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Was für Mann und Frau eine gute Lösung sein mag, ist für Kinder oft ein traumatisches Erlebnis

Hilfe, meine Eltern lassen sich scheiden!

Wenn die Liebe hinfällt, bleibt oft eine Wunde, die nur schwer heilt und tiefe Narben hinterlässt. Hier ein paar hilfreiche Tipps, wie eine gute Scheidung gelingen kann

veröffentlicht am 09.06.2018 um 09:29 Uhr

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Autor:

Pea Krämer
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Viele Paare kommen nach erbitterten Kämpfen und Streitereien zu dem Ergebnis, dass nur noch eine Trennung für den inneren Seelenfrieden sorgen kann. Was für Mann und Frau eine gute, heilbringende Lösung sein mag, ist für die betroffenen Kinder in der Regel ein traumatisches Erlebnis, das sie nur schwer einordnen können. Oft fühlen sie sich für das Scheitern ihrer Eltern verantwortlich.

Dass das nicht zwangsläufig so sein muss, zeigen Beispiele, wo es gelingt, als Familie weiterhin zusammenzubleiben. Um es gleich vorwegzunehmen: Eltern können sich nicht trennen, sie können nur ihre Paarbeziehung lösen. Die Entscheidung für gemeinsame Kinder ist eine Lebensentscheidung! So gesehen geht es nach einer Trennung nur um die Frage, ob ein zukünftiges Miteinander als Eltern gelingt oder ob der Krieg auf dieser Ebene weitergeht.

Sich als Paar zu trennen und als Eltern zusammenzubleiben, ist die große Herausforderung, an der zahlreiche Familien scheitern. Zu groß sind die zugefügten Verletzungen, zu groß der Ärger über den anderen, zu verzweifelt der Kampf miteinander, zu groß die Hoffnung, im Sumpf der verspielten Beziehung doch noch einen Ausweg zu finden. Keine Frage: wenn ein Paar sich in einer so düsteren Lage wiederfindet, wäre es das Beste, sich erst einmal lange Zeit aus dem Weg zu gehen und jeden Kontakt einzustellen. In der heilsamen Distanz kann sich jeder vom Beziehungsstress erholen und wieder Kraft und neuen Lebensmut schöpfen. „Aus den Augen, aus dem Sinn“ wäre jetzt das passende Motto. Doch gerade diese Distanz, die für das Paar gut und heilbringend wäre, ist das zerstörerische Gift für die gemeinsamen Kinder. Ausnahmen sind Extrem-Eltern, wie zum Beispiel gewalttätige, sexuell übergriffige, psychisch kranke. Hier gelten andere Maßstäbe.

In unserer Rubrik „Lebensweise“ schreibt Familientherapeutin Pea Krämer
  • In unserer Rubrik „Lebensweise“ schreibt Familientherapeutin Pea Krämer

Kinder brauchen beide Elternteile. Für sie ist es das Beste, wenn Mutter und Vater weiterhin zur Verfügung stehen. Viele Eltern wissen das und machen sich Gedanken, Vorwürfe oder haben ein schlechtes Gewissen. „Kinder leiden unter Trennungen!“ ist ein kollektiver Glaubenssatz, den leider nur wenige in Frage stellen. Dass Kinder per se unter einer Trennung leiden, halte ich für einen ungeprüften Mythos. Kinder leiden unter Streit. Kinder leiden unter unausgesprochenen Konflikten. Kinder leiden unter Sätzen wie: „Ich liebe deinen Vater nicht mehr und deswegen trenne ich mich von ihm!“ Da liegt für ein Kind der Gedanke nah: „Wenn sie Papa nicht mehr liebt, könnte mir das auch in Zukunft passieren.

