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Warme Hände, liebevolle Worte und eine herzliche Umarmung – manchmal sind es nur Kleinigkeiten zum Glück

Gelebte Liebe

Es sind die kleinen, liebevollen Begegnungen im Alltag, vom Zufall kreiert, die uns ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Einige sind so außergewöhnlich, dass sie für immer in unserer Erinnerung bleiben.

veröffentlicht am 14.07.2018 um 08:26 Uhr

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Autor:

Pea Krämer

Neulich ist sie mir widerfahren – eine Begegnung die alles, außer gewöhnlich war. Sie hat eine Spur in meinem Herzen hinterlassen. Gerade hatte ich unseren jüngsten Sohn, den es in die weite Welt zieht, verabschiedet. Eine leise Wehmut machte sich in mir breit bei der Vorstellung, dass ich ihn vermutlich lange Zeit nicht wiedersehen werde.

In dieser melancholischen Stimmung fuhr ich tanken. Als ich meine Rechnung begleichen will, begrüßt mich neben mir am Tresen eine ältere Frau überschwänglich mit den Worten: „Guten Morgen! Es ist ein schöner Morgen, nicht wahr?“ Nein, er ist traurig, protestiert meine innere Stimme, doch weiter komme nicht. Wie selbstverständlich reicht mir die Dame ihre Hand, als wären wir Freundinnen, die sich schon lange vertraut sind und sich freuen, sich zu sehen. Strahlende Augen schauen mich an, während eine warme, weiche Hand in meiner ruht.

Augenblicklich bin ich verzückt angesichts dieser grenzenlosen Offenheit und Liebe, die mir in Form dieser Frau begegnet und ich kann nicht anders als zurückzulächeln. Ja, der Morgen ist schön. Hier und Jetzt, in diesem Moment. Er könnte perfekter nicht sein. Die Frau hat nun meine ganze Aufmerksamkeit und ich betrachte sie genauer: leuchtende Augen zieren ein Gesicht, das mehr an ein Kind erinnert als an eine Erwachsene. Ihr Körper ist rund und pummelig. Fröhlich plaudert sie drauflos und berichtet mir von ihren ersten Morgenstunden. Ihre Freude ist ansteckend, ihre Unbekümmertheit anrührend, ihre Herzlichkeit entwaffnend.

In unserer Rubrik „Lebensweise“ schreibt Familientherapeutin Pea Krämer
  • In unserer Rubrik „Lebensweise“ schreibt Familientherapeutin Pea Krämer

Als ich mich verabschieden will, nimmt sie mich unvermittelt in den Arm und scheint gar nicht daran zu denken, mich vorerst wieder freizugeben. Weich und warm fühlt sie sich an. Liebevoll und wie selbstverständlich verweilen wir in dieser ungewöhnlichen Umarmung. Erst als die Tankstellenverkäuferin sie mit den Worten mahnt: „Du musst die Frau loslassen, sie hat noch etwas zu tun!“, gibt sie mich wieder frei. Fröhlich winkt sie mir hinterher. Meine Wehmut? Augenblicklich verflogen! Ein großes Lächeln hat sich stattdessen in mir breitgemacht und ich fühle mich reich beschenkt.

Leise in mich hineinlächelnd philosophiere ich über das weise Leben, das mir gerade in dieser Frau begegnet ist. Warme Hände, liebevolle Worte und eine herzliche Umarmung – genau das war es, was meine Melancholie brauchte – und sie augenblicklich verwehte. Ich denke noch lange über diese ungewöhnliche Frau nach. Ob sie in das angrenzende Seniorenheim gehört, das Menschen mit Behinderungen betreut? Und wenn ja, wer von uns beiden ist eigentlich behindert? Bin ich es nicht vielmehr, die sich eine solche distanzlose Herzlichkeit auf eine mir völlig Unbekannte nicht erlauben würde? Weiter fantasiere ich, wohin uns Menschen das führen würde, wenn wir alle solchen liebevollen Impulsen nachgingen?

Ich habe dieser Frau den Namen Bella, die Schöne, gegeben. Ihre Seele scheint so schön und von Konzepten und Vorstellungen wie „man zu sein hat“ befreit, dass sie auf jeden ihrer Mitmenschen ganz unvoreingenommen zugehen kann. Jeden, der dafür offen ist, lässt sie an ihrer inneren Freude und Unbekümmertheit teilhaben. Die Erinnerung an diese außergewöhnliche Begegnung soll mich noch lange begleiten. Mir fällt dazu ein Sprichwort ein: „Das Lächeln, das du aussendest, kehrt zu dir zurück!“ Bella scheint es verinnerlicht zu haben. Meinen Tag hat sie, ohne es zu wissen, ein wenig heller gemacht. Ich nehme mir vor, ein bisschen von Bellas Art in meinen Alltag zu integrieren. Etwas von ihrem Mut und ihrer Offenheit, wenn ich Fremden begegne. Gar nicht so einfach. Dafür muss ich meine Komfortzone verlassen, denn ich habe gelernt, eher zurückhaltend und reserviert auf mir unbekannte Menschen zu reagieren. Und ich scheine mit diesem Verhalten in bester Gesellschaft zu sein.

Das Lächeln, das du aussendest, kehrt zu dir zurück!

Sprichwort

Die große Debatte in unserem Land um das Fremde gibt Zeugnis davon. Dabei ist es so leicht, Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und die Anlässe liegen in Fülle vor uns. Warum nicht einmal der Bedienung im Café sagen, dass sie heute ein wunderschönes Kleid trägt oder den Bettler am Straßenrand nach seinem Schicksal fragen? Das Leben hält unzählige Gelegenheiten bereit, achtsamer, liebevoller miteinander umzugehen.

