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Ein Plädoyer fürs Hinterfragen und Bezahlen von Brötchen und Leistungen

Hinter der Überschrift geht’s weiter

In eigener Sache. Also in Sache einer betroffenen Journalistin, die für mehr als die Überschriften bezahlt wird, außerdem in Sache eines Menschen inmitten (zu laut pöbelnder) Menschen – ich muss was loswerden.

veröffentlicht am 05.10.2019 um 12:00 Uhr

Birte Hansen

Autor

Reporterin zur Autorenseite

Dieses Geräusch, das jemand macht, wenn er sich aufregt, ohne ein buchstabierbares Wort im Gehirn zu finden für das, was ihn so wütend macht, so ein dahingepöbeltes, kehliges „Uuööööh“!! Haben Sie’s im Ohr, ungefähr? Könnte aus einem Fußballfan hervorquellen, der den Schiri für voll bescheuert hält angesichts so’ner dermaßen bekloppten Entscheidung! Oder aus einem Autofahrer, der diesen kriechenden Schwachkopf vor sich zur Schnecke machen will. Uuuöööööh! Mir – und Tausenden anderen – schlägt dieses Geräusch täglich am Bildschirm entgegen aus mutmaßlich hochroten Köpfen auf dicken Hälsen (zu) schnell tippender Menschen, die, bevor sie überhaupt anfangen konnten zu denken, schon den ersten Kommentar auf Facebook abgesondert haben.

Uuuööööh! Wut, Hass, Frust, die anderen sind dumm, dämlich, blöd und alles! Was auch immer sich da einen Weg in die Öffentlichkeit bahnt, klingt allzu oft nicht danach, als hätte sich derjenige mit der Materie auseinandergesetzt. Aber sie stößt ihm sauer auf (uuuööh – so klingt’s auch ein bisschen). Greta? Miststück! Künast? Dumme… §$%&/! Kirchenasyl? Wären die mal zu Hause geblieben! Freibad mit Dach in Hameln? Uuuöööh! Und noch ein Ausrufezeichen:!

Zu viele User sind zu Schlagzeilen-Kommentatoren verkommen, die es schaffen, selbst einen komplexen Sachverhalt auf drei bis fünf Wörter in größerer Schrift zu reduzieren. Vielleicht, wahrscheinlich, haben Journalisten selbst dazu beigetragen: Eine Schlagzeile soll knackig sein, neugierig machen auf das, was da kommt, sie soll in den Text reinziehen… ach was, wo denn reinziehen, fragt sich mancher, da kommt noch mehr Text nach der Überschrift? Egal – eine Meinung kann auch haben, wer nur die Headline liest. Zack, fertig. Dann kann man sich ohne anstrengendes Denken Luft machen, weil ein Freibad eine Überdachung bekommen soll! Für so einen Schwachsinn gibt’s Geld, ja klar, und für Flüchtlinge auch und überhaupt, doofe Schüler, idiotische Verwaltung, typisch Hameln, Danke Merkel, armes Deutschland! Wo doch ein neues Hallenbad in Hameln viel wichtiger wäre für die Bürger und überhaupt. Nur einen Satz möchte ich ihnen entgegenschleudern: Steht im Text! Steht. Im. Text.

Schlagzeile: „Damm bricht“, Kommentare: „Na toll, jetzt komme ich nicht mehr nach Sylt“ – „Oh Gott, in China werden alle ertrinken.“ Dieser Text ist ein Plädoyer fürs Lesen eines gesamten (jahaaa) Artikels und nicht allein der Überschrift. Und schon schlägt einem das nächste Problem in der digitalen Welt entgegen: „Den kann ich nicht lesen!“, motzt einer. „Klar, Dewezet, schon wieder ein abgeschlossener Artikel!“, beschwert sich der nächste, „uuuuöööh!“, grölt die Masse. Befremdliche Erwartungshaltung auf der Konsumentenseite – gehen die auch zum Bäcker und beschimpfen die Frau hinterm Tresen dafür, dass sie fürs Brötchen bezahlen müssen, nur, weil sie’s essen möchten? Und für den Haarschnitt – dafür sollen sie womöglich auch noch Geld hinlegen?! Und fürs Auto? Wohin soll das führen? Und was ist überhaupt aus dem Motto geworden: Was nichts kostet, ist nichts wert?

Die Alternative, damit keiner für einen Artikel extra zahlen muss und trotzdem gut informiert wird, ist noch kürzer als eine Überschrift, und – ach, ich höre sie schon – löst gemeinhin Schimpftiraden aus: GEZ. Sobald Gehälter auch von Tageszeitungsjournalisten, Austrägern, Druckern, allen Kollegen gebührenfinanziert und/oder aus Steuermitteln bezahlt werden, – dann, ja dann können wir jeden Artikel, an dem mal länger, mal kürzer recherchiert wurde, zur Verfügung stellen. Und die nächsten Schreihälse auf den Plan rufen: Staatsmedien! Aus Berlin diktiert! Gleichgeschaltet!

Stand heute: Arbeit will bezahlt werden und ein Zeitungsartikel ist (meistens) Arbeit. Zurück zur Überschrift (die gibt’s umsonst, obwohl sie Arbeit macht): Ich erwarte nicht, dass alle all die Fragen stellen, die Journalisten so stellen (dafür werden wir ja bezahlt – der Dank gilt den Lesern und Werbenden, die das ermöglichen). Aber die eine Frage, bevor die Guillotine runtersaust, diese eine ist nicht zu viel verlangt: Warum? Warum – ist – das – so? „Wieso, weshalb, warum“ – das gute, alte Sesamstraßenlied kann Pate stehen für die Forderung, über die Schlagzeile hinaus zu lesen und zu denken. Jedes Kind macht das, um sich die Welt zu erschließen, fragt tausendmal „warum?“, bis Eltern erschöpft am Boden ihres Wissens ankommen. Solange „warum“, bis es etwas für diesen Moment verstanden hat. Das heißt nicht, dass man sich am Ende auf die Seite eines Täters stellen und ihm angesichts einer schweren Vergangenheit mitfühlend die Wange tätscheln muss. Aber es birgt die Chance, Zusammenhänge zu durchdringen. Und dann kommt zum Vorschein, dass Menschen aus Gründen etwas tun oder lassen. Nicht immer, aber manchmal sogar aus guten. So wie bei der Idee, ein Freibad zu überdachen (weil, steht im Text, das Hallenbad über viele Monate geschlossen und saniert wird).

Als nächstes schreibe ich übrigens eine Rezension. Über das Buch „Digitale Gefolgschaft: Auf dem Weg in eine neue Stammesgesellschaft“. Habe ich zwar nicht gelesen, aber ich kenne den Titel. Das muss reichen…



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