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Er zwingt uns, ihn wahrzunehmen und konfrontiert uns schonungslos mit unserer eigenen Endlichkeit

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Stirb, bevor du stirbst“ sagt eine Sufi-Weisheit – doch wie soll das gehen? Sterben und Tod werden weder von Eltern noch in Schulen gelehrt. Das macht es so einfach, den Tod und das Sterben in die Zukunft zu verbannen. Eine Zukunft, von der wir glauben, dass sie eher den anderen passiert, nicht uns.

veröffentlicht am 31.01.2018 um 15:50 Uhr
aktualisiert am 08.02.2018 um 16:44 Uhr

Vogel
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Es ist so leicht, sich dieser Illusion hinzugeben. Täglich machen wir Erfahrungen mit dem Leben. Der Tag erwacht und mit ihm das Leben. Wie selbstverständlich wartet es in seiner ganzen, lauten, bunten Fülle darauf, von uns gelebt zu werden. Der Tod hingegen verbirgt sich leise, zurückhaltend, abwartend in sicherer Entfernung. Doch wenn wir ihm Aufmerksamkeit schenken, zeigt er sich in seiner unermesslichen Größe und stillen Präsenz.

November: Totensonntag, Volkstrauertag, trübes Wetter, kahler Wald. Die Zeichen des Sterbens und des Vergehens sind jetzt überall gegenwärtig. Mir scheint, der November ist der beste Monat, um sich über den Tod und das Sterben ein paar Gedanken zu machen. Ich hoffe, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, am Ende des Artikels etwas fröhlicher auf Ihr Ende schauen können, denn laut einer psychologischen Studie ist die größte Angst des Menschen die Angst vor dem Tod – dem eigenen und demjenigen der Mitmenschen, die wir lieben und gerne auf ewig festhalten würden.

Doch wie oft ist das Schicksal größer als unser Wunsch nach Dauer und Beständigkeit und das Leben hält Schreckensmomente wie diese für uns bereit: Ein Mensch, der uns nahesteht, erkrankt. Die Diagnose: keine Chance auf Heilung. Die Prognose: Tod in absehbarer Zeit. Oder schlimmer noch: der über alles geliebte Mensch erliegt plötzlich und unerwartet den Verletzungen eines Unfalls und es fehlt die Zeit zum Abschiednehmen. Das sind Momente in unserem Leben, in denen die sonst so hektische Welt ganz plötzlich den Atem anhält und uns ungefragt und mit aller Wucht in den gegenwärtigen Augenblick schleudert. Der Tod rückt unmittelbar aus dem Hintergrund in den Vordergrund.

Konnten wir ihn bislang erfolgreich verdrängen, zeigt er sich jetzt in seiner ganzen Macht und Größe. Er zwingt uns, ihn wahrzunehmen und konfrontiert uns schonungslos mit unserer eigenen Endlichkeit. Tatsächlich steht der Tod immer so dicht neben uns wie das Leben. Das Leben scheint nur viel realer zu sein und es ist so viel leichter, mit ihm Erfahrungen zu sammeln, Tag für Tag. Wir brauchen es nicht zu suchen. Der Tag erwacht und mit ihm unser Leben in seiner ganzen Fülle.

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  • In unserer neuen Rubrik „Lebensweise“ schreibt Familientherapeutin Pea Krämer.

Im Zeitalter der Digitalisierung wird es immer vielseitiger und nimmt ein atemberaubendes Tempo an. Alles scheint möglich zu sein: grenzenloses Wachstum, zeitlose Schönheit und Jugend, globale Erreichbarkeit, nahtlose Kommunikation. Das Leben in exorbitanter, pulsierender, kreativer Schöpfung, erfindet sich immer wieder erfrischend neu. Kein Künstler dieser Welt könnte eine so großartige Inszenierung wie die des Lebens auf die Kinoleinwand projizieren. Die Mitspieler sind wir! Einige in Hauptrollen, andere in Nebenrollen, wieder andere im Zuschauerraum. Während die einen sich in ihren Rollen verlieren, starren die anderen gebannt und sich selbst vergessend auf die Leinwand: mal freudig, mal schluchzend, mal wütend, mal bewegt, je nach Genre, das ständig zu wechseln scheint, mal Liebesfilm, mal Komödie, mal Abenteuer, mal Krimi, mal Drama, mal Horror.

Das Leben scheint nur viel realer zu sein und es ist so viel leichter, mit ihm Erfahrungen zu sammeln, Tag für Tag.
Pea Krämer, Familientherapeutin

Dann kommt der Abspann und plötzlich – Stille. Statt buntem, lautem Szenario nichts als weiße Leinwand. Der Film des Lebens – abgespult! Doch sie, die weiße Leinwand, ist immer noch da, war immer da! Wir, die Akteure und Zuschauer haben uns, selbstvergessend, der Illusion des Filmes hingegeben. Es war so leicht, sich der Dramaturgie der Szenen auszusetzen, so verführerisch, die Leinwand auszublenden. Ganz im Gegenteil, es hätte sogar einiger Anstrengung bedurft, sie angesichts der Bildergewalt überhaupt wahrzunehmen. Die Reizüberflutung unserer Sinne zu betörend, zu verborgen das Schlichte, Weiße, Blasse, Stille der Projektionsfläche.