Gestern war ich böse mit ihr, liebt sie mich vielleicht auch nicht mehr und verlässt mich bald?“ Solche Aussagen bringen den sicheren Boden, auf dem Kinder sich bislang wähnten, so gewaltig ins Wanken, dass sie ins Straucheln geraten und ihren Halt verlieren können. Je kleiner sie sind, desto weniger können sie begreifen, was die Großen da gerade miteinander veranstalten. Sie selbst lieben ihre Eltern bedingungslos und schauen unbedarft in ihr überschaubares Leben, von dem sie dachten, dass es für immer so bleibt. Dass sich ihr kleiner Kosmos einmal ändern könnte und Mama und Papa auseinandergehen, weil sie sich nicht mehr lieben, kam in ihrer Welt nicht vor.

Geschieht diese Trennung im Zorn, zeigen sich ältere Kinder äußerlich oft solidarisch mit dem Elternteil, bei dem sie leben. Schimpft die Mutter über den Vater, ist es für sie leichter, in dasselbe Horn zu blasen und so Nähe zur Mutter herzustellen. Gleichzeitig ist es sehr verführerisch, Mama als Freundin zur Seite zu stehen. Da fühlt sich ein Kind schnell größer und zum Kreis der Erwachsenen zugehörig. „Wenn Papa so hässlich zu Mama ist, sorge ich dafür, dass es ihr besser geht und kümmere mich um sie!“

Lassen Sie sich nicht täuschen. Heimlich bleibt ihr Kind Papa treu. Das Gleiche gilt umgekehrt! Eltern sollten bedenken, dass sie auch einen Teil in ihrem Kind ablehnen, wenn sie den anderen Elternteil ablehnen, denn Kinder sind ein Drittel Vater, ein Drittel Mutter und ein Drittel etwas Eigenes. Den meisten Eltern ist das nicht bewusst: Biologisch betrachtet sind Kinder ein Teil Vater, ein Teil Mutter und ein Teil etwas Eigenes. Was reine Biologie ist, spiegelt sich in der Psyche und hat häufig Auswirkungen auf die Physis. Physiognomische Ähnlichkeiten zwischen Eltern und Kindern sind das sichtbare Zeichen. „Du wirst deinem Vater immer ähnlicher!“ oder „Du redest schon wie deine Mutter!“ sind der offensichtliche Beweis.

Sich als Paar zu trennen und als Eltern zusammenzubleiben, ist die große Herausforderung, an der zahlreiche Familien scheitern

Scheiden tut weh, besonders nach vielen Ehejahren. Da ist ein hohes Maß an Bindung entstanden! Bindung ist etwas anderes als Liebe und darf nicht mit ihr verwechselt werden. Bindung entsteht durch gemeinsam erlebte Zeit und mehr noch durch gemeinsame Kinder. Ähnlich wie Kleister Tapete und Wand vereint, verkleben die Jahre alle Lebensbereiche miteinander und lassen unser Leben gestalten.

Gemeinsame Erinnerungen, Abenteuer, Großfamilie, Freunde, Hobbys, vertraute Gewohnheiten schaffen Fundamente vertrauter Sicherheit. Ein Hauptgrund dafür, warum Paare in leidvollen Beziehungen verharren, obwohl eine Trennung lebensbereichernder wäre. Wer sich nach vielen Jahren getrennt hat, kann ein Lied davon singen. Sich aus einer langen Beziehung mit gemeinsamen Kindern zu lösen, ist ein schwerer Akt. Die Liebe kann in einer Folgebeziehung größer und tiefer sein, die Bindung jedoch nimmt von Beziehung zu Beziehung ab.

