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Von allgemeinen und unangenehmen Selbst-Erkenntnissen

Hallo, Sie – so nicht!

Ich sag nur: Kurve! Das Wort hat für Motorradfahrer und Hugh Hefner seit eh und je, aber seit das C-Wort kursiert für alle Hochkonjunktur. Letzteres ist immer und überall, den Medien (hier, ich) wird vorgeworfen, dass sie über nichts anderes mehr berichten (stimmt nicht), und die Momente, in denen es nicht irgendetwas beschränkt, sind rar. Co–ro–nablablabla, ich kann es doch auch schon nicht mehr hören, lesen, sagenblabaa… Aber: Was ich dadurch in den vergangenen Monaten nicht schon alles gelernt habe!

veröffentlicht am 06.06.2020 um 08:00 Uhr

Birte Hansen

Autor

Reporterin zur Autorenseite

Ich weiß, grob, was Covid-19 ist, kann die Reproduktionszahl ansatzweise erklären, ich habe verstanden, dass 1,5 Meter nicht für alle gleich lang sind, wofür FFP2 steht, Begriffe wie Niedersächsische Allgemeinverordnung oder Flächendesinfektionsmittel gehen mir ohne Versprecher über die Lippen und Aerosole – ha, Alltagsvokabular.

Es ist längst klar, dass „flatten the curve“ nicht der Slogan eines Schönheitschirurgen oder Ernährungsberaters ist und dass die persönliche Lernkurve einen anderen Verlauf nehmen sollte als die erfolgreich abgeflachte der Anzahl der Infizierten.

Ach, ich lasse Sie gerne eben an weiteren Erkenntnissen teilhaben, falls Sie diese Aha-Momente nicht schon längst selbst hatten:

1. Fishermen‘s friends- oder Knoblauchfahne machen das Tragen einer MNB (Mund-Nasen-Bedeckung) noch unangenehmer.

2. Nur, weil man einen Mundschutz trägt, heißt das nicht, dass andere einen beim Telefonieren im Supermarkt nicht hören können (das ist ähnlich wie mit dem Popeln im Auto – das sehen andere auch).

3. Der Konjunktiv ist seit Wochen der am häufigsten benutzte Modus, „hätte, hätte, Fahrradkette“ ist Programm und „wenn das Wörtchen wenn nicht wäre, …“, könnte ersetzt werden in „wenn Corona nicht wäre, …“ „…dann wären wir jetzt in Thailand, auf Korsika, sonstwo, jedenfalls: nicht hier“.

4. In längst abgedrehten Serien dürfen Menschen einander umarmen – das muss einen nicht irritieren!

5. Mark Forster darf Lieder produzieren, die nach Münchner Freiheit klingen und wird dafür nicht abgestraft.

So viel zu den allgemeinen Learnings, wie gewonnene Erkenntnisse in Meetings heißen, falls Sie das noch nicht wussten. Um nun meine ganz persönlichen Learnings einzuordnen, möchte ich an dieser Stelle schon mal um Unterstützung durch einen Psychologen bitten.

Neben dem Umstand, dass dieses Mist-Virus krank macht und im schlimmsten Fall tötet, gräbt es sich in die Psyche, taucht tief in den Charakter und befördert Eigenschaften zu Tage, die, nun ja, nicht gerade in die Kategorie „stolz drauf“ gehören.

Anders, Hosen runter: Ein Teil von mir möchte beim Ordnungsamt arbeiten. Nicht zum Knöllchen-Verteilen – den Hass möchte ich auch nicht auf mich ziehen. Nein, ich möchte samstags durch die Stadt gehen (mache ich regelmäßig) und Menschen darauf hinweisen (mache ich nie), was a) Abstandhalten bedeutet, dass man sich b) nicht in die Hand hustet und dann die Lehne des Pizzeria-Stuhls anfasst, dass es c) zu Stau kommt, wenn man mit vier Personen auf dem Wochenmarkt oder im Supermarkt mitten im Gang plaudernd stehenbleibt, dass d) die Personen, die in Grüppchen eng beieinanderstehen allein aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe zählen. Ich würde e) auf die Mund-Nase-Bedeckung zeigen, die nur lose überm Mund baumelt, während die Nase darüber munter läuft, Menschen, die sich die Hand geben oder umarmen würde ich g) mit Worten auseinanderbringen.

Ich könnte mir vorstellen, so einen ausziehbaren Zeigestock dabei zu haben, mit dem ich – toktoktok – auf Schultern klopfen würde, um – sanft kopfschüttelnd, tststs sagend – auf die womöglich ansteckenden Fehltritte hinzuweisen. Alles sehr freundlich mit charmantem Lächeln! Und wenn ich einen schlechten Tag habe, setze ich mich an den Rand der Fußgängerzone und brülle es den Leuten rüber: „EY! Das sind keine 150 Zentimeter!“

Was sagt das nur über mich? Bin ich in Teilen ein Korinthenkacker? Habe ich das Leben einfach nur gerne in geregelten Bahnen? Oder bin ich in Wahrheit ein Denunziant in disguise? Es treibt mich um, dass mich jede kleine Alltagspanne (oder Ignoranz) im Umgang mit dem und vor allem gegen das Virus förmlich anspringt und penetrant von mir fordert „Mach was! Sag was!“.

Es ist nicht so, dass mir das Freude bereitet, außerdem macht mein Mann sich bereits darüber lustig. Immerhin, ein Kollege hat mich entlastet – auch ihm fielen die Fehltritte der anderen unangenehm auf, sagt er.

Eines möchte ich mir „in diesen Zeiten“ (beliebtes Synonym übrigens für Sie wissen schon) zugutehalten, als Beweis dafür, dass „sozial“ mein Antreiber ist und nicht „antisozial“: Neulich musste ich mir von den Nachbarn eine Rolle Klopapier ausleihen.

P.S.: Ob das Ordnungsamt Tagespraktikanten sucht? Ich frag’ für einen Freund…



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