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25. November 1992: Parlament billigt Auflösung der Tschechoslowakei

Glücklich getrennt

Mehr als 1000 Jahre lang lebten Tschechen und Slowaken in unterschiedlichen Staatsgebilden, seit 1918 bildeten sie eine gemeinsame Nation – und scheiterten. Die Trennung verläuft friedlich, nüchtern wird die Nachricht am 25. November 1992 im Fernsehen kommentiert. Die friedliche Scheidung der Tschechoslowakei gilt heute als ein Musterbeispiel für die Lösung innerstaatlicher Konflikte ohne Gewalt.

veröffentlicht am 26.11.2017 um 10:23 Uhr

Junge Menschen feiern am 31. Dezember 1992 in Bratislava mit der slowakischen Flagge die Staatsgründung der Slowakei. Foto: CTK
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Die Herzen der Menschen hat die Nation nie Menschen erreicht, zu unterschiedlich sind die gesellschaftlichen und kulturellen Unterschiede, dazu kommt, dass sich die deutlich kleinere Slowakei durch Prag gegängelt und wirtschaftlich benachteiligt fühlt.

Die Slowakei wird schon im 11. Jahrhundert ein Bestandteil des Königreiches Ungarn und bleibt es bis 1918, bescheidene Ansätze einer Nationalbewegung werden von den ungarischen Behörden unterdrückt. 1918 haben die Slowaken viel schlechtere Startbedingungen als die Tschechen, für die die Bildung eines eigenen Staates nur der Endpunkt eines jahrzehntelangen Prozesses ist. Ganz anders die Slowaken, die nicht einmal über einen funktionierenden Beamtenapparat verfügen. Mit den Tschechen kommt Wissen in die Slowakei, um dort beim Aufbau des Schulwesens und der Verwaltung zu helfen. Doch viele Slowaken sehen in der tschechischen Hilfe ein Zeichen der tschechischen Vorherrschaft und Überlegenheit.

Tschechen und Slowaken sind seit dem 16. Jahrhundert Untertanen des Habsburger Kaisers, doch den Tschechen geht es im österreichischen Teil des Reiches um einiges besser als den Slowaken im ungarischen. Während die Tschechen im 19. Jahrhundert ihre nationale Wiedergeburt erleben, werden die Slowaken und alles Slowakische unterdrückt und verboten.

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, beginnen die Tschechen, für die Schaffung eines eigenen, unabhängigen Staates zu kämpfen, die Slowaken schließen sich an. Am 28. Oktober 1918 wird in Prag die Unabhängigkeit des Staates der Tschechen und Slowaken ausgerufen. Dumm nur, dass die Slowaken noch gar nichts wissen von ihrem Glück, denn sie erreicht die Nachricht erst Tage später. Die unterschiedlichen Voraussetzungen der beiden Völker bringen von Anfang an Probleme für den neuen, tschechoslowakischen Staat.

Die Tschechoslowakei hat Anfang der 20er Jahre knapp 14 Millionen Einwohner: Sieben Millionen Tschechen, zwei Millionen Slowaken und über drei Millionen Deutsche.

Im Februar 1948 beseitigten die Kommunisten durch einen Staatsstreich mit sowjetischer Rückendeckung das bürgerlich-demokratische System. Es folgten Jahre des stalinistischen Terrors, der sich nicht nur gegen „Klassenfeinde“, sondern auch gegen höchste Parteimachthaber richtet. Der „Prager Frühling“ von 1968 ist nur ein kurzes Zwischenspiel der Freiheit. Doch völlig lassen sich die oppositionellen Kräfte nicht unterdrücken. 1977 formiert sich eine Bewegung für Menschen und Bürgerrechte, die „Charta 77“. Als Gorbatschow in der Sowjetunion seine „Perestrojka“ einleitet, bekennt sich auch die Prager Parteiführung verbal zur Reformpolitik, aber an ihrem Machtmonopol ist nicht zu rütteln. Noch nicht.

Denn nur wenig später setzt ein politisches Erdbeben ein, das den Kommunismus im ganzen Ostblock zum Einsturz bringen wird. Nach Massendemonstrationen auf dem Prager Wenzelsplatz muss am 24. November 1989 die kommunistische Parteiführung zurücktreten, in den ersten freien Parlamentswahlen im Juni 1990 siegen die Bürgerbewegungen, die den revolutionären Wandel erzwungen haben. Schnell brechen die lange unterdrückten nationalen Gegensätze wieder auf. Nur mühsam einigt man sich auf den neuen Staatsnamen „Tschechische und Slowakische Föderative Republik“. 1991 verschärft sich der Konflikt; vor allem in der Slowakei mehren sich die Stimmen für volle Unabhängigkeit.

Da geht es schnell: Nach den Wahlen im Juni 1992 wird nur noch eine Übergangsregierung gebildet. Und während die slowakische Seite, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen, vor der klaren Trennung zurückschreckt und eine zwitterhafte „Union“ vorschlägt, besteht die tschechische Seite auf klarer Scheidung. Am 25. November 1992 stimmt das Bundesparlament dem Teilungsgesetz zu.

Am 31. Dezember 1992 hört die Tschechoslowakei auf zu bestehen.



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