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Vergessen wir den Rattenfänger – wir sind einfach die Stadt der Bäume

Hamelns Jodel-Diplom

Ach, was war das schön in diesem Sommer, abends lange auf der Terrasse sitzen, eine Flasche Trenz im außen schwitzenden, innen fast gefrorenen Weinkühler, die Füße hoch und mal still, mal palavernd ganz langsam die Nacht kommen lassen. Herrlich war‘s! Doch langsam müssen wir uns was überlegen.

veröffentlicht am 24.10.2020 um 07:00 Uhr

Thomas Thimm

Autor

Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Morgens dunkel, wenn die Katze einen weckt und man aufsteht, abends dunkel, wenn man von der Arbeit kommt – und wenn man sich dann noch nach draußen setzen würde, nein, das macht doch keinen Spaß. Erstens schmeckt der Weißburgunder nicht wirklich, wenn man draußen in lausiger Herbst-Kühle rumfriert – ganz nebenbei darf ich erwähnen: das mit dem draußen in der Kälte und dabei ein Fläschchen genießen ist nur was für und mit meinen Ski-Männern in den Bergen, aber das fällt diesen Winter wohl auch aus – und zweitens ist die gemütliche Weinfass-Stehtisch-Ecke unterm Dache des Walnussbaumes noch gar nicht fertig. Uwe hat noch nicht geliefert …

„Hör‘ ma‘“, hat er die Tage angerufen, „wat willste denn jetze noch mit Deinem Weinfass unterm Baum, ich denke in Hameln holzen‘se alle Bäume ab, dat is‘ im Rathaus doch grade janz groß in Mode.“

„Also, wahrscheinlich werden nicht in ganz Hameln die Bäume abgeholzt, Uwe, und bei mir im Garten schon mal gar nicht“, versuche ich einen hörbar aufgebrachten Zeitgenossen vom Baum zu holen, „unser Walnussbaum bleibt wo und wie er ist, nächsten Sommer sitzen wir beide am Fass genau darunter – und außerdem würden auch die Eichhörnchen die Welt nicht mehr verstehen, die kommen doch jedes Jahr zur Ernte vorbei.“

„Ja, aber da an der Landstraße nach Holtensen ruff, da woll‘n se doch allet umhau‘n, dat ham‘se doch gesacht, und deswegen regen sich doch och so viele uff“, schimpft Uwe in dem ihm nun mal ganz eigenen Kauderwelsch.

Und er hat ja recht. Am Stadtrand von Hameln soll ein riesiges Stück Wald einfach platt gemacht werden. Wegen der Sicherheit. Axt statt Blätterrauschen. Kettensäge statt Waldesruh. Stumpfe Baumstümpfe statt natürlicher Naherholung. Aber muss denn wie mit der Holzhammermethode gleich alles weg?

Mit den Bäumen haben wir es hier ja, wir erinnern uns: Da war doch was, irgendwie hat die Stadt Hameln doch einen – wenn auch sehr zweifelhaften – Ruf zu verteidigen: Hameln, das ist doch die Stadt der Bäume, der Zählung, der Baumzählung, einer sündhaft teuren, so erzählt man es sich bis nach Norditalien, Berlin und in die Schweiz und weiß der Himmel, wo sonst noch. Da lacht man sich auch schon mal schlapp über die Hamelner, die Unsummen fürs Zählen von Bäumen ausgeben wollen, dann doch nicht so ganz zurechtkommen damit, und – um dem Ganzen dann noch die Krone aufzusetzen – schlussendlich die Baumschutzsatzung abschaffen, also alles teuer vermurksen sozusagen.

Solch ein Ruf hat ja auch Vorteile: Man muss dann ja auch nicht immer nur wieder mit dem Rattenfänger für sich werben. Da hat man mal wieder was Neues, was Eigenes. So wie Loriots Jodel-Diplom. Einen USP, wie es neudeutsch heißt, ein Alleinstellungsmerkmal also. Die Sache(n) mit den Bäumen sind irgendwie süß-sauer, aber so wirklich lustig ist es dann doch nicht – außer vielleicht bei Extra 3 …

„Yupp, jetze hast‘es“, frohlockt der Uwe, „sach ich doch, mit de‘ Bäume ham‘ses hier. Man könnte doch och nur die Bäume raushau‘n, wo‘s gar nich‘ anders geht, die raus müss‘n. Da muss doch nich‘ gleich ‘n janzer halber Wald wech. Nur so ‘ne Idee …“



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