Sich aus einer neuen Beziehung, die nicht mehr lebenswert ist, wieder zu lösen, ist leichter. Sich als Paar zu trennen und sich als Eltern weiterhin seiner gemeinsamen Verantwortung zu stellen, ist die große Herausforderung bei einer Scheidung. Sie erscheint vielen Männern und Frauen als ein chirurgisches Kunststück der Extraklasse. Wo dieses Meisterwerk gelingt, gibt es glückliche Kinder. Sie lernen am Modell ihrer Eltern, dass man sich als Paar wieder freigeben darf, wenn bestimmte Lebensvorstellungen oder Träume einfach nicht mehr zueinander passen und unglücklich machen. Sie erfahren, dass die Paarbeziehung etwas anderes ist als die Elternbeziehung. Sie erleben, dass Familie eine Lebenseinrichtung ist, die für immer gilt und Heimat und Sicherheit bedeutet.

Hier ein paar Empfehlungen für alle Eltern, die sich in einem Scheidungsprozess befinden: Kinder sind hochsensibel für Stimmungen in der Familie. Auch wenn Eltern oft glauben, sie seien noch viel zu klein, um etwas mitzubekommen.

Das bedeutet nicht, dass man Kindern etwas verschweigt, sondern dass man sie informiert, ohne sie in die Verantwortung zu nehmen. So könnte ich zum Beispiel sagen: „Du hast sicher schon bemerkt, dass dein Vater und ich uns häufig streiten. Gemeinsam überlegen wir gerade, wie wir aus dem Problem wieder herauskommen und suchen nach einer guten Lösung. Du hast damit nichts zu tun!“

Sie ärgern sich gerade so über Ihren Mann oder Ihre Frau, dass Sie nicht wissen, wohin mit Ihrer Wut? Rufen Sie Ihre Freunde oder Eltern an. Sprechen Sie nicht mit Ihren Kindern darüber. Das ist psychischer Missbrauch und bringt Ihr Kind in innere Not. Für Ihr Kind bleibt Mama immer die Richtige und Papa auch. Holen Sie sich professionelle Hilfe bei einem Mediator oder Familientherapeuten.

Wenn Sie zu der Entscheidung gelangen, dass Sie an getrennten Wohnorten leben möchten, sorgen Sie dafür, dass Ihre Kinder freien Zugang zu beiden Elternteilen haben. Wenn es um die Frage geht, bei wem die Kinder bleiben, stellen Sie Ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zurück und entscheiden Sie im Interesse der Kinder. Söhne werden beim Vater zum Mann, nicht bei der Mutter. Töchter hingegen werden bei der Mutter zur Frau, nicht beim Vater. So kann es sinnvoll sein, dass pubertierende Kinder beim gleichgeschlechtlichen Elternteil leben oder zumindest mehr Kontakt zu diesem haben. Vermeiden Sie nach Möglichkeit einen Umzug für Ihre Kinder.

In Zeiten, in denen sich vieles verändert, ist eine vertraute Umgebung eine sichere Stütze. Pflegen Sie Kontakt zu den Großeltern, sofern diese klug genug sind, sich aus dem Konflikt herauszuhalten. Sie sind sichere Häfen in stürmischen Lebensphasen. Kommt Ihr Kind von gemeinsamer Zeit mit Vater oder Mutter zurück, zügeln Sie Ihre Neugier. Lassen Sie stattdessen das Kind berichten, was es berichten mag, und stellen Sie ihm keine bohrenden Fragen.

Erinnern Sie sich hin und wieder an den Anfang Ihrer Beziehung, als Sie „Ja“ zu einander gesagt haben. Das, was Sie damals so sehr geliebt haben, ist auch heute noch in Ihrem Partner und Ihrer Partnerin. Das, was sie so sehr stört, überdeckt es nur aktuell und ist für Sie zu groß geworden. Ihr Kind kann es jedoch immer noch sehen.

Als Paar wünsche ich Ihnen die Kraft und den Mut, sich aus Lebenslagen zu befreien, die unglücklich machen. Als Eltern wünsche ich Ihnen den Weitblick, der nötig ist, um weise im Sinne Ihrer Kinder zu entscheiden. Sie sind das schwächste Glied in einer Trennungssituation und brauchen Ihre Weisheit und Weitsicht.


Im Internet: www.peakraemer.de



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