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Über Frauenparkplätze und einen Richtungswechsel im Geschlechterkampf

Gleiches Recht für alle

Reden wir nicht lange drum herum. Männlein und Weiblein – mit schöner Regelmäßigkeit bedeutet das Krieg. Was ein wenig verwunderlich ist, weil sie sich doch (eigentlich) in der Mitte treffen wollten. Die Frauen: Selbstbewusster und unabhängiger. Die Männer: Sanfter und emotionaler.

veröffentlicht am 02.02.2019 um 10:00 Uhr
aktualisiert am 04.02.2019 um 17:20 Uhr

Illustration: cn
Juni

Autor

Julia Niemeyer Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Es könnte alles sehr einfach sein. Ein Gleichgewicht der Kräfte, in dem jeder kriegt, was ihm zusteht. Zum Beispiel einen Parkplatz. Natürlich nicht irgendeinen, sondern den besten Parkplatz. Den mit dem kürzesten Weg und der schönsten Beleuchtung. In vielen Parkhäusern heißen solche Parkplätze traditionell „Frauenparkplatz“.

Ich sage auch deshalb traditionell, weil die Begriffe Frau und Angst traditionell zusammengehören. Spätestens, seit es ihnen von Rechts wegen gestattet ist, alleine das Haus zu verlassen, fürchten sich Frauen nicht nur, aber auch vor dunklen Parkhäusern. Männer fürchten sich laut Tradition eher weniger. U. a. deshalb fahren sie gerne schnell auf der Autobahn oder essen fünf Tage alte Spaghetti. Der traditionelle Mann ist unzerstörbar, und wer unzerstörbar ist, braucht – anders als eine verwundbare Frau – keinen beleuchteten Parkplatz.

So war das jedenfalls, solange das mit der Tradition noch reibungslos funktionierte. Das Schöne an Traditionen ist nämlich, dass sie Dinge sehr zuverlässig regeln, ohne dass man sich mit Hans und Franz darum zanken muss. Männerdomänen und Frauendomänen sind so eine Konfliktvermeidungstradition. Oder besser: Sie waren es. Denn eine neue Tradition besagt, dass Frauen im Zuge der Gleichberechtigung Zutritt zu Männerdomänen bekommen sollten. Seither ist es vorbei mit dem geordneten Nebeneinander. Männer und Frauen konkurrieren nun um alles, was lange Zeit bevorzugt Männern zustand: Führungspositionen, politische Ämter, einen angemessenen Platz in der Kriminalstatistik.

Umgekehrt blieb es lange Zeit friedlich im Geschlechterkampf. Auch nach der Einführung des Elterngeldes kämpfen zum Beispiel nur wenige Väter mit Partnerinnen und Vorgesetzten um eine gerechte Teilhabe an der Erziehungsarbeit. Auch wütende Männer-Demos für mehr Mitbestimmung im Haushalt oder eine #HimToo-Kampagne gegen weiblichen Psychoterror blieben bislang aus. Gleichberechtigung und Emanzipation, so hatte es den Anschein, waren Einbahnstraßen. Mit Frauen auf der Überholspur und Männern, die unbehaglich den Rückspiegel im Auge behielten. Auf die Idee, einfach die Richtung zu ändern, kamen sie nicht und das war ein Glück für uns Frauen. Kinder, Küche und Kaffeekränzchen gehörten uns weiterhin ganz alleine, während wir nebenbei auch noch Unternehmen, Parlamente und Herrenclubs eroberten. Heute dürfen wir wählen wie Männer, arbeiten wie Männer, fluchen wie Männer – und uns GLEICHZEITIG weiter in den Mantel helfen lassen oder beim ersten Date voraussetzen, dass der Mann bezahlt.

Besonders erfolgreich haben wir allerdings unser Recht auf Angst verteidigt. Und die damit verbundenen Komfortzonen, zu denen auch der bereits erwähnte Frauenparkplatz gehört. Wer, wenn nicht wir, die körperlich Unterlegenen, Verwundbaren, naturgemäß Ängstlichen sollte einen Anspruch darauf haben? Entsprechend groß war die Empörung, als vor wenigen Tagen ein Jurastudent vor Gericht zog, um für die Abschaffung dieses Privilegs zu kämpfen. Selbst erfolgreich durchemanziperte Frauen verwiesen auf die Opferstatistik, Rubrik „Sexualverbrechen“, um zu beweisen, dass der Frauenparkplatz keine Diskriminierung ist, sondern lediglich dem Nachteilsausgleich dient. Vielfach wurde plötzlich auch die ansonsten so misstrauisch beäugte „gefühlte“ Sicherheit bemüht, die vor allem eine gefühlte Unsicherheit ist.

Eine gefühlte Unsicherheit, auf die laut Tradition Männer keinen Anspruch haben – obwohl sie (aus welchen Gründen auch immer) HÄUFIGER Opfer von Gewaltverbrechen werden. Ein Mann, der sich im Dunkeln fürchtet, das auch noch zugibt und sogar die Dreistigkeit besitzt, auf Abhilfe zu drängen: Geht gar nicht!

So sehr sich die meisten Frauen auch feinfühlige, rücksichtsvolle Männer wünschen, die offen zu ihren Emotionen stehen und ihre angestammten Reviere bereitwillig für den weiblichen Vormarsch öffnen, so irritiert reagieren sie, wenn die Sache einmal anders herum läuft. Wenn der bis dato besserverdienende Partner nachdenklich anmerkt, dass doch auch das Gehalt seiner Liebsten zum Leben ausreichen würde; wenn der neue Bekannte nach dem Date aufsteht, ohne die Rechnung zu bezahlen; wenn der Nachwuchs zuerst „Papa“ und dann „Mama“ sagt.

Ich prophezeie uns, meine Damen: So wird das nichts mit der Emanzipation. Denn anders als viele Gegner des Feminismus gerne unterstellen, bedeutet Gleichberechtigung nicht, dass ab sofort Frauen die besten Jobs bekommen. Gleichberechtigung bedeutet, dass derjenigen den Job bekommt, der sich am besten dafür eignet, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Nach derselben Logik steht der Parkplatz mit der hellsten Lampe demjenigen zu, der am meisten Angst hat. Und das kann, tadaa!, eben auch ein Mann sein.

Wir werden akzeptieren müssen, dass irgendwann der Zeitpunkt kommen musste, an dem Männer die Vorzüge der Frauendomänen entdecken. Jetzt ist es so weit. Die Tradition des unzerstörbaren Mannes ist Geschichte. Und irgendwie wollten wir es doch so, nur eben von der anderen Seite aus gedacht.



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