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Stefan Heym – Oppositioneller in drei deutschen Staaten

Gelebtes Leben

Er hat Literatur geschrieben für Leser überall in der Welt und hat auch überall Leser gefunden. Wenn er irgendwie dazu beitragen könnte, dass die Leute anfangen zu denken oder weiterdenken oder in eine gewisse Richtung denken, dann wollte er zur Stelle sein, erklärte er einmal, in seinen späten Jahren in einem Interview.

veröffentlicht am 10.04.2013 um 09:40 Uhr
aktualisiert am 18.04.2013 um 10:14 Uhr

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Stefan Heym, das war gelebtes Leben, das war die Flucht aus Nazi-Deutschland, die Einbürgerung in den USA, die psychologische Kriegführung bei Eisenhowers Invasionstruppen, der Übertritt in die DDR und der Konflikt mit dem real existierenden Sozialismus unter Ulbricht und Honecker, das war die Kandidatur für den Deutschen Bundestag (für die PDS) und eine Rede als Alterspräsident, der den 13. Bundestag eröffnete. Wäre Heym nicht gewählt worden, hätte ihn Alfred Dregger von der CDU eröffnet, der noch in den letzten Kriegswochen an den „Endsieg“ geglaubt hatte – was für ein deutsch-deutscher Kontrast. Heym wäre am Mittwoch 100 Jahre alt geworden.

Der deutsche Jude und kommunistische Intellektuelle Stefan Heym wurde am 10. April 1913 als Helmut Flieg als Sohn einer jüdischen Chemnitzer Kaufmannsfamilie geboren. Er engagierte sich früh als Antifaschist und wurde 1931 auf Druck der örtlichen Nationalsozialisten wegen eines antimilitaristischen Gedichts vom Gymnasium seiner Heimatstadt verwiesen. Nach dem Reichstagsbrand 1933 floh er in die Tschechoslowakei, wo er den Namen Stefan Heym annahm. 1935 ging er mit dem Stipendium einer jüdischen Studentenverbindung in die USA, wo er sein Studium an der Universität von Chicago fortsetzte. Von 1937 bis 1939 war er in New York Chefredakteur der deutschsprachigen Wochenzeitung Deutsches Volksecho, die der Kommunistischen Partei der USA nahestand. 1939 stellt die Zeitung ihr Erscheinen ein, Heym arbeitet als freier Schriftsteller in englischer Sprache. Bereits sein erster Roman Hostages wird 1942 ein großer Erfolg. 1952 verlässt er die USA, zieht nach Prag und siedelt 1953 in die DDR über, wo er anfangs als heimgekehrter, antifaschistischer Emigrant privilegiert behandelt wird. Das bleibt nicht so, die Realität des Sozialismus ist durchaus ernüchternd für den Schriftsteller. 1976 gehörte Heym zu den Unterzeichnern der Petition, mit der DDR-Autoren gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestierten. 1979 wird er aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen – und nach der Wende im November 1989 wird er wieder in den Schriftstellerverband der DDR aufgenommen und 1990 juristisch rehabilitiert.

Er bleibt ein unabhängiger Geist, ein Mahner und Warner, er beklagt die Benachteiligung der Ostdeutschen im Verlauf ihrer Integration in die Bundesrepublik und beharrt auf einer sozialistischen Alternative zum nunmehr gesamtdeutschen Kapitalismus.

Bei der Bundestagswahl 1994 kandidiert Heym als Parteiloser auf der offenen Liste der PDS und gewinnt ein Direktmandat im Wahlkreis Berlin-Mitte – Prenzlauer Berg. Lange bleibt er nicht im Bundestag: 1995 legt Heym sein Mandat aus Protest gegen geplante Erhöhungen der Diäten für Bundestagsabgeordnete nieder. Stefan Heym und die DDR – das ist eine Geschichte von enttäuschten und immer wieder erneuerten Hoffnungen, von zerplatzten Illusionen und zäh bewahrter Loyalität, eine Geschichte vom Dauerkonflikt zwischen doktrinärer Macht und beweglichem Geist, befand das Nachrichtenmagazin Spiegel. „Pargfrider“, der vorletzte Roman von Stefan Heym, endet im Jahr 1998 mit dem Satz: „Was ist Ruhm, und was sind die Werke der Menschen, alles ist eitel.“

Am 16. Dezember 2001 starb Stefan Heym in En Bokek, Israel, seit 2008 verleiht die Stadt Chemnitz alle drei Jahre den Internationalen Stefan-Heym-Preis: Er geht an herausragende Autoren und Publizisten, die sich in gesellschaftliche wie politische Debatten einmischen und für moralische Werte streiten.rnk



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