Versunken in Gedanken über das Wunder des Lebens, taucht eine Szene aus der Vergangenheit in mir auf: Es ist das Jahr 1984. Ich bin mit Mann, zweijährigem Sohn Raphael und Motorradgespann in Griechenland unterwegs. Nach langer Fahrt haben wir die Peloponnes erreicht und sind hoch in den Bergen auf der Suche nach einem Campingplatz. Das Land ist noch nicht vom Tourismus gezeichnet, die Zeltmöglichkeiten nur dünn gesät und gleich setzt die Dunkelheit ein. Wir werden langsam nervös. Plötzlich taucht, wie aus dem Nichts, eine Tankstelle auf. Ein altes Ehepaar sitzt freundlich lächelnd davor auf einer Bank. Großartig, hier können wir nach einem Campingplatz fragen. Fehlanzeige!

Als Raphael seinen Sturzhelm absetzt, der seine leuchtend weißen Haare freigibt, ist die alte Dame so verzückt, dass sie augenblicklich nur noch Augen für unser Kind hat und die Welt um sich herum vergisst. Offensichtlich sieht sie das erste Mal in ihrem Leben so viel Blond.

Wir bemühen uns, mit den wenigen Worten griechisch, die wir sprechen, ihre Aufmerksamkeit auf unsere Not zu richten, ihnen zu vermitteln, dass wir dringend einen Schlafplatz benötigen. Freundlich lächeln sie uns an. Mit einer beschwichtigenden Handbewegung wiederholen sie wie ein Mantra: „Sigar, sigar“, was so viel bedeutet wie „langsam, langsam“.

Nicht nur das macht uns nervös, die inzwischen eingebrochene Dunkelheit befeuert unsere Sorge, auf der Straße übernachten zu müssen. Gleichzeitig spüren wir, dass die beiden alten Herrschaften uns etwas mitteilen wollen, das wir nicht verstehen. Einige Zeit später kommt der Dorflehrer herbeigeeilt. Er spricht englisch und übersetzt, was die zwei Alten uns sagen wollen: Wir sind eingeladen, ihre Gäste zu sein und bei ihnen zu übernachten. Sie haben Platz genug. Wow, wir sind beeindruckt und berührt. So viel Gastfreundschaft, so viel Unvoreingenommenheit gegenüber völlig Fremden. Doch das ist erst der Anfang, wie wir später erfahren sollen.

Die Oma führt uns in ein kleines Zimmer mit Doppelbett, groß genug für uns drei. Raphael schläft augenblicklich selig ein, die Oma neben sich auf der Bettkante wissend. Mit seiner kindlichen Offenheit allem Fremden gegenüber scheint er zu spüren, dass hier ein guter sicherer Platz für ihn ist und die alte Dame voller Sympathie für ihn. Der alte Herr hat sich inzwischen fein gemacht, holt seinen Sparzierstock aus der Ecke und bedeutet uns, ihm zu folgen. Minuten später finden wir uns in der Dorfkneipe wieder, die extra für uns geöffnet hat. Es dauert nicht lange, da ist die Gaststätte voll mit fröhlich plappernden Dorfbewohnern.

Es hat sich herumgesprochen, dass ein paar Fremde mit ungewöhnlichem Gefährt und Kind in ihrem Dorf gestrandet sind. Sie wollen uns kennenlernen, interessieren sich für unser Land, unser Leben, unsere Geschichte. Sie sind neugierig auf das Unbekannte, Neue, Fremde. Die gemeinsame Zeit vergeht wie im Flug und als wir heimkommen, sind wir glücklich, satt und angefüllt mit Erinnerungen, die bis heute in uns nachklingen. Die alte Dame hat sich keinen Zentimeter von unserem Kind entfernt. Mit leuchtenden Augen hat sie über unseren kleinen Schatz gewacht.

Am nächsten Morgen erfahren wir, dass unser Gästezimmer das Schlafzimmer des Ehepaares ist, dass der Großvater auf dem Sofa geschlafen hat und die Großmutter auf einer harten Küchenbank. Wir sind betroffen und beschämt. Hätten wir das Gleiche für Fremde getan? Die Nacht auf einer Holzbank verbracht, damit eine unbekannte Familie in unserem Bett schlafen kann? Tausend Bilder und Gedanken gehen durch unseren Kopf und die Frage, wie gleichen wir das aus? Unserem ersten Impuls folgend, bieten wir ihnen Geld für die Übernachtung an. Es ist ganz offensichtlich, dass sie es gut gebrauchen können. Alles um sie herum lässt auf äußere Armut schließen. Empört und kopfschüttelnd schlagen sie unser Angebot aus. Es bleibt uns nichts anderes, als das Annehmen zu lernen. Um zu geben, muss das Herz voller Mitgefühl sein, um anzunehmen, voller Demut. Noch sind wir darin wenig geübt.

Zwei Jahre später sollten wir Gelegenheit zu einem kleinen Ausgleich bekommen: wieder lockt uns Griechenland. Wir planen unsere Route so, dass wir bei dem alten Ehepaar einen kurzen Halt machen. Im Gepäck haben wir ein paar praktische Geschenke für die zwei und ein gerahmtes Foto. Es zeigt das alte Paar, wie sie gemeinsam mit uns dreien und unserem Motorradgespann vor ihrem Haus stehen. Die Tränen der Freude beim unverhofften Wiedersehen bleiben so unvergessen, wie diese lebensbereichernde Begegnung.

Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche uns allen ein bisschen Bella, ein bisschen griechische Gastfreundschaft und den Mut, auf Fremdes zuzugehen, um es näher kennenzulernen. Ich bin mir sicher, unser Miteinander würde etwas heller, freundlicher und lebenswerter.


Im Internet: www.peakraemer.de



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