weather-image
14°
Mindestens 100 Jungen und Mädchen verscharrt / Schlepperhaus war Lazarett und Landschulheim

Friedhof der vergessenen Kinder

Nienstedt. Eine traurige Vergangenheit, aber auch manches nie aufgeklärte Schicksal spielte sich zwischen Nienstedt und Barsinghausen im Deister ab. Hier baute Anfang des 20. Jahrhunderts Ludwig Schlepper den Sophienhof, eine imposante Villa, mitten im Wald. Auf dem Gelände befindet sich ein Gräberfeld, auf dem mindestens 100 Kinder verscharrt worden sind.

veröffentlicht am 23.03.2012 um 06:00 Uhr

270_008_5344855_rueck102_2303.jpg

Autor:

Achim Linck

Nur wenige haben von diesem „Friedhof“ etwas gewusst. Vieles lag im Verborgenen oder wurde totgeschwiegen. Zu schrecklich ist die Erinnerung einiger Überlebender und Wissender an das hier Geschehene. Die Kinder, die in den Kriegswirren des 3. Reiches gestorben waren, kamen aus dem KZ-Außenlager Mühlenberg. Es waren sogenannte „Nichtarier“, und bei ihrer Ankunft in dem damals als Heilanstalt genutzten Gebäude sollen sie sich in einem jämmerlichen Gesundheitszustand befunden haben. Starben sie, gab es für diese Kinder an diesem Ort keine genehmigte Begräbnisstätte. Sie wurden so in ein Loch gelegt und zugeschüttet. Einen Forschungserfolg über die tatsächlichen dortigen Begebenheiten konnte der Historiker Bernhard Gelderblom aus Hameln erzielen. Informationen erhielt er unter anderem vom Internationalen Suchdienst Arolsen. Von 1943 bis 1945 wurden die Kleinkinder aus Hannover hierher gebracht. Ihre Mütter waren in Arbeitslagern – und damit sie ihre Kraft nicht den Säuglingen geben, wurden ihnen diese abgenommen. Das Gräberfeld wurde nach nur 15 Jahren eingeebnet. Lediglich ein schlichtes Kreuz weist auf den Friedhof hin.

Das Schlepperhaus wurde ab 1926 als Landschulheim von der hannoverschen Herschelschule genutzt und war bis 1951 auch Lazarett. Danach wieder Landschulheim, in Trägerschaft der Leibnitzschule, die das Gebäude heute noch entsprechend nutzt. Pflegten die Schulkinder das Gräberfeld noch eine Zeit, so gab es 1966 die Zustimmung der Bezirksregierung zur Einebnung. Leibnitzschüler sehen es als ehrenvolle Aufgabe an, in ihrer Landschulfreizeit die Pflege der Anlage zu übernehmen. Damit das Geschehen nicht in Vergessenheit gerät, sondern aufgearbeitet wird, wie es sein sollte, haben die Schüler heute die Möglichkeit, sich umfassend zu informieren. Sie schreiben auch ihre Darstellung und Sichtweise als Aufsatz.

Mit der Gebietsreform 1974 sind auch Aufzeichnungen in der Deistergemeinde nicht mehr vorhanden. So wissen die wenigsten Einwohner etwas von dem Schicksal der Kinder. Wanderer nehmen von dem Kreuz kaum Notiz. Man muss aber auch Fairness walten lassen und anerkennen, dass es zu der Zeit, als das Gebäude als Kinderkrankenhaus tadellos und in medizinisch hervorragender Art genutzt wurde, etwa ab 1946, keine Bestattungen mehr auf dem Gräberfeld gegeben hat. Sieht man die Angelegenheit aus der juristischen Perspektive, so gibt es keinen Zweifel daran, dass hier ein ehrenvolles Gedenken stattfinden muss. Immerhin geht es um den Erhalt und die Pflege der Gräber von Kriegsopfern, und dazu hat die Bundesregierung einer Verpflichtungserklärung zugestimmt.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare