem Farbton Ruhe und Vernunft aber auch Sehnsucht, Melancholie und Kühle. Rot gilt als Farbe des Feuers oder des Blutes, steht für Leidenschaft und Emotionen. Es gäbe so viele Möglichkeiten, seine eigenen Stimmungen auszudrücken…

Tatsächlich stelle ich in der Redaktion auch fest, dass es blaue oder grüne Tage gibt – an denen viele (außer den notorischen Schwarzträgern natürlich) zu ähnlichen Farbtönen greifen. Liegt vielleicht am Licht oder am Wetter, an Zufälle glaube ich nicht. Aber selbst in der vergangenen heißen Woche – wenn ich in meine Kollegenrunde blicke, sehe ich schwarz. Niemand scheint daran zu denken, dass ja ich (und die anderen) diesen Anblick ertragen muss. die Schwarzen sehen sich ja nicht selbst, außer vielleicht kurz morgens vor dem Spiegel. Aber selbst das müssen sie ja nicht. Wird schon passen.

Schwarz macht schlank – das ist dann noch eine Erklärung eines Kollegen, warum er zum schwarzen Poloshirt greift, die ich gelten lassen kann. Ansonsten wünsche ich mir mehr bunte Hunde! Männer, auch ihr seht so erfrischend aus in Grün, Gelb, Türkis! Ja, auch Rosa.

Selbst Wolfgang Joop empfiehlt im Sommer das Hawaii-Hemd – allerdings nur, weil er grundsätzlich kurzärmelige Herrenhemden komplett ablehnt. Und unsere Cloooodia Schiffer meinte zum Tode von Karl Lagerfeld, er sei der einzige gewesen, „der Schwarz und Weiß bunt machen konnte“. Aha.



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