Ähnlich wie der Leinwand geht es dem Tod: wir schenken ihm wenig Aufmerksamkeit, schon gar nicht dem eigenen. Scheinbar passiert er nur den anderen. Wir selber leben, als wäre es für immer. Bei genauerer Betrachtung ist nur die Leinwand, die Stille, für immer.

Aus ihr, der Stille, kommen wir, werden wir geboren, auf ihrem Hintergrund spielen wir das Spiel des Lebens, zu ihr kehren wir zurück, wenn der Film unseres Lebens abgespult ist. „Stirb, bevor du stirbst“ sagen die alten Sufi-Meister. Das klingt für mich wie eine Einladung mit dem Tod, Freundschaft im Leben zu schließen. Freundschaft beginnt mit dem gegenseitigen Kennenlernen, dem „sich vertraut machen“, dem sich zeigen mit allen Licht-und Schattenseiten. Gemeinsame Zeit teilen, sich liebend einander nähern. Wenn das Band der Liebe einmal geknüpft ist, bringt es Freude und Glück in die Gegenwart unseres Lebens. Liebe Leserinnen und Leser, schauen wir uns die Stille des Todes an, lernen wir sie kennen, ihre Licht- und Schattenseiten. Laden wir sie in unser Leben ein, verbringen wir Zeit mit ihr, spielen wir mit ihr und stellen wir sie an unsere Seite. Hin und wieder fantasiere ich, dass an meiner linken Seite der Tod steht und an meiner rechten das Leben. Wir geben uns die Hände. Es fühlt sich gut und kraftvoll an, wenn ich in dieses innere Bild gehe. Ich werde hellwach für den Augenblick, den einzigen.

Das Vier-Wochen-Leben-Tod-Experiment

Ich lade Sie, liebe Leserinnen und Leser, zu einem kleinen „Vier-Wochen-Leben-Tod-Experiment“ ein und das geht so: Stellen Sie sich aufrecht hin, schließen Sie Ihre Augen, nehmen Sie ein paar tiefe Atemzüge. Nun stellen Sie sich vor, dass an Ihrer linken Hand der Tod Sie liebevoll umfasst und an der rechten Hand das Leben. Fantasieren Sie dieses Bild immer wieder in Ihrem Alltag und beobachten Sie, ob sich in Ihrem gelebten Leben etwas verändert. Und wenn Sie mögen, berichten Sie mir davon!

Meine Erfahrung mit diesem inneren Bild sieht so aus: In der Anwesenheit des Lebens und des Todes gelingt es mir, die Probleme, Konflikte und Diskussionen des Lebens aus einer anderen Perspektive zu sehen. Sie werden kleiner, unbedeutender, unwichtiger. Gleichzeitig fordern Entscheidungen in seiner Gegenwart keinen Aufschub. Sanft scheint der Tod meine Hand zu drücken und leise zu flüstern: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Er ist im Leben mein großer Wachmacher und Mutmacher, wo die Unentschlossenheit mich einzufangen droht.

Oft bin ich Menschen begegnet, die mir von ihrer Angst vor dem Tod erzählen. „Haben Sie auch Angst vor dem Schlaf?“, frage ich dann? Ich habe, berufsbedingt, viele unterschiedliche Ängste kennengelernt, jedoch bin ich noch nie einem Menschen begegnet, der Angst vor dem Tiefschlaf hatte. Dabei heißt es, dass der Schlaf „der kleine Bruder des Todes“ ist. Jede Nacht also begegnen wir ihm, dem Tod. Dort in der Stille kommen wir Nacht für Nacht mit ihm in Berührung, erholen uns in seiner Nähe vom Lärm des Lebens und sammeln Kräfte für den nächsten Tag. Der Schlaf ist nichts, was uns ängstigt, ganz im Gegenteil, wer von uns kennt das nicht, nach einem anstrengenden Tag selig seufzend und wohlig gebettet der Nacht entgegen- zuschlummern?

Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Ihnen von Herzen den Tod als liebevollen Begleiter an Ihrer Seite. Als einen Freund, der Sie daran erinnert, dass dieses Leben endlich ist und augenblicklich vorbei sein kann. Möglicherweise stimmt seine Präsenz Sie milder im Umgang mit Ihren Mitmenschen oder erinnert Sie daran, dass Entscheidungen und Handlungen keinen Aufschub dulden. Stets ist er eine Einladung, den Augenblick des Lebens zu feiern und zu zelebrieren. Es gibt Studien darüber, dass Menschen, die ihre Wünsche, Visionen und Talente in vollen Zügen gelebt haben, am Ende ihr Leben leichter loslassen können.

Während ich diese Zeilen schreibe, scheint das Licht durch das Fenster auf meinen Schreibtisch und lockt mich in die herbstbunte Natur. So packe ich mir jetzt den Tod und das Leben, laufe der Sonne entgegen und tanze gemeinsam mit den beiden Freunden durch die Straßen des Lebens.

www.peakraemer.